Düsseldorfs Trainer Funkel im Interview „Max Kruse fehlt Werder überall“

Vor dem Kellerduell mit Bremen spricht Düsseldorfs Trainer Friedhelm Funkel im Interview mit dem WESER-KURIER über Werders Absturz, das Verhalten von Florian Kohfeldt und über Vertrauen am Tabellenende.
16.01.2020, 11:36
Lesedauer: 8 Min
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Von Jean-Julien Beer

Die Rückrunde startet mit einem Kellerduell, Platz 16 gegen Platz 17, Fortuna Düsseldorf gegen Werder Bremen. Wie wichtig ist der Ausgang dieses Spiels für die kommenden Wochen, Herr Funkel?

Friedhelm Funkel: Gut in die Rückrunde zu starten, ist natürlich immer wichtig. Das wollen wir, und das will auch Werder. Aber ich habe meiner Mannschaft diese Woche auch gesagt: Das ist nur eines von 17 Spielen. Wer dieses Spiel verliert, ist noch längst nicht abgestiegen. Es ist nicht das alles entscheidende Spiel, in dem man sich retten kann. So groß darf man es nicht machen. Es ist ein wichtiges Spiel, aber auch nicht mehr.

Allerdings könnte sich die Fortuna mit einem Sieg schon etwas von Werder absetzen. Vier Punkte Abstand – das wäre schon ein kleiner Puffer.

Ich glaube nicht, dass vier Punkte schon ein Puffer wären. Es wäre natürlich schön für uns, das ist gar keine Frage. Aber vier Punkte sind sehr schnell aufzuholen. Da gewinnst du zweimal, und der Gegner lässt was liegen – dann bist du schon wieder vorbei.

Werders schleichender Absturz auf Platz 17 hat viele im Verein und in Bremen total überrascht. Sie auch?

Ja, das hat mich natürlich auch überrascht. Denn Werder wirkte vor der Saison sehr, sehr stabil. Das ist eine Mannschaft, die ja auch selber ganz andere Ambitionen hatte. Es gibt aus meiner Sicht aber zwei Gründe für die Probleme: Sie hatten sehr viel Verletzungspech, es sind ja immer wieder viele und wichtige Spieler lange ausgefallen. Und diese Spieler brauchen danach auch immer eine gewisse Zeit, um wieder auf ihr Niveau zu kommen, und schon ist dann der nächste ausgefallen. Das war keine einfache Situation für meinen Kollegen Florian Kohfeldt.

Und was ist der zweite Grund?

Ganz klar der Weggang von Max Kruse. Er ist der Fixpunkt der letzten Jahre gewesen, er war der Mann, der beinahe das Leben der gesamten Mannschaft bestimmt hat. Und das meine ich nur positiv. Wie er Akzente gesetzt hat, und auch wie er manchmal eine Angriffsfläche für die Medien war. Die anderen Spieler konnten sich etwas dahinter verstecken. Er musste sich nicht verstecken. Er hat zwar auch mal eine schwächere Phase gehabt, aber Werder Bremen war in den letzten zwei, drei Jahren sehr häufig einfach Max Kruse. Er hat andere mitgezogen, in seinem Schatten sind jüngere Leute gewachsen, er wirkte wie ein Schutzschild für die Mitspieler. Er war der Dreh- und Angelpunkt, da gibt es überhaupt kein Vertun. Ich sage selten, dass das Spiel von einem einzigen Mann abhängig ist, aber er hat schon sehr viel positive Energie in diese Mannschaft gebracht. Er war Streitpunkt und streitbar, er hat viele Diskussionen geführt – ich muss sagen: Ich bin ein Fan von Max Kruse gewesen. Und bin es immer noch.

Kruse fehlt allein schon durch vermeintliche Kleinigkeiten: Er hat die Elfmeter ins Tor geschossen. In der Hinrunde vergab niemand mehr Elfmeter als Werder. Auch das kostete Punkte.

Ich sage ja: Er fehlt überall. Natürlich können die Bremer Verantwortlichen das nicht so deutlich sagen und sie werden auch alles versucht haben, ihn zu halten. Davon bin ich überzeugt. Aber irgendwann kommst du an den Punkt, wo das nicht klappt oder der Spieler woanders hin möchte. In jedem Fall ist Kruse für mich ein wichtiger Grund dafür, dass Werder in den letzten Monaten nicht so konstant spielte. Man sagt immer, dann müssen es halt andere übernehmen, wenn so ein Fixpunkt wie Kruse nicht mehr da ist. Das wollen die anderen ja auch und haben gute Ansätze. Aber: Das ist nicht so leicht.

Ihre Mannschaft weiß seit Saisonbeginn: Wir kämpfen darum, in dieser Liga zu bleiben. Werder wollte ursprünglich nach Europa, die Spieler hielten sich lange „für zu gut für den Abstieg“. Ist das ein Vorteil für die Fortuna?

