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Muskelverletzungen

Bänder reißen, Knochen brechen – es lässt sich leider nicht vermeiden im Fußball. In unserer Serie erklärt Prof. Dr. Michael Paul Hahn vom Klinikum Bremen-Mitte typische Verletzungen. Heute: Muskelverletzungen.
20.02.2019, 12:55
Lesedauer: 4 Min
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Von Jannik Sorgatz
Muskelverletzungen
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Philipp Bargfrede und Milos Veljkovic hat es schon erwischt in dieser Saison, Martin Harnik gleich dreimal – etwa jede dritte Verletzung ist eine Muskelverletzung.

Herr Prof. Hahn, wo hört ein Muskelfaserriss auf, wo fängt ein Muskelbündelriss an?

Prof. Hahn Der Unterschied ist, wie viel Struktur des Muskels kaputt geht. Wenn nur einzelne Fasern reißen, ist das eine eher geringe Verletzung. Es kann trotzdem zu entsprechenden Schmerzen und Einblutungen kommen. Wesentlich gravierender ist es, wenn ein kompletter Strang innerhalb der Muskulatur reißt. Das verursacht mehr Schmerzen und benötigt entsprechend Zeit in der Ausbehandlung. Am schlimmsten ist es, wenn ein ganzer Muskel abreißt.

Ein Muskelriss kommt im Fußball aber selten vor, oder?

Knöcherne Abrisse im Ansatz des Muskels kommen schon mal vor, im Adduktorenbereich vor allem. Dass ein kompletter Muskel reißt, ist aber extrem selten, das stimmt.

Wie lässt sich die Gefahr einer Muskelverletzung verringern?

Wichtig ist, die Muskeln anzuwärmen und nicht abrupt zu belasten. Bei den Profis treten die Verletzungen häufig auf, wenn sie schon an der Belastungsgrenze sind und noch einen Sprint anziehen oder einen Ausfallschritt machen. Es muss schon eine richtige Überbeanspruchung vorliegen. Wer nur die Treppe heruntergeht, bekommt in der Regel keinen Muskelfaserriss.

Wo treten Muskelfaserrisse bei Fußballern am häufigsten auf?

Am häufigsten treten sie in den sogenannten „Hamstrings“ auf. Das sind die Muskeln auf der Rückseite des Oberschenkels. Da haben wir zum einen den Bizeps, den es ja nicht nur im Oberarm gibt, und zum anderen die Muskulatur auf der Innenseite des Oberschenkels. Am zweithäufigsten kommen Muskelfaserrisse auf der Vorderseite des Oberschenkels vor, am dritthäufigsten im Bereich der Adduktoren und dann kommt erst die Wade.

Wie diagnostiziert man einen Muskelfaserriss?

Der Spieler spürt, zum Beispiel bei einer Schussbewegung, sofort einen Schmerz. Es werden bestimmte Substanzen freigesetzt, weil Gefäße einreißen. Diese Mediatoren leiten auch eine lokale Entzündungsreaktion ein. Man kann einen Muskelfaserriss bei der Untersuchung feststellen, weil der Sportler vielleicht Druckschmerzen in dem Bereich hat oder vielleicht sogar eine sichtbare Einblutung. Möglich ist es auch, eine Delle oder eingeschlossene Flüssigkeit zu ertasten. Und dann gibt es eben noch eine Ultraschalluntersuchung oder, wenn man ganz präzise sein will, eine Kernspintomographie.

Lässt sich der Grad der Verletzung irgendwie quantifizieren?

Man kann auf die Gesamtstruktur des Muskels umrechnen, wie viel Prozent der Muskulatur betroffen sind. Weniger als fünf Prozent sind Grad eins, mehr als fünf Prozent Grad zwei, ein Bündelriss Grad drei und ein Muskelriss Grad vier.

Wie lange ist die Ausfallzeit in der Regel?

Ein Muskelfaserriss kann nach zwei, drei Wochen ausgeheilt sein, ein Muskelbündelriss dauert mit Ausfallzeiten von sechs Wochen deutlich länger.

Wann wird eine Muskelverletzung sogar operiert?

Die operative Versorgung ist die Ausnahme. Das würde man bei besonders starken Einblutungen machen, wenn der Bluterguss so auf andere Bereiche drückt, dass diese nicht mehr ausreichend durchblutet werden. Den Muskel selbst kann man so gut wie gar nicht nähen. Das ist, als würde man versuchen, zwei Butterstücke aneinanderzunähen. Insgesamt ist eine konservative Behandlung bei Muskelverletzungen die übliche.

Heißt: Der Patient muss auf die Heilung vor allem warten.

Genau. In der Akutbehandlung gibt es die PECH-Regel: P wie Pause, ein Spieler mit einer Muskelverletzung wird in der Regel nicht weiterspielen, sondern ausgewechselt werden. Das E steht für Eisbehandlung, die ist ganz wichtig, weil wir wollen, dass die Gefäße sich zusammenziehen und nicht so viele Mediatoren freigesetzt werden. Das C in PECH steht für Compression. Man kennt das Bild, dass sofort Verbände mit Eis angelegt werden. Und das H steht für Hochlagerung.

Der Fußball ist in den vergangenen Jahren noch schneller und intensiver geworden, entsprechend ist die Zahl der Muskelverletzungen gestiegen. Als Jürgen Klopp seinen Hochgeschwindigkeits-Fußball beim FC Liverpool implementiert hat, gab es binnen kürzester Zeit mehrere der erwähnten „Hamstring“-Verletzungen. Wie viel können Trainerteams im Guten wie im Schlechten zur Zahl der Muskelverletzungen beitragen?

Mit der Zeit, als ein Günter Netzer gespielt hat, ist die Geschwindigkeit wahrhaftig nicht mehr zu vergleichen. Einem Spieler bleiben deutlich weniger Sekunden, bis er den Ball weiterspielen muss, er muss schneller sprinten und das Umschaltspiel ist intensiver. Entsprechend muss die Muskulatur trainiert werden, und nur wenn sie darauf eingestellt ist, können Muskelfaserrisse verhindert werden. Eine Mannschaft, die diese Intensität nicht gewohnt ist, muss also erst einmal dorthin gebracht werden. Muskelverletzungen sind immerhin führend im Profifußball mit einem Anteil von einem Drittel.

Was kann ein Spieler beitragen, um Muskelverletzungen zu verringern?

Der Spieler sollte sich gesund ernähren, also vor allem vitaminreich und fettarm. In der Regel ist das bei einem Sportler aber kein Problem. Und dann kommt es wie gesagt auf die vernünftige Erwärmung der Muskeln an. Wir alle kennen das: Was kalt ist, kann eher reißen.

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