Eilts‘ Erlebnisse

Mein letzter Titelgewinn

Dieter Eilts war Europameister, Deutscher Meister, Europapokalsieger. Für Mein Werder blickt die Werder-Legende auf besondere Erlebnisse seiner Karriere zurück. Heute: der Pokalsieg 1999.
05.04.2019, 19:42
Lesedauer: 5 Min
Zur Merkliste
Von mw
Mein letzter Titelgewinn
imago

Am 10. Mai 1999 übernahm Thomas Schaaf den Cheftrainerposten bei Werder Bremen, und danach ging es Schlag auf Schlag. Keine drei Wochen später beendeten wir als Tabellen-13. die Bundesliga-Saison 1998/99 und schafften es somit, den Abstieg zu verhindern. Aber das Highlight der Saison sollte noch folgen: das Pokalfinale am 12.Juni 1999 in Berlin - ausgerechnet gegen den frisch gebackenen deutschen Meister FC Bayern München. Kaum jemand hatte damit gerechnet, doch gegen diesen absoluten Topfavoriten gelang mir tatsächlich mein letzter Titelgewinn.

14 Tage lagen zwischen dem letzten Ligaspiel und dem Pokalfinale. Eine sehr lange Zeit, die für uns als Mannschaft von großer Bedeutung war. In den ersten Spielen, in denen Thomas Schaaf das Sagen hatte, ging es nur ums Gewinnen. Es ging ums nackte Überleben für uns als Mannschaft und für den SV Werder als Verein. Jetzt hatte unser neuer Chefcoach erstmals die Möglichkeit, in Ruhe und ohne Druck mit der Mannschaft zu arbeiten. Er hatte endlich die Zeit, den Spielern etwas von seiner ihm eigenen Spielphilosophie zu vermitteln.

Wir waren in dem Finale der krasse Außenseiter. Wir konnten nur gewinnen und die Bayern konnten nur verlieren. Zuvor hatten sie am 26. Mai 1999 das Champions-League-Finale gegen Manchester United im altehrwürdigen Camp Nou in Barcelona bestritten. Und wer erinnert sich nicht an dieses legendäre Finale? Die Münchner führten ab der sechsten Minute durch ein Tor meines ehemaligen Mitspieler Mario Basler. Sie sahen lange wie der sichere Sieger aus. Kurz vor Spielende wurden Franz Beckenbauer und andere Funktionäre von ihren Plätzen in den Innenraum des Stadions gebracht. Als sie den Innenraum betraten, lag Bayern jedoch plötzlich mit 1:2 in Rückstand. Die Bayern mussten eine der bittersten, brutalsten Niederlage ihrer Vereinsgeschichte hinnehmen.

Schaafs Bayern-Taktik

Unterdessen bereitete uns Thomas Schaaf in aller Ruhe auf das Finale in Berlin vor. Unmittelbar vor dem Endspiel bezogen wir unser Quartier in der Berliner Sportschule am Wannsee. Dort konnte der Trainer uns in aller Abgeschiedenheit den letzten Schliff für das bevorstehende Duell mit den Bayern verpassen. Wir wollten aus einer kompakten Defensive heraus immer wieder Nadelstiche setzen und die Bayern verunsichern. Er gab uns aber nicht nur ein klares taktisches Konzept mit an die Hand, sondern er hat auch klar gesagt, dass wir das Spiel genießen und unseren Spaß auf dem Platz haben sollen.

Dass wir sein Konzept im Spiel so überragend umsetzen sollten, konnte vorher aber wahrlich keiner ahnen. Schon in der vierten Minute konnten wir einen ersten Nadelstich setzen und dieser führte gleich zum 1:0. Andreas Herzog spielte einen seiner genialen Pässe in den Rücken der Abwehr auf Christoph Dabrowski, der danach sofort den Ball flach vor das Tor spielte. Aus dem Mittelfeld war Jurij Maximov in die Spitze gestartet und verwertete den Pass zum frühen Führungstreffer für uns. Dieses Tor kam unserem Plan natürlich entgegen, dennoch konnten wir den Ausgleich unmittelbar vor dem Pausenpfiff nicht verhindern. In der Halbzeitpause mussten wir einen weiteren Rückschlag hinnehmen: Andreas Herzog hatte sich verletzt und konnte nicht weiterspielen.

