Abschied eines Urgesteins Mirko Votava sagt bei Werder Tschüss und geht in den Ruhestand

Zuverlässig, Vorbild, Musterprofi – so erinnern sich Wegbegleiter an die Werder-Legende Mirko Votava. Der SV Werder Bremen hat ihn jetzt offiziell in den Ruhestand verabschiedet. Eine Würdigung.
14.07.2022, 18:48
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Daniel Cottäus

Viel hat nicht gefehlt, dann wären Mirko Votava und Thomas Wolter verhaftet worden. Auf einem staubigen Highway, Anfang der 1990er Jahre, mitten in Florida. „Dabei habe ich einfach nur ein bisschen Gas gegeben“, erinnert sich Votava, der zuvor gemeinsam mit seinem Freund und Mitspieler Wolter sowie den Familien der beiden Werder-Profis in Disneyland gewesen war – und nun plötzlich großen Ärger mit der amerikanischen Polizei hatte. Wegen überhöhter Geschwindigkeit hatten die Beamten den Wagen gestoppt, hatten die Insassen per Lautsprecher zum langsamen Aussteigen aufgefordert – und Votava dann vor die Wahl gestellt: 150 Dollar Strafgeld, jetzt und hier, oder mitkommen aufs Revier. „Und was sagt Mirko!?“, blickt Wolter lachend zurück. „Das bezahle ich nicht!“ Nur mit Engelszungen habe er seinen Freund umstimmen können, die Fahrt ging weiter, die Sache gut aus. Es ist eine von unzähligen Anekdoten, die sich aus der bewegten Profikarriere von Mirko Votava erzählen lassen. Kürzlich, im Alter von 66 Jahren, wurde die Werder-Legende vom Verein offiziell in den Ruhestand verabschiedet. Eine Würdigung.

Lesen Sie auch

Es ist ganz gleich, mit wem man im Werder-Umfeld über Mirko Votava spricht – die Beschreibungen des Ex-Profis ähneln sich doch sehr. Worte wie „zuverlässig“, „Vorbild“, „Musterprofi“ und ,natürlich, „Schnauzer“ tauchen immer wieder auf. Seinen üppigen Oberlippenbart, ein Markenzeichen, hatte Votava während seiner kompletten Karriere getragen, und er trägt ihn bis heute. „Wir haben es mehrfach probiert, aber es war einfach nicht zu machen, dass er ihn abrasiert“, schmunzelt Votavas alter Weggefährte Thomas Schaaf, der einst nicht nur auf eine ähnliche Gesichtsbehaarung setzte, sondern an der Seite von Votava Titel über Titel für Werder gewann. „Mirko war ein Kapitän, wie man ihn sich vorstellt, ihm war keine Mühe zu groß“, betont Schaaf. Oliver Reck, Werders ehemaliger Torhüter, mit dem Votava in seiner Laufbahn die meisten Spiele gemeinsam absolviert hat (355), ergänzt: „Den Kerl muss man einfach mögen. Als Fußballer, aber vor allem natürlich auch als Mensch.“

"Du bist gar nicht im Kader!"

Diese Kombination war es im Jahr 1985 vermutlich auch, die Otto Rehhagel an seinen alten Schützling denken ließ. Wenig später holte er ihn an die Weser. Bei Borussia Dortmund hatte der damalige Werder-Trainer zuvor schon mit Votava zusammengearbeitet, was nicht immer reibungslos lief. „Vor der Abfahrt ins Trainingslager saß ich als junger Spieler schon im Bus, als Otto kam und mich wieder rausgeworfen hat“, erinnert sich Votava. „Was machst du hier!? Du bist gar nicht im Kader“, habe der Trainer zu ihm gesagt. Votava: „Da bin ich eben wieder ausgestiegen. Ab dem Zeitpunkt hatte mich der Ehrgeiz aber so richtig gepackt.“ Was sich schon bald auszahlen sollte.

Lesen Sie auch

Nach acht Jahren beim BVB wechselte Votava 1982 für die damalige Rekordablösesumme von 1,2 Millionen D-Mark zu Atlético Madrid nach Spanien, wo er fortan das defensive Mittelfeld umgrub. Bis heute gehört er Atléticos Legenden-Elf an, wird regelmäßig nach Madrid eingeladen. Kein Wunder: Schließlich hatte er 1985, kurz vor seinem Wechsel nach Bremen, mit den „Rojiblancos“ den spanischen Pokal gewonnen. Im Finale setzte sich das Team gegen den Stadtrivalen Real Madrid durch. Mit Werder war zu diesem Zeitpunkt längst alles klar. „Es waren sehr angenehme und unkomplizierte Verhandlungen“, blickt Willi Lemke zurück, der sich als damaliger Werder-Manager mit Votava und dessen Ehefrau Gisela im Parkhotel getroffen und den Wechsel perfekt gemacht hatte. Lemke: „Ich habe immer sehr gerne mit Mirko zusammengearbeitet. Er war ein tadelloser Profi.“ Und ein enorm erfolgreicher.

Lesen Sie auch

Mirko Votava: Fünf große Titel in elf Bremer Jahren

Insgesamt fünf große Titel holte er in seinen elf Bremer Jahren, darunter 1992 den Europapokal der Pokalsieger – nach dem EM-Sieg mit der deutschen Nationalmannschaft 1980 war es Votavas zweiter Triumph auf internationaler Ebene. 1996 verabschiedete sich der unermüdliche Kämpfer im stolzen Alter von 40 Jahren dann in Richtung VfB Oldenburg, für den er eine halbe Saison lang spielte, ehe er als Trainer übernahm. Es folgten Stationen beim SV Meppen und Union Berlin, zwischenzeitlich ein Engagement als Scout bei Werder. 2004 kehrte Votava dauerhaft zu den Grün-Weißen zurück, führte die U19 zu drei Deutschen Meisterschaften und arbeitete schließlich als Scout bis zum Ruhestand.

„Ich bin wirklich zufrieden mit meiner Karriere“, sagt Votava, der inzwischen drei Enkelkinder hat und sich auf die Zeit im Ruhestand freut: „Tage ganz ohne Termine und Stress sind zwar neu für mich, aber sehr schön.“ Als Kind war der gebürtige Prager mit seiner Familie einst aus der damaligen Tschechoslowakei nach Deutschland geflohen, dann nach Australien ausgewandert, um schließlich doch in Deutschland heimisch zu werden. Wohin ihn sein Weg als talentierter Fußballer überall führen sollte, konnte Mirko Votava damals freilich nicht ahnen. Nach Dortmund. Nach Madrid. Nach Bremen.

„Mirko ist sich immer treu geblieben“, betont Wolter, „er ist immer vorangegangen und wusste, was ihm wichtig ist.“ Eigenschaften, die den Grundstein für so manch große Karriere gelegt haben – und die Mirko Votava nur einmal fast zum Verhängnis geworden wären: Auf einem staubigen Highway, Anfang der 1990er Jahre, mitten in Florida.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+