Mainz-Sportdirektor über Duell gegen Werder

Schmidt: "Das ist wie ein Pokal-Spiel“

Der Mainzer Sportdirektor Martin Schmidt spricht im Interview über den Neustart, die Rückkehr zur Mainzer DNA, die atemberaubende Aufholjagd – und das so wichtige Bundesliga-Spiel gegen Werder Bremen.
21.04.2021, 13:42
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Von Hans-Günter Klemm
Schmidt: "Das ist wie ein Pokal-Spiel“

Der Mainzer Sportdirektor Martin Schmidt (rechts) im Gespräch mit Trainer Bo Svensson.

Thilo Schmuelgen/dpa

Sie haben sicherlich am Sonntag die Partie von Werder Bremen in Dortmund geschaut. Welchen Eindruck haben Sie von der Bremer Elf gewonnen, Martin Schmidt?

Die erste Hälfte habe ich nur nebenbei verfolgt, weil ich noch andere Dinge auf dem Schreibtisch hatte. Nach der Pause konnte ich das Spiel intensiver verfolgen. Zu Beginn hat Bremen gezeigt, was die Mannschaft auszeichnet. Spielerisch stark und schnell im Umschaltspiel. Dortmund hat dann rasch die Wende geschafft, auch dank Haaland. Werder hat nicht mehr zurückgefunden, musste am Ende klein beigeben und wurde sicherlich etwas unter Wert geschlagen.

Unterm Strich steht für Werder die fünfte Bundesliga-Niederlage in Folge. Ist die Elf angeschlagen? Vorteil für Mainz?

Dieses Resultat und diese Serie, beides hat für uns wenig Relevanz. Wir schauen nicht, woher der Gegner kommt. Hätte Werder zuletzt fünfmal gewonnen, würden wir auch nicht sagen: Wir haben dort keine Chance. Andererseits gehen wir nun auch nicht in die Partie mit der Einstellung: Die Punkte nehmen wir im Handumdrehen mit.

Werder hat Stärken im Konterspiel aus gesicherter Deckung, bekannt sind die Schwächen, wenn das Spiel selbst gestaltet werden muss. Welcher Matchplan bietet sich für Mainz am Wochenende an?

Wir verfolgen immer unseren eigenen Plan, ohne uns zu sehr am Gegner auszurichten. Ich glaube, dass Werder flexibel spielt und beide Spielweisen beherrscht. Sie können auch Ballbesitzfußball mit schnellem Kombinationsspiel auf engem Raum. Sie haben gewiss Qualitäten im Konterspiel durch flinke Stürmer wie Sargent und Rashica, die unterstützt werden durch ein starkes Mittelfeld. Wir stellen uns darauf ein, dass wir auf einen Gegner treffen, der uns alles abverlangen wird.

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Das Spiel gegen Hertha wurde am letzten Wochenende wegen der Quarantäne der Berliner abgesagt. Ist die 05-Elf dadurch aus dem Rhythmus gekommen?

Die Absage und Verlegung des Spiels spielen keine große Rolle. Zum Glück ist die nächste Partie schon wieder am Mittwoch. Anders wäre es gewesen, wenn wir eine Woche Pause gehabt hätten. So gab es nur einen kleinen Break, einen Tag lang. Danach konnten wir wie gewohnt den Spannungsbogen für das Bremen-Spiel aufbauen.

Wie ist die Gemütslage vor dem richtungsweisenden Spiel im Weserstadion?

So wie immer, seit wir im neuen Jahr unsere Arbeit aufgenommen haben. Seit Januar steht für uns Abstiegskampf an in jedem Spiel. Jede Partie war eine Art Pokalspiel. So war es vor den Aufeinandertreffen mit der Konkurrenz aus Bielefeld und Köln, so ist es nun gegen Werder. Wir sind diese Ausgangslage gewohnt.

Mainz hat eine außergewöhnliche Aufholjagd hingelegt. Nur sechs Punkte zur Jahreswende, danach in 15 Spielen kräftig mit 22 Zählern gepunktet, so dass 28 Pluspunkte auf dem Konto stehen und Werder bei einem Sieg überflügelt werden kann. Wie konnte das gelingen?

Am Anfang der Saison ist die Mannschaft oftmals unter Wert geschlagen worden. Als Christian Heidel und ich angetreten sind, haben wir Bo Svensson als neuen Trainer installiert und zusammen eine gründliche Analyse vorgenommen. Wir alle haben diese Herausforderung angenommen und unsere Maßnahmen haben gefruchtet.