Ich bin mir nicht sicher, ob das ein Vorteil ist. Ich glaube, mittlerweile hat Werder das auch verstanden, dass es wirklich um den Klassenerhalt geht. Wir wissen das von Anfang an, das ist zumindest kein Nachteil für uns. Als Florian Kohfeldt bei Bremen anfing in der Bundesliga, da waren sie auch im Abstiegskampf. Und er hat damals genau mit diesem offensiven Fußball, für den er steht, die Klasse gehalten. Aber, noch einmal: Damals hatte er einen Max Kruse im Team. Jetzt wollen sie auch wieder versuchen, durch mutigen und offensiven Fußball da unten heraus zu kommen. Florian hat aber, glaube ich, gemerkt, dass es diesmal nicht ganz so umzusetzen ist wie damals. Sie spielen jetzt ein bisschen zurückhaltender, auch wenn er seinen Stil als Trainer nie ganz verlieren wird. Das ist auch gut so. Werder hat mit Kevin Vogt nun einen richtig guten Spieler verpflichtet, der zur Philosophie des Trainers passt. Wenn er mit der Dreierkette spielen will, dann ist Kevin zentral ein Klasse-Spieler, das muss man einfach sagen. Ihm fehlt vielleicht ein wenig Spielpraxis, weil er in den letzten Wochen bei Hoffenheim nicht mehr so viel gespielt hat.

Wie Sie schon sagen, Werder will sich aus der Krise spielen. Wenn man sich die Trainingspläne Ihrer Fortuna anschaut, mit vielen Einheiten zur Spieleröffnung und Pressingmomenten, ist das aber auch keine Kloppertruppe. Das klingt nicht so, als würden zwei verschiedene Modelle aufeinander prallen. Fortuna spielt auch Fußball.

Das stimmt, es sind keine völlig verschiedenen Ansätze. Wir spielen auch Fußball. Und es ist in den vergangenen Tagen ja viel darüber geschrieben worden, dass Werder vielleicht zu viel frei gemacht hätte in der Vorbereitung. Dazu möchte ich mal sagen: Das kann ich mir nicht vorstellen. Jeder Trainer weiß sehr genau, was seine Mannschaft braucht. Und es gibt nicht das Idealkonzept. Ob ich einmal am Tag trainiere oder dreimal, ob ich einen halben Tag frei mache oder zwei: Das ist nicht entscheidend dafür, ob ich in den ersten Wochen der Rückrunde Spiele gewinnen oder verliere. Das hängt an anderen Faktoren. Sobald die Bundesliga am Freitagabend loslegt, spielt die Vorbereitung eine untergeordnete Rolle. Entscheidend ist, was dann auf den Plätzen los ist. Und da wird jede Bundesligamannschaft vom körperlichen Zustand her in der Lage sein, guten und temporeichen Fußball zu spielen. Und dann hängt es an Kleinigkeiten. Zweikämpfe gewinnen, Schiedsrichterentscheidungen, Latte und Pfosten. Aber dass Florian Kohfeldt seine Mannschaft nicht gut vorbereitet hätte, das schließen wir mal aus.

Sie haben die letzten beiden Spiele gegen Bremen gewonnen, mit 3:1 und 4:1. Sie scheinen zu wissen, wie man Werder bespielen muss.

Beim 4:1 hatten wir einen richtig guten Lauf, das war zum Ende der vergangenen Saison. Da haben wir eine Rückrunde gespielt, die einfach der Wahnsinn war. Da ist uns alles gelungen. Beim 3:1 am ersten Spieltag darf man nicht vergessen, dass wir sehr viel Glück hatten. Werder war permanent überlegen und hatte viele Torchancen. Unser Torhüter Zack Steffen hat an dem Tag unglaublich gehalten. Und wir haben aus unseren vier Chancen drei Tore gemacht. Das war schon ein sehr glücklicher Sieg. Beide Spiele bedeuten nicht, dass wir am Wochenende auch das dritte Duell gewinnen. Es wird aber sehr interessant, das ist ganz klar. Beide Mannschaften müssen erst wieder in den Rhythmus kommen, auch wenn die Pause nicht so lange war. Die Bremer werden gut gearbeitet haben. Florian Kohfeldt ist ein Trainer, der sehr klar ist und der eine gute Zukunft vor sich haben wird, davon bin ich überzeugt. Er wird die Mannschaft bestmöglich auf uns einstellen, davon gehen wir aus.

So eine Spirale des Misserfolgs, wie Werder sie in der Hinrunde erlebte, bedeutet extremen Druck für den Trainer. Florian Kohfeldt stellt sich trotzdem jede Woche vor seine Mannschaft und vorne in den Wind. Fühlen Sie als erfahrener Trainer mit Ihrem jungen Kollegen?

Ja. Und ich finde toll, wie er das macht. Das muss ich ganz klar sagen. Er versteckt sich nicht, das gefällt mir einfach. Er geht auch in schlechten Zeiten immer voran – und da, genau da entscheidet sich, wo der Weg eines jungen Trainers hingeht. Er sucht keine Alibis und stellt sich den Problemen. Deshalb sage ich: Kohfeldt wird eine gute Zukunft in der Bundesliga haben.

Die Teams am Tabellenende haben sich in der Winterpause alle verstärkt: Paderborn, Werder, Düsseldorf und Köln. Werden die Karten neu gemischt, zumal gefühlt die halbe Liga im Abstiegskampf steckt?

Ich glaube schon. Durch neue Spieler versucht man ja, neue Impulse zu setzen. Wir haben mit Steven Skrzybski einen Stürmer geholt, den ich vor eineinhalb Jahren schon haben wollte, weil er einfach ein guter Typ und ein guter Spieler ist. Das ist ähnlich wie nun bei Bremen und Vogt: Er kennt die Liga und hat keine lange Eingewöhnungsphase. Sie haben in Ihrer Frage die vier Mannschaften unten genannt, die jetzt am Ende der Tabelle stehen. Ich glaube aber, dass noch die ein oder andere Mannschaft unten rein rutscht, die jetzt noch vier oder fünf Punkte weg ist. Manche Teams werden in der Rückrunde nicht mehr so viele Punkte holen, wie ihnen das in der Hinrunde gelungen ist. Wir und Werder, wir müssen mehr Punkte holen. Wir müssen aufholen. Und das werden wir mit aller Macht versuchen.

Eine dieser Mannschaften, die nur vier oder fünf Punkte mehr hat als Düsseldorf und Bremen, ist Hertha BSC. Dort scheint man aber mit Jürgen Klinsmann, den Investor-Millionen und einem Performance-Manager in andere Dimensionen zu wollen. Ist das noch ein Konkurrent im Keller – oder geht die wirtschaftliche Schere nun auch hier schon auseinander?

Mit den Möglichkeiten, die Hertha jetzt hat, werden sie im Winter noch ein oder zwei Spieler verpflichten. Ob es die großen Namen werden, die zuletzt gehandelt wurden, kann ich mir für diesen Winter nicht vorstellen. So richtig weiß ich noch nicht, was ich über Berlin denken soll. Sie haben jetzt ein paar Punkte geholt mit Jürgen Klinsmann, haben jetzt aber das schwere Auftaktspiel gegen Bayern München. Man muss mal abwarten, wie sie aus den Startlöchern kommen. Endgültig verabschiedet aus dem Keller sehe ich Hertha noch nicht.

Auffallend ist, dass die letzten Drei der Tabelle nicht den Trainer gewechselt haben. Ist das ein Trend, dem gemeinsamen Weg mehr Zeit zu geben? Sie haben Ihren Vertrag ja sogar bis 2021 verlängert…

Einige andere Vereine haben den Trainer gewechselt, wie Köln, Hertha oder Mainz. Deshalb ist es wohl eher kein Trend. Was aber uns drei Trainer am Tabellenende betrifft: Da kann man schon von einem Vertrauensverhältnis im Verein sprechen. Man kennt uns, wir haben schon erfolgreich mit unseren Mannschaften gearbeitet. Jeder kann einschätzen, wie wir im Umfeld ankommen, das ist ja auch sehr wichtig, bei den Fans und den Medien. Ob Steffen Baumgart in Paderborn, Florian in Bremen oder ich bei Fortuna: Wir haben mit unseren Vereinen in den letzten Jahren tolle Erfolge gehabt. Deshalb traut man uns auch zu, die Klasse zu halten. Das ist natürlich angenehm, aber wir lehnen uns deshalb nicht zurück und denken: Wir werden eh nicht beurlaubt. Wir müssen in den nächsten Wochen auch punkten, aber wir haben vielleicht etwas mehr Vertrauen als die Kollegen, die beurlaubt wurden. Und das wollen wir jetzt auch zurückzahlen. Das ist eben auch ganz wichtig.

Was erwarten Sie von dieser Bundesliga-Rückrunde? Es scheint diesmal sehr spannend zu werden…

Ja, endlich mal wieder! Endlich stehen wir wieder vor einer Rückrunde, wo wir nicht wissen, wer Meister wird. Und wo man auch jetzt noch nicht absehen kann, wer möglicherweise absteigt. Das war zuletzt auch oft anders. Vergangenen Winter mussten die Bayern zwar auch aufholen, aber irgendwie hat man es ihnen zugetraut. Diesmal ist alles sehr eng, auch im Kampf um die europäischen Plätze. Das verspricht eine tolle Rückrunde zu werden. Es wird vor allem an der Spitze megaspannend mit Leipzig, Gladbach, Dortmund, Bayern und vielleicht auch Schalke. Da darf sich keiner einen Ausrutscher erlauben. Im Keller ist es auch eng, bis rauf zu Union Berlin, die jetzt zwar schon 20 Punkte haben, die aber auch noch nicht gerettet sind. Das war fantastisch, wie Union das gemacht hat. Aber das müssen sie jetzt wiederholen. Ob ihnen das gelingt, muss man abwarten. Ich freue mich richtig auf diese Rückrunde!

Das Gespräch führte Jean-Julien Beer.

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