Taktikanalyse zum Schalke-Spiel Mit Willen und auch etwas Glück

Werders Last-Second-Sieg auf Schalke war letztlich etwas glücklich, zeigte aber auch: Die Bremer haben auf hohem Niveau alternative Lösungsmöglichkeiten und verfügen nun zudem über eine bessere Bank.
04.02.2018, 19:58
Lesedauer: 4 Min
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Von Stefan Rommel

Werder-Trainer Florian Kohfeldt wechselte auf zwei Positionen im Vergleich zum Hertha-Spiel der Vorwoche: Zugang Milot Rashica und Ishak Belfodil rückten in die Startelf, dafür waren Philipp Bargfrede (verletzt) und Zlatko Junuzovic (Bank) nicht dabei. Kohfeldt blieb seiner bevorzugten Grundordnung mit Viererkette treu und stellte Werder in einem 4-3-3 auf. Schalke musste den leicht angeschlagenen Leon Goretzka zunächst auf der Bank lassen, für den Nationalspieler begann Nabil Bentaleb. Coach Domenico Tedesco schickte seine Elf im bewährten 3-4-3 aufs Feld.

Werder hatte sich im Vergleich zu den vorherigen Spielen gegen die sehr disziplinierten und geduldigen Schalker einen etwas anderen Pressing-Plan zurechtgelegt. Die Mannschaft attackierte nicht im Angriffs-, sondern eher in einem Mittelfeldpressing ab ungefähr zehn, 15 Metern vor der Mittellinie.

Dabei orientierten sich die beiden Flügelspieler an den Schalker Halbverteidigern, während Kruse eine Doppelfunktion hatte: Zum einen sollte er Naldo als zentralen Aufbauspieler stellen, zum anderen sollte er immer auch ein Auge auf Max Meyer haben. Kruse nutzte oft seinen Deckungsschatten, um Schalkes tieferen Sechser aus dem Spiel zu nehmen. Maximilian Eggestein übernahm Meyer, wenn der sich aus Kruse Blickfeld gestohlen hatte, orientierte sich andernfalls aber zu Bentaleb, wenn dieser sich etwas tiefer fallen ließ.

Delaney als Absicherung

Werder schlug damit gleich drei Fliegen mit einer Klappe: Durch die Mannorientierungen fand Schalke nicht in eine ruhige Ballzirkulation, der Weg durchs Zentrum war für den Aufbau der Gastgeber ordentlich versperrt und das Schalker Spiel gewissermaßen in zwei Teile zerlegt: die drei Innenverteidiger plus die beiden Sechser waren in Ballnähe, während der Rest der Mannschaft fast völlig vom Geschehen abgeschnitten wurde. Schalke hatte folglich kaum Tiefe im eigenen Spiel.

Wollten die Gastgeber alternativ über die Außenbahnen spielen, bekamen die Flügelverteidiger schnell und tief in der eigenen Hälfte Druck von den frontal anlaufenden Bremer Außenverteidigern. Sobald sich die Schalker ins Übergangsdrittel gespielt hatten, fiel Thomas Delaney, der als Sechser ohnehin recht nah an der Viererkette klebte, als zusätzliche zentrale Absicherung in die Abwehrkette zurück. Werder verteidigte dann mit fünf Spielern auf einer Linie, konnte also entweder auf den Außen gegen Schalkes dribbelstarke Spieler besser doppeln oder aber im Zentrum auf den Ballführenden herausrücken und Druck aufbauen, ohne dass ein zu großes Loch dahinter entstanden wäre.

Mit diesen sehr effektiven Maßnahmen kontrollierte Werder den Favoriten und damit das Spiel. Schalke kam in den ersten 45 Minuten nur zu zwei Torschüssen. Das Problem: Da auch die Gastgeber eine ähnlich verhaltene, auf Kontrolle ausgerichtete Idee hatten, Werder weder aus dem Ballbesitzspiel noch in Umschaltsituationen keine Räume boten und das Gegenpressing ganz gut funktionierte, kam Bremen entgegen seiner eigentlichen Offensivstärke nicht einmal annähernd gefährlich vor das gegnerische Tor. Die wenigen im Ansatz ordentlichen Angriffe versandeten, weil sich Rashica und Belfodil über Außen kaum durchsetzen konnten und bei den Flanken ins Zentrum der Strafraum nicht besetzt war. Das war der Preis, den Kohfeldt für seine eher absichernde Spielidee bezahlte, eine Halbzeit ohne Werder-Chance hatte es zuletzt in Leverkusen gegeben.

Schalkes Halbzeitführung war glücklich und veränderte das Spiel nach der Pause. Werder verteidigte nun etwas höher, biss sich an den in den Zweikämpfen unglaublich präsenten Schalker Verteidigern aber weiter die Zähne aus, wohingegen die Gastgeber sehr aggressiv und mit direktem Spiel agierten und die größeren Lücken im Bremer Defensivverbund besser bespielten.

Die Einwechslung von Goretzka für Bentaleb brachte mehr Vertikalität und Tempo ins Schalker Spiel. Goretzka marschierte gleich ein paar Mal mit dem Ball am Fuß über zwei, drei Bremer Abwehrlinien. Und er bekam Delaney als Bremer Schaltzentrale im Spiel mit dem Ball gut in den Griff. Schalke schaltete jetzt schneller um und erwischte Werder dadurch ein paar Mal sehr empfindlich. Da auch Harit immer öfter ins Zentrum zog und mehr Präsenz ausstrahlte, wurden Schalkes Angriffe deutlich gefährlicher. S04 hatte allein in den ersten zwölf Minuten nach dem Wechsel acht Torschüsse, also viermal so viele wie in der gesamten ersten Halbzeit.

Werder nutzt wilde Schlussphase

Werder griff die Schalker noch höher und aggressiver an, es dauerte aber trotzdem 22 Minuten bis zum ersten Bremer Torschuss der zweiten Halbzeit. Werder hatte lange Zeit wenig entgegenzusetzen, bis es zum Knackpunkt der Partie kam. Matija Nastasic' Foul an Belfodil veränderte das Spiel auf mehreren Ebenen: Schalke war fortan in Unterzahl, der anschließende Freistoß führte prompt zum Ausgleich und Werder kam das zugute, was letztlich den Sieg bringen sollte: weniger Ruhe und Kontrolle auf beiden Seiten, dafür mehr Hektik und Chaos.

Die Minuten nach dem Ausgleich waren wild, beide Mannschaften verabschiedeten sich vom Sicherheitsgedanken. Schalke formierte sich im 4-4-1 und überließ nach Marco Pjacas Pfostenschuss Werder die Initiative. Die Gäste hatten nun eine andere, gierigere Mentalität, auch dokumentiert durch die eingewechselten Aron Johannsson und Zlatko Junuzovic. Sie gingen mehr Risiko und bestraften einen unkontrollierten Schalker Aufbauversuch – Harit wollte in Unterzahl flach und riskant durchs Zentrum spielen – mit Junuzovic' Tor in letzter Sekunde.

Schalke hatte es versäumt, die Partie in den 20 Minuten nach der Pause zu entscheiden und wurde dafür hart bestraft. Werder erzwang förmlich den Sieg, stellvertretend dafür stehen die zwei Tore: In beiden Situationen waren Bremer Spieler wenige Meter vor dem Tor in klarer Überzahl. Werder war in den entscheidenden Sequenzen klarer im Kopf und hatte auch die nötige Portion Glück, um das (offensiv) schwächste Spiel der Rückrunde mit dem ersten Sieg abzuschließen.

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