Werders Gegner Augsburg in der Analyse

Mehr Probleme als Lösungen

Die ersten Pflichtspiele haben gezeigt, dass der FC Augsburg für Werder ein sehr ausrechenbarer Gegner ist. Nach einem großen Umbruch ist Neuzugang und Routinier Stephan Lichtsteiner der Schlüsselspieler.
31.08.2019, 16:35
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Von Stefan Rommel
Mehr Probleme als Lösungen
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Der FC Augsburg kann immer noch ein sehr unbequemer Gegner sein, hat in der noch jungen Saison aber doch schon einige Schwachstellen offenbart und mit den großen Umwälzungen im Kader zu kämpfen.

Das sind Augsburgs Stärken:

Die Grundordnungen im Augsburger Spiel sind gelernt, die Abläufe in beide Richtungen im Prinzip auch. Gegen den Ball wird in der Regel in einem 4-4-2 verteidigt, das den Gegner ab Höhe der Mittellinie empfängt. Die eingestreuten Phasen des höheren Angriffspressing sind für den Gegner unangenehm, aber eher die Ausnahme. Augsburg legt das Augenmerk auf eine sehr kompakte Verteidigungsstrategie im Zentrum. Ab und an verteidigt die Mannschaft auch über das gesamte Spielfeld mit klaren Zuteilungen, gerade im höheren Pressing wird dann mannorientiert verfolgt und zugestellt.

Dabei greift Trainer Martin Schmitt fast immer auf „eigene“ Inhalte zurück und orientiert sich nicht mehr so sehr am Gegner wie sein Vorgänger Manuel Baum, der doch sehr viel anpasste und umstellte. Schmitts Augsburg spielt deshalb unter anderem auch in den Momenten nach einem Ballverlust nicht mehr so riskant. Die Tendenz geht eher in ein sicheres Fallen in die Grundordnung, statt geschlossen zum Ball aufzurücken. Das soll Sicherheit bringen und die Tiefe im eigenen Rücken kontrollieren, was bisher auch ganz gut funktioniert hat.

Grundsätzlich zeichnet sich die Mannschaft durch eine enorme Körperlichkeit aus. Ohne Ball bedeutet das viel Laufarbeit für den FCA und viele Zweikämpfe für den Gegner. Auf beides ist die Mannschaft gut vorbereitet. Auch mit dem Ball sind Wucht und Geschwindigkeit die vorrangigen Parameter. Augsburg spielt einen sehr direkten Fußball, sucht schnell das Tempo in seinen Aktionen.

Auf dem Papier steht ein 4-2-3-1 mit dem Ball, durch das Abkippen eines Sechser und das hohe Aufrücken der Außenverteidiger plus die Momente der einrückenden Flügelangreifer ist an sich eine gute Struktur vorhanden, um über mehrere Zonen und Linien nach vorne zu kombinieren. Das Hauptaugenmerk liegt aber nicht etwa auf dem Positions- oder Ballbesitzspiel, sondern auf dem Kampf um zweite Bälle und vor allen Dingen schnellen Umschaltaktionen nach Ballgewinnen.

Spielt die Mannschaft geordnet nach vorne, sind die beiden Flügel mit den sehr umtriebigen Dampfmachern Philipp Max und Stephan Lichtsteiner gefährlich, die mit ihren dynamischen Läufen und Flanken permanent für Unruhe sorgen können - weil der FCA im Zentrum dann in Alfred Finnbogason, Michael Gregoritsch, Andre Hahn oder Florian Niederlechner sehr robuste, kopfballstarke Abnehmer hat. Niederlechner ist zudem mit dem Rücken zum Tor ein sehr schlauer Spieler, kann Bälle nicht nur hervorragend festmachen und ablegen, sondern sich auch schnell um den Gegner winden und selbst den Weg zum Tor suchen.