Die vergebene Großchance

Dennoch starteten wir zuversichtlich in die zweite Halbzeit. Das Spiel wog hin und her. Auch ich hatte eine große Chance. Nach einem Missverständnis zwischen Oliver Kahn und Lothar Matthäus kam ich etwa 40 Meter vor dem leeren Tor zum Abschluss. Anstatt volles Risiko zu gehen, habe ich versucht, den Ball mit der Innenseite in Tor zu schießen. Das misslang und es war wohl meiner bekannten Krankheit der Torschusspanik zuzuschreiben, dass wir in dieser Situation nicht in Führung gingen.

Also stand es nach 90 Minuten immer noch 1:1 und es ging in die Verlängerung. Wir hatten es insbesondere Torwart Frank Rost, unserem „Fäustel“, zu verdanken, dass wir im Spiel blieben. So kam es zum absoluten Showdown, zum Elfmeterschießen. Von unseren ersten vier Schützen verwandelten leider nur drei ihren Elfmeter. Die Bayern hingegen brachten alle vier Versuche im Kasten unter. Ich war der letzte der unserer ersten fünf Schützen. Vorher hatte ich mich immer geweigert, beim Elfmeterschießen anzutreten. Da dieses Mal viele vor mir Nein gesagt hatten, konnte ich mich der Verantwortung jedoch nicht entziehen. Da die Bayern mit einem Tor vorne lagen, musste ich meinen Elfmeter verwandeln.

Ich ging den Weg vom Mittelkreis zum Elfmeterpunkt und 1000 Gedanken schossen mir durch den Kopf. Die Versagensängste waren groß, doch trotz schlotternder Knie und meiner Torschusspanik, gelang es mir, Oliver Kahn in die falsche Ecke zu schicken und mit meinem Elfer zum Ausgleich zu treffen. Bei den Bayern war Stefan Effenberg der vermeintlich letzte Schütze. Der „Tiger“ galt in solchen Situationen als ungemein cool. Diesmal aber versagten seine sonst so starken Nerven und er jagte den Ball über das Tor.

Bei uns war der Jubel riesengroß, aber es kam bei mir auch sofort der Gedanke auf: Wer schießt jetzt? Mir kam augenblicklich eine Idee und ich nahm sofort Kontakt zu „Fäustel“ auf. Frank Rost hatte bei uns schon häufiger nach dem Training Elfmeterschießen geübt. Ich war mir sicher, dass er stark und selbstbewusst genug ist, um diese extreme Situation zu meistern. Er deutete auch sofort an, dass dies kein Problem sei. In gewissen Situationen reagierte Frank sehr emotional, dieses Mal war er aber ruhig und entspannt.

Matthäus‘ Fehlschuss

„Fäustel“ legte sich den Ball auf den Punkt, nahm einige Schritte Anlauf und versenkte den Elfer völlig unaufgeregt in die untere, rechte Ecke. Jetzt waren wir im Vorteil. Wir hatten die Nase vorn. Die Bayern wählten Lothar Matthäus als nächsten Schützen aus. Frank Rost war vorher schon bei einigen Elfmetern mit den Händen am Ball gewesen, konnte aber bei keinem die Richtung entscheidend verändern. Nun legte sich Lothar den Ball zurecht, nahm Anlauf und schoss halbhoch in die rechte Ecke. Genau dorthin sprang „Fäustel“ und parierte den Schuss. Sofort brach bei uns großer Jubel aus, wir stürmten auf Frank Rost zu und begruben ihn unter uns. Wir konnten es nicht fassen, dass wir es wirklich geschafft hatten, den Bayern nicht nur Paroli zu bieten, sondern sie letzten Endes auch zu schlagen und somit den Pott mal wieder mit nach Bremen zu nehmen.

Es ist noch gar nicht so lange her, dass Frank Rost und ich uns auf einer Fortbildung im Weserstadion getroffen. Dort waren natürlich auch einige Situationen aus dem Pokalfinale von 1999 Gesprächsthema. Frank erinnerte mich daran, dass ich ihn aufgefordert hatte, den Elfmeter zu schießen. Ich habe ihn im Gegenzug an die Aktion erinnert, die unmittelbar nach dem von ihm gehaltenen Elfer folgte. Er wusste sofort Bescheid und wir fingen augenblicklich an zu schmunzeln. Frank sprang nämlich sofort nach seiner Parade auf, rannte hinter dem Ball her und wollte ihn mit voller Wucht auf die Tribüne befördern. Er traf den Ball aber nicht richtig, sodass er nur einige Meter weit kullerte.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+