Interview mit Ex-Trainer Markus Anfang: „Werder war der perfekte Klub“

Markus Anfang erzählt im Interview, wie er den Aufstieg von Werder erlebt hat, welchen Anteil er für sich reklamiert, wie er auf den Impfpass-Skandal zurückblickt und wie er seine Zukunft plant.
23.05.2022, 17:51
Lesedauer: 6 Min
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Von Björn Knips

Fast genau ein halbes Jahr ist es her, das Markus Anfang mit seinem gefälschten Impfpass aufflog und dadurch seinen noch recht frischen Job als Trainer des SV Werder Bremen verlor. Inzwischen ist der 47-Jährige dafür vom Amtsgericht Bremen zu einer Geldstrafe von 36.000 Euro verurteilt worden, der Deutsche Fußball-Bund (DFB) hat ihn als Trainer bis zum 10. Juni gesperrt und der SV Werder ist mit Anfangs Nachfolger Ole Werner aufgestiegen. Wie der Rheinländer diesen Moment erlebt hat, welchen Anteil er am Aufstieg für sich reklamiert, wie er auf den Impfpass-Skandal zurückblickt und wie er als weiterhin Ungeimpfter seine Zukunft als Trainer plant, berichtet Markus Anfang im Interview mit unserer Deichstube.

Herr Anfang, fühlen Sie sich als Aufsteiger?

Markus Anfang: Wenn man ein Teil der Saison war, dann ist man am Ende vielleicht auch ein Teil von dem, was dabei herausgekommen ist. Der Großteil liegt natürlich bei Ole Werner und Patrick Kohlmann, die einen super Job gemacht haben. Ich habe Werder damals in einer ganz schwierigen Situation übernommen. Dabei wurde ich oft als die ärmste Sau im Laden bezeichnet, weil man nie wusste, wie der Kader am nächsten Tag aussieht. Das habe ich aber nie so gesehen. Ich war nie alleine, sondern immer im Austausch mit Frank Baumann und Clemens Fritz. Ich habe den Kader mitgestaltet. Und die Tatsache, dass im Winter nichts verändert wurde, zeigt doch, dass wir ganz gut gelegen haben.

Hätten Sie mit Werder auch den Aufstieg geschafft?

Als Trainer hast du diese Überzeugung, aber das ist eine hypothetische Frage, die ich nicht beantworten kann. Ich kann nur sagen: Ich war mit Kiel in der Relegation, bin mit Köln aufgestiegen – und als ich bei Werder nach dem 13. Spieltag ausgeschieden bin, lagen wir drei Punkte hinter Schalke, fünf hinter dem Relegationsplatz und sechs hinter dem direkten Aufstiegsplatz.

Wie haben Sie das entscheidende Spiel gegen Regensburg verfolgt?

Ich konnte es nur nebenbei laufen lassen, weil ich zu sehr mitgefiebert habe. Ich habe mir den Aufstieg so sehr gewünscht, weil ich bei Werder nur tolle Menschen kennengelernt habe und weil es dieses ganze Umfeld einfach verdient hat.

Haben Sie sich die Aufstiegsfeierlichkeiten angeschaut?

Nein. Mir hat das Spiel gereicht. Ich habe mich auch so riesig gefreut.

Zu wem bei Werder hatten Sie anschließend Kontakt?

Ich habe mit einigen Spielern per Whatsapp geschrieben, auch mit Clemens Fritz und Frank Baumann.

Sie sprechen Frank Baumann an. Obwohl Sie ihn in der Impfpass-Affäre bis zuletzt belogen haben, betont er immer wieder Ihren Anteil am Aufstieg. Warum macht er das?

Frank weiß genau, wie meine Situation war, wie ich mich gefühlt habe. Er weiß, dass ich grundsätzlich ein aufrichtiger und ehrlicher Mensch bin. Das habe ich jahrelang bewiesen. Aber in der Sache habe ich gelogen, und dafür habe ich mich bei ihm entschuldigt.

Sie haben oft angemerkt, wie wichtig Ihnen Ehrlichkeit ist. Wie wollen Sie dieses Vertrauen zurückbekommen?

Wenn man einen Fehler begangen hat, sind drei Dinge entscheidend. Erstens: Man muss die Konsequenzen ziehen. Deshalb bin ich zurückgetreten. Zweitens: Man muss die Strafe akzeptieren, die man dafür bekommt. Das habe ich getan. Drittens: Man muss sich entschuldigen. Das habe ich sogar öffentlich gemacht.

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Werder-Boss Klaus Filbry hat mal gesagt, Sie seien irgendwann falsch abgebogen. Wann war das?

Er hat auch gesagt, dass er meine Situation kennt und meine gesundheitlichen Sorgen berechtigt sind. Er weiß, wie ich denke, der ganze Verein weiß das. Deswegen muss ich das hier nicht mehr groß erklären.

Durch den gefälschten Impfausweis waren Sie bei Werder raus aus der Testpflicht. Deswegen nehmen Ihnen viele dort übel, dass sie von Ihnen in unnötige Ansteckungsgefahr gebracht worden sind. Können Sie das verstehen?

Sicherlich, ich habe mich allerdings jeden Morgen getestet und war nie positiv. Es war doch mein größtes Interesse, dass es bei uns keinen positiven Fall gibt. Ich habe mich auch danach immer getestet, wenn ich mich mit anderen Menschen getroffen habe.

Von wem haben Sie sich in der sicher nicht leichten Zeit nach ihrem Ende in Bremen helfen lassen?

Ich bin nach Hause und habe mich um meine Familie gekümmert. Das war das Wichtigste.

Wie geht die Familie damit um?

Meine Familie hat genug mitgemacht, deswegen möchte ich sie jetzt komplett raushalten.

Was haben Sie in den vergangenen Wochen gemacht?

Das ist ganz einfach: Ich habe versucht, zu mir zu finden und mit der Familie zur Ruhe zu kommen.

Wenn Sie trotzdem mal rausgegangen sind, wie waren da die Reaktionen?

Da habe ich viel Kopfschütteln erlebt – und zwar über die Darstellung meiner Situation in der Öffentlichkeit. Wildfremde Menschen haben zu mir gesagt, dass es Wahnsinn sei.

Haben Sie es auch als Wahnsinn empfunden?

Darüber habe ich mir kaum Gedanken gemacht. In meinen Gedanken ging es nur um meine Familie.

Die Geschichte liegt ein halbes Jahr zurück, an welchem Punkt sehen Sie sich jetzt?

Ich bin zurückgetreten, ich habe meine Strafen bekommen, ich habe mich öffentlich entschuldigt. Das ist jetzt ein Fehler, der leider zu mir gehört. Aber mein Leben geht weiter.

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Wollen Sie wieder als Trainer arbeiten?

Wenn man so viel Leidenschaft hat wie ich und wenn man sieht, wie die letzten Stationen meiner Karriere sportlich gelaufen sind, dann war das nicht so verkehrt von mir als Trainer.

Fürchten Sie, keinen Trainer-Job mehr zu bekommen?

Die Sorge habe ich nicht.

Ab dem 10. Juni dürfen Sie wieder arbeiten, so hat es der DFB entschieden. Haben sich bereits Klubs gemeldet?

Ich hatte schon mehrere Gespräche – sogar recht zeitnah nach meinem Rücktritt.

Wo sehen Sie sich als Trainer?

Ich lasse gerne guten und erfolgreichen Fußball spielen. Ich freue mich einfach, wenn ich mit den Jungs auf dem Platz stehen darf, ihnen helfen kann und sie glücklich vom Platz kommen. Wenn ich das wieder vermitteln und wieder meine Leidenschaft versprühen kann, dann bin ich glücklich.

Noch mal zurück zu Werder: Wer und was hat Sie in den vergangenen Wochen am meisten beeindruckt?

Vor allem, dass alle recht konstant gesund geblieben sind und durchspielen konnten. Das hinzubekommen, war im Sommer unsere Hauptaufgabe. Als ich kam, war die Mannschaft nicht so stabil, da war viel im Argen. Da mussten wir viel aufbauen. Bei einer Sache musste ich übrigens an Köln denken.

Bei welcher?

Es ist ein guter Weg, vorne zwei Stürmer zu haben, die harmonieren. In Köln hatten wir von Beginn an Jhon Cordoba und Simon Terodde. In Bremen haben wir erst später Marvin Ducksch zu Niclas Füllkrug dazubekommen.

Aber Füllkrug haben Sie doch auf die Bank gesetzt.

Niclas war damals noch nicht bei 100 Prozent. Wie einige andere auch nicht. Du brauchst auch möglichst alle Mann an Bord, um so zu spielen, wie du dir das wünscht. Dann hatten wir noch den Zwischenfall mit Niclas. Gegen St. Pauli und Nürnberg haben wir es schließlich von Beginn an mit zwei Stürmern probiert, und es hat gut funktioniert.

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Das stimmt. Ole Werner hat ja auch mehrfach gesagt, dass er auf dieser Grundformation aufbauen konnte.

Es gibt aber nicht wenige, die sagen: Ole Werner ist ein Glücksfall, der passt viel besser zu Werder als Sie. Tut das weh?

Nein, das ist doch vollkommen legitim. Ole Werner und Patrick Kohlmann haben das super gemacht. Wir haben die Mannschaft übergeben, als wir auf einem guten Weg waren. Stammspieler wie Leonardo Bittencourt, Ömer Toprak und Christian Groß waren gerade zurück.

Wird das Sturmduo Ducksch/Füllkrug auch in der ersten Liga so oft treffen?

Da halte ich mich raus. Es ist nicht meine Aufgabe, das zu beurteilen. Ich kann nur sagen: Werder gehört einfach in die Bundesliga. Ich drücke die Daumen, dass Werder dort auch bleibt.

Könnten Sie sich vorstellen, irgendwann wieder für Werder zu arbeiten?

Im Fußball kann immer alles passieren, auch wenn man sich das im Moment nicht vorstellen kann.

Was nehmen Sie aus Ihrer Werder-Zeit mit?

Werder ist ein sehr aufgeräumter, ruhiger, familiärer Verein, auch wenn das im Sommer nicht immer so wirkte. Aber die handelnden Personen haben die Ruhe bewahrt. Vor allem Frank Baumann. Frank ist ein ganz toller Mensch und ein herausragender Geschäftsführer Sport. Er legt eine unglaubliche Empathie und Fachkenntnis an den Tag. Er strahlt eine ganz besondere Ruhe aus. Ich möchte da auch Clemens Fritz und Klaus Filbry erwähnen. Werder kann glücklich sein, solche Persönlichkeiten zu haben. Ich habe mich wahnsinnig wohlgefühlt. Werder war der perfekte Klub für mich.

Das Gespräch führte Björn Knips.

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