Das sind Augsburgs Schwächen:

Der Plan A der Mannschaft in der Offensive kann jedem Gegner weh tun. Greift die Idee mit Tempo, Flügelangriffen, Flanken und Abschlüssen im Strafraum aber nicht, dann steht die Mannschaft ziemlich blank da. Augsburg ist bisher nicht auffällig geworden mit einem ausgeprägten Positionsspiel oder einer besonderen Kreativität im Aufbau. Daran hapert es doch gewaltig, weshalb eher selten flach und kontrolliert aufgebaut wird, um sich den Gegner zurechtzulegen und Räume zu schaffen. Stattdessen geht es schnell direkt in die Spitze oder auf den Flügel, Daniel Baier im Dreieraufbau spielt dann viele Diagonalbälle auf die aufgerückten Außenverteidiger oder - wenn das nicht funktioniert - geht auch mal einfach die Linie entlang mit einem Chipball des jeweiligen Innenverteidigers. Das kann funktionieren, ist aber nicht nur recht simpel, sondern auch kaum überraschend für den Gegner und eigentlich gut zu lesen.

Augsburg kann die nötige Vertikalität entwickeln - aber nicht über kurze, mit einem oder zwei Kontakten gespielte Kombinationen durchs Zentrum oder die Halbräume. Dafür ist das Positionsspiel zu schwach, es fehlen abgesehen vom Einrücken der Flügelangreifer zudem die nötigen Bewegungen und letztlich dann auch Staffelungen. Ein hohes, aggressives Pressing des Gegners bei gleichzeitiger Konzentration auf den unweigerlich folgenden langen Schlag und Kampf um den Abpraller sorgt deshalb für massive Probleme im Augsburger Offensivspiel.

Wegen des schwachen Positionsspiels kommt die Mannschaft auch nur selten in gute Gegenpressingmomente. Schmitts ursprünglicher Plan, über (Gegenpressing und) Pressing zu Umschaltmomenten und damit Torchancen zu kommen, ist nur dann auch ein guter Plan, wenn die Mannschaft in diese Momente aufrücken und Balldruck erzeugen kann. Davon war in den ersten beiden Ligaspielen und phasenweise auch im Pokal gegen den Viertligisten aus Verl nichts zu sehen.

Etwas lapidar formuliert hat Augsburg enorme Probleme mit Mannschaften, die ähnlich wie der FCA spielen und vor allen Dingen verteidigen, das Pokal-Aus in Verl und das magere Remis gegen Union am letzten Wochenende lieferten dafür die besten Beispiele. Das ist für Werder eine gute und eine schlechte Nachricht zugleich: Es macht Augsburg bis zu einem gewissen Grad ausrechenbar. Andererseits ist Werders Ansatz ein sehr spielerischer - und damit kommt Augsburg in der Regel deutlich besser zurecht als gegen Gegner, die selbst wenig den Ball haben wollen.

Das ist der Schlüsselspieler:

Hinteregger, Danso, Stafylidis, Schmid - Augsburg hat nicht nur eine komplette Abwehrreihe verloren, sondern in Koo und Ji dazu noch zwei sehr erfahrene Spieler. Fast alle Zugänge sind aus schwächeren Ligen als der Bundesliga nach Augsburg gekommen und werden sich erst an das Niveau anpassen müssen. Nicht so Stephan Lichtsteiner. Der Schweizer ist zwar schon 35 Jahre alt und vielleicht etwas über den Zenit seines Schaffens hinaus. Für eine Mannschaft wie Augsburg mit zehn Abgängen und zwölf Zugängen, einem ziemlich verkorksten Saisonstart und ohne den Wortführer und Abwehrchef Jeffrey Gouweleeuw ist einer wie Lichtsteiner mit seiner Erfahrung und Ruhe aber Gold wert. Zusammen mit Baier und Rani Khedira soll er den Laden lenken und mit seinen Flügelläufen eine neue Dynamik einbringen.

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