Glauben Sie nun an den Klassenerhalt?

Unsere Lage hat sich enorm verbessert. Nur ein Fakt: In der Rückrunden-Tabelle belegen wir den fünften Platz. Doch der Abstiegskampf ist ein Marathonlauf, wir haben erst dreiviertel der Strecke zurückgelegt. Wir müssen das Rennen zu Ende laufen, mit gleichem Tempo und gleicher Intensität. Das Ziel ist erst erreicht, wenn wir im Mai über dem Strich stehen.

Als Sie kurz vor Neujahr angetreten sind, haben Sie einen Neustart versprochen mit dem Rückgriff auf „Mainzer Fußball-DNA“. Können Sie skizzieren, was damit gemeint war?

Unser Leitspruch lautet: „Vorwärts zu den Wurzeln“. Wir wollen das beherzigen, was Mainz stets stark gemacht hat. Die Identifikation mit dem Club, dieser unbedingte Wille, um jeden Punkt zu kämpfen, das Herz auf den Platz zu bringen, die Leidenschaft in allen Aktionen zu verkörpern. Das Ergebnis dieses Prozesses war, dass wieder eine Einheit auf dem Platz stand.

Welche Art von Fußball ist damit gemeint?

Ich nenne mal Stichworte: Balljagen, Pressing, Umschaltspiel. Es ist die Idee, um in der Liga zu bleiben. Ballbesitz steht noch nicht zwingend im Vordergrund. Natürlich wollen wir zukünftig unseren Spielstil weiter kultivieren. Wie die Mannschaft momentan agiert, muss nicht das Credo für immer und ewig sein.

Welchen Anteil hat der Trainer an der atemberaubenden Erfolgsgeschichte?

Mit dem neuen Trainer ergab sich auch eine neue Ansprache an die Mannschaft. Bo Svensson hat sofort den richtigen Zugang gefunden. Er kennt die Mainzer Eigenarten, aus den Zeiten als Spieler unter Klopp und Tuchel, als Co-Trainer bei mir und Trainer im NLZ. Dazu ist er durch die Red-Bull-Schule geprägt, hat so sein Wissen und seine Fähigkeiten ergänzt und optimiert.

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Sie haben die „Ahnengalerie“ der Mainzer Trainer angesprochen, die nun internationales Renommee genießen. Trauen Sie Svensson eine ähnliche Laufbahn zu?

Ich traue ihm einen Weg zu, wie ihn seine Vorgänger hingelegt haben. Seit drei Monaten jetzt in der Chefrolle, muss er natürlich noch lernen und Erfahrung sammeln. Doch in wesentlichen Dingen erinnert er mich schon jetzt an seine großen Vorgänger. Wenngleich er auch etwas sehr Eigenes und Spezielles schon jetzt verkörpert.

Was zeichnet ihn denn besonders aus?

Eine gewisse Ausstrahlung, die sich dokumentiert in der Art der Ansprache an die Mannschaft. Und seine menschliche Art. Bo verbindet Momente der Lockerheit, wenn er die Spieler in Eigenverantwortung entlässt, mit planvollem Arbeiten und der geforderten Intensität, sowohl im Training als auch im Spiel.

Im April 2020 sind Sie als Trainer in Augsburg entlassen worden. Nun amtieren Sie als Sportdirektor. Ist Ihre Trainerkarriere beendet?

Ich weiß nicht, was in fünf Jahren sein wird. Nun habe ich die Rollen gewechselt: von der rein operativen Ebene auf die zusätzlich strategische Ebene. In dem neuen Aufgabenfeld fühle ich mich wohl. Ich habe meine Kenntnisse und Erfahrungen als Trainer ja nicht verloren. Wer eine neue Sprache lernt, vergisst die alte nicht.

Ihre Vita weist Sie als Multitalent aus: Unternehmer im Textilbereich, Besitzer eines Autohauses, als Automechaniker aktiv in einem Rennstall der Tourenwagenserie, Skilehrer, engagiert im Profifußball. Wie haben Sie alles unter einen Hut gebracht?

Ich hatte mir in der Jugend vorgenommen, einmal selbstständig zu sein. Das ist mir geglückt. Mein Autohaus habe ich inzwischen verpachtet. An dem Textil-Unternehmen, das meine drei Schwester leiten, bin ich stiller Teilhaber. Alles andere im Leben habe ich nie geplant.

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