Nächster Werder-Gegner in der Analyse

Mainzer im Stilwandel

In kleinen Schritten, aber kontinuierlich treibt Sandro Schwarz die Entwicklung seiner Mannschaft voran. Zuletzt gab es zwar einige Rückschläge - davon sollte sich Werder aber nicht blenden lassen.
29.03.2019, 12:13
Lesedauer: 4 Min
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Von Stefan Rommel
Mainzer im Stilwandel
dpa

Das sind die Mainzer Stärken:

Mainz hat seine Kernkompetenzen der letzten Jahre, Intensität, Mentalität, Aggressivität, Gegenpressing, Umschaltverhalten, beibehalten und fügt nun nach und nach auch immer mehr spielerische Elemente zu. Sandro Schwarz hat sich nach einer schwierigen Phase zu Beginn seiner Amtszeit mittlerweile so richtig freigeschwommen und bastelt schrittweise am Umbruch der Mannschaft - mit durchaus beachtenswertem Erfolg.

Im Spiel mit dem Ball greift die Mannschaft immer öfter auf die Raute im Mittelfeld zurück und hat mit den beiden körperlich enorm starken Robin Quaison und Philippe Mateta zwei echte Brecher. Das bietet der Mannschaft nicht nur bestimmte Momente im letzten Drittel mit kleinen Steil-Klatsch-Kombinationen, weil die beiden Angreifer den Ball nicht nur gut behaupten, sondern auch ablegen können - und immer auch einen Plan B, wenn der tiefe Spielaufbau stockt.

Dann greift die Mannschaft doch auf das „alte“ Mittel der langen Bälle direkt in die letzte Linie zurück und rückt energisch nach. Grundsätzlich versucht Mainz mittlerweile aber, den Ball wirklich ruhig zirkulieren zu lassen und seine Angriffe sauber vorzubereiten. Zunächst bleiben die Außenverteidiger dabei recht tief, bis der Sechser gefunden wurde und aufdreht. Mit dem Überspielen der Pressinglinie des Gegners rücken die Außenverteidiger dann ins Übergangsdrittel auf.

Mit schönen Rochaden der Achter auf die Flügel öffnet die Mannschaft dann Passlinien für die Außenverteidiger, die druckvoll nach vorne agieren und phasenweise auch eine recht ungewöhnliche Aufgabe haben: Durch ihre hohe Positionierung mit dem Ball im Übergangsdrittel wird der Gegner in der letzten Linie stark gebunden - das wiederum schafft dem zentralen Mittelfeldblock mehr Optionen und Gleichzahl- oder sogar Überzahlsituationen.

Sind die Wege über die Flügel nämlich versperrt, scheut die Mannschaft nicht davor, auch riskanter durchs Zentrum zu spielen. In der Rautenformation sind dabei die Zwischenlinien und Halbräume sehr gut besetzt, was genügend Optionen bietet, um flach und mit Kurzpässen nach vorne zu kommen und dann am Sechzehner mit durchaus riskanten Zuspielen in die Schnittstellen in den Rücken der Abwehr zu kommen.

Funktioniert auch das nicht gegen einen kompakten Gegner, spielt die Mannschaft um den gegnerischen Block herum und versucht es mit Flanken aus dem Halbfeld. Hier ist die Besetzung des Strafraums ziemlich gut, neben den beiden wuchtigen Angreifern rückt mindestens noch ein Mittelfeldspieler nach, während ein anderer am Strafraum lauert, um einen zweiten Ball abzugreifen.

Im Spiel gegen den Ball bleiben die klassischen Kettenmechanismen das Mittel der Wahl. Mainz geht im Pressing variabel zu Werke, presst mal hoch mit den beiden Angreifern und versucht, mit dem Zehner im Anlaufen dann durchzuschieben und den Gegner nach außen zu drängen. Nach Durchschieben der restlichen Mittelfeldspieler ist sauber und besetzt den gegnerischen Sechserraum, spielt der Gegner den Ball mangels Alternativen im Zentrum lieber am Flügel, kommt sofort der Druck vom Außenverteidiger. Auch dahinter greifen dann die üblichen Mechanismen, um auf die ballnahe Seite durchzusichern.

Ein zentraler Aspekt ist es, den Gegner in so viele Zweikämpfe wie möglich zu verstricken. Hier liegt eine typische Mainzer Stärke, die auch die eher feinen Spielertypen im Mittelfeld gut verinnerlicht haben und Schwarz‘ Mannschaft deshalb oft auch mit klaren Mannorientierungen arbeiten lässt.

Das sind die Mainzer Schwächen:

Der Fokus auf das Verschieben oder das Zustellen des direkten Gegenspielers offenbart natürlich auch Schwachstellen, die die Mannschaft nicht immer gut kaschieren kann. In der Hinserie stellte Mainz noch eine der besten Defensiven der Liga, in der Rückserie ist die Balance in einigen Spielen komplett verloren gegangen, was in zum Teil satten Klatschen endete (1:5 gegen Leverkusen, 0:6 gegen die Bayern, jeweils 0:3 gegen Wolfsburg und Augsburg).

Im Grunde hat die Mannschaft mit drei konkreten Problemen zu kämpfen: Mit dem Umschaltverhalten nach einem eigenen Ballverlust, wenn etwa die Außenverteidiger nicht mehr schnell genug zurückeilen können, mit der Anfälligkeit der ballfernen Seite, wenn das Team extrem zum Ball geschoben hat und mit der fehlenden Zuordnung, wenn der Gegner etwa durch ein Dribbling oder eine schnelle Kombination die Mannorientierungen aufgebrochen hat und in Überzahl ins Mainzer Abwehrdrittel zieht.

Mainz ist immer sehr unangenehm in Gleichzahl, in diesen Unterzahlsituationen kann sich die Mannschaft aber (noch) nicht so gut behaupten. Da fehlt es schlicht an der individuellen Klasse und an der nötigen Reife der Mannschaft, die immer noch mitten in ihrem Lernprozess steckt.

Die mittlerweile deutlich zu vielen Gegentore (45) und auf der anderen Seite die wenigen selbst erzielten Treffer (erst 27) sind Beleg für die Probleme in beide Richtungen. Die Mischung auf 4-4-2 mit Raute und einem klassischen 4-3-3 verspricht einiges für die Zukunft, ist aber immer noch nicht gänzlich austariert.

Das ist der Schlüsselspieler:

In der Raute bleibt die Position vor der Abwehr die Sollbruchstelle und die dürfte wie in den letzten Spielen auch wieder Philippe Gbamin zukommen. In einer Mannschaft mit einigen sehr interessanten, jungen Spielern (Moussa Niakhate, Aaron, Jean-Paul Boetius, Jean-Philippe Mateta) ist Gbamin so etwas wie der Unverzichtbare. Nicht umsonst hat Mainz im Sommer als auch zuletzt in Winter alle Anfragen größerer Klubs für den 23-Jährigen rigoros abgeblockt. Gbamin ist ballsicher und ein ordentlicher Stratege, hat seine Stärken vielleicht sogar eher auf der Acht, wo er seine Dynamik und den guten Torabschluss noch besser einbringen könnte. Derzeit sieht ihn Schwarz aber als wichtige Figur in der Schaltzentrale, wo er unter anderem Königstransfer Pierre Kunde den Rang abgelaufen hat.

Die Umfrage zum Spiel gibt es hier:


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