Mehr Sicherheit für Europa

Moisander will den Flow zurück

Niklas Moisander meint, dass Werder für Europa „vielleicht eine perfekte Rückrunde“ benötigt. Der Abwehrchef weiß auch: In der Rückrunde sollte es deutlich weniger Gegentore geben als die 29 der Hinrunde.
04.01.2019, 20:38
Lesedauer: 4 Min
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Von Jannik Sorgatz
Moisander will den Flow zurück
Nordphoto

Manchester City gegen den FC Liverpool, mehr geht im europäischen Fußball momentan nicht. Für Niklas Moisander und seine Trainingslager-Mitbewohner um Milos Veljkovic, Nuri Sahin und Florian Kainz ist das Topspiel der Premier League aber wohl mehr eine angenehme Abendbeschäftigung gewesen als eine konkrete Fortbildungsmaßnahme. Der Defensive wird nachgesagt, dass sie Meisterschaften gewinnt, weshalb City und Liverpool auch in diesem Bereich Weltklasse verkörpern. Auf Werder gemünzt, müsste es heißen: „Defense wins Europa League spot“, eine starke Abwehr führt ins internationale Geschäft. Denn bei allem Ärger über den Chancenwucher vor Weihnachten, ist vor allem klar, dass die Mannschaft nächste Saison kaum international spielen wird, wenn sie die Gegentorzahl der Hinrunde (29) in der Rückrunde verdoppelt.

Moisander wäre als Abwehrchef bestens befugt, ein konkretes Ziel auszurufen. Doch der Finne ließ sich in der Medienrunde im Mannschafthotel in Johannesburg nicht locken und stellte erst einmal klar, dass er die Marschroute „weniger als 40“ vor der Saison gar nicht von sich aus ausgerufen habe. „Ich bin danach gefragt worden. Und wenn wir letzte Saison 40 Gegentore bekommen haben, kann ich jetzt natürlich nicht 60 sagen„, sagte Moisander. Mitte der Hinrunde lag Werder dennoch voll auf Kurs: Acht Gegentore nach acht Spieltagen, kein Team war besser zu diesem Zeitpunkt, weder Herbstmeister Borussia Dortmund noch Meister Bayern München. „Wir haben sehr gut angefangen, in ein paar Spielen aber auch Glück gehabt, dass wir gewonnen haben. Dann kommt man in einen Flow“, sagte Moisander.

Ungewöhnliche Patzer

Dann kam jedoch Bayer Leverkusen ins Weserstadion und der Flow verabschiedete sich beim 2:6. Moisander fehlte damals aufgrund von Muskelbeschwerden, anschließend wurde seine Bessermacher-Bilanz rauf und runter zitiert: nur ein Sieg in 14 Spielen ohne den Routinier, dreimal so viele Punkte mit ihm wie ohne ihn. Bei der 1:2-Niederlage in Mainz kehrte Moisander zurück, leistete sich jedoch einen Patzer, wie man ihn beim Innenverteidiger selten sieht. Beim 1:1 in Freiburg verursachte er einen Handelfmeter, stabilisierte sich danach leistungsmäßig aber wieder, wie die gesamte Mannschaft. Den einzigen Sieg der zweiten Hinrundenhälfte gab es ohne Moisander, der beim 3:1 gegen Düsseldorf eine Gelb-Rot-Sperre absitzen musste. Die Ohne-ihn-Bilanz bleibt schwach: 16 Spiele, zwei Siege. Kurz vor Weihnachten in Leipzig musste Moisander noch einmal aufgrund muskulärer Probleme passen.

Zu Beginn des neuen Jahres gibt es keinerlei Zweifel an seiner Chefrolle. Nicht umsonst war Moisander vor der Saison ein heißer Kandidat auf die Kapitänsbinde. Seine Ansagen sind nicht laut, aber kommen punktgenau. „Ich will natürlich fehlerfreie Spiele machen. Die Bundesliga ist sehr intensiv, mit viel Geschwindigkeit, man muss Entscheidungen sehr schnell treffen„, sagte er. “Das ist nicht ganz einfach, aber ich will mich verbessern, weil ich mit der Mannschaft nach Europa will. Dann müssen wir vielleicht eine perfekte Rückrunde spielen.“

„Expected Goals“ sprechen klare Sprache

In die „perfekte“ Richtung dürfte es gehen, wenn Werder offensiv und defensiv zu den besten sechs Mannschaften gehört. In den Spielen nach der Momentaufnahme „wenigste Gegentore der Liga“ kassierten die Grün-Weißen die meisten: 21 in neun Spielen, hochgerechnet auf eine komplette Saison wären das 79. Und wo vielleicht das Glück ein wenig den Saisonstart aufpeppte, schlug in der schwächeren Hälfte der Hinrunde keineswegs das Pech zu: Aus 1,16 „Expected Goals“, die Werder pro Spiel zuließ, wurden in dieser Phase 2,53. Im Wortsinne der „Expected Goals“, die die Qualität von Torabschlüssen beziffern, war die Gegentorflut angesichts der Zahlen also erwartbar.

Auch Moisander lieferte als Erklärung ein Stichwort, das aktuell als ein Favorit auf den Titel „Unwort der Saison“ in Rückrunde geht: Konterabsicherung, oft mit dem Adjektiv „mangelhaft“ benutzt. “Wir haben zu viele Konter gefressen, die auch zu Gegentoren geführt haben. Deshalb wird das Gegenpressing ein Schwerpunkt sein im Trainingslager”, kündigte Trainer Florian Kohfeldt vor dem Abflug an. Moisander nimmt die Kollegen in die Pflicht: „Da ist die ganze Mannschaft gefordert.“ Denn oftmals wurden die Abwehrspieler in Situationen gebracht, in denen nur noch wenig zu retten war.

Freiburg sogar mit 60 Gegentoren dabei

Am Freitag ließ Moisander die zweite Trainingseinheit aus, „individuelle Belastungssteuerung“ war angesagt. Werder wird den Routinier brauchen, der sich mit 33 Jahren und 81 Tagen bei seinem bislang letzten Einsatz immerhin auf Platz 21 der Bundesliga-Senioren-Tabelle einreihte. „Es ist sicher denkbar, dass Werder meine letzte Station ist. Deshalb habe ich auch nochmal verlängert„, sagte er, “aber insgesamt denke ich nicht so viel an das Thema. Solange alles gut geht und ich spiele, bin ich zufrieden.“ An Einsatzchancen dürfte es nicht mangeln.

Wenngleich sich Moisander nicht auf Zahlenspiele einlassen wollte, sei gesagt: In den vergangenen fünf Spielzeiten schafften es gleich fünf Mannschaften mit 50 oder mehr Gegentoren nach Europa. RB Leipzig wurde mit 57:53 Toren und 53 Punkten Fünfter, der FSV Mainz (52:54) und der SC Freiburg (42:60) landeten sogar mit einer negativen Tordifferenz auf dem siebten Platz, der theoretisch wieder reichen könnte. Aber da dürfte sich selbst Niklas Moisander festlegen: Werders 28:29 darf gerne noch ins Positive umgewandelt werden.

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