Auf Thomas Eichin wartet viel Arbeit Nach dem Sieg, vor der Analyse

Der Klassenerhalt ist geschafft. Werder bleibt erstklassig. Auf Geschäftsführer Thomas Eichin wartet nach dem 1:0-Erfolg im Abstiegsendspiel gegen Frankfurt viel Arbeit – angefangen mit der Trainerfrage.
15.05.2016, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Olaf Dorow Marc Hagedorn

Der Klassenerhalt ist geschafft. Werder bleibt erstklassig. Auf Geschäftsführer Thomas Eichin wartet nach dem 1:0-Erfolg im Abstiegsendspiel gegen Frankfurt viel Arbeit – angefangen mit der Trainerfrage.

Wie lange hält so ein Rausch eigentlich an? Wie lange kann man sich als Entscheider eines Fußball-Bundesligisten freuen, wenn eine eigentlich missratene Saison doch noch ein Happy-End bereit hält? Wenn man Viktor Skripnik auf der Pressekonferenz zuhörte, und wenn man Thomas Eichin wenig später in der Mixed Zone im Gespräch mit den Reportern erlebte, dann muss man festhalten: Verdammt schnell wieder Alltag in der Chefetage von Werder.

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Viktor Skripnik hatte auf dem Feld rausgelassen, was an Emotion in ihm steckte. Jetzt saß der Werder-Trainer im Medienraum und wirkte – erschöpft. Was kein Wunder war angesichts der vergangenen Wochen und des soeben erlebten aufregenden Fußballspiels. „Natürlich sind wir glücklich“, sagte Skripnik. Es war gut, dass er das so deutlich sagte. Man sah es ihm nämlich nicht gleich an.

Und als Skripnik dann ganz direkt nach seiner Zukunft als Werder-Trainer gefragt wurde, war es plötzlich mucksmäuschenstill im Saal. Einerseits wirkte die Frage ein bisschen unverschämt, schließlich hatte Werder gerade eine weitere Saison in der ersten Fußball-Bundesliga klar gemacht. Andererseits war die Frage absolut gerechtfertigt, denn zuletzt hatte es ja ordentlich Kritik an Skripnik gegeben und Zweifel daran, dass er der richtige Mann für die Zukunft ist.

Skripnik selbst verzichtete in der Stunde des finalen Erfolges auf Werbung in eigener Sache, er verwies nüchtern auf die anstehende Aufarbeitung der Saison mit der Geschäftsführung: „Dann sitzen wir zusammen, und danach sagen wir was.“ Und was? Was glaubt er selbst? „Ich habe einen Vertrag bis 2017“, sagte Skripnik.

„Nicht vergnügungssteuerpflichtig“

Ein paar Minuten nach dem Trainer sprach dann der Geschäftsführer. Auch Thomas Eichin sah ein wenig mitgenommen aus. „Die letzte Zeit war nicht vergnügungssteuerpflichtig“, sagte Eichin, „ich setze mich jetzt zwei Tage in einen dunklen Raum und genieße die Stimmung.“ Spätestens dann aber muss der Hauptentscheider sich wieder dem Kerngeschäft zuwenden: der Planung der neuen Saison. Angefangen bei der Trainerfrage.

Eichin ließ sich nicht entlocken, ob Skripnik seinen Vertrag erfüllen darf oder ob er ihn vielleicht sogar verlängert bekommt. Aber Eichin sagte nach dem 1:0 gegen Frankfurt viele Sätze, die auf jeden Fall nicht gegen Skripnik sprachen. „Viktor hat gut gewechselt, fand ich“, sagte Eichin mit Blick auf den spielentscheidenden Joker Anthony Ujah. Auch das zuletzt öffentlich häufig kritisierte Krisenmanagement des Trainers lobte Eichin. „Viktor war cool, ist ruhig geblieben, hat mit Bedacht entschieden.“ Und überhaupt: „Wir reden nicht über ihn, sondern mit ihm.“

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Dann lobte sich Eichin kurz selbst, als er mit Blick auf die kritischste aller kritischen Saisonphasen, die Zeit nach dem 1:2 gegen Augsburg, feststellte: „Ich fühle mich bestätigt, dass wir alle uns damals zwei Tage Zeit genommen haben und nicht ein Ochse vor der Kamera – und der Ochse bin ich – das entscheidet.“ Stattdessen habe man die Lage mit allen Gremien durchgesprochen. Aufsichtsrat, Geschäftsführung und schließlich auch die Mannschaft waren damals zu der Erkenntnis gelangt, dass es mit Skripnik weitergehen sollte. Eichin drückte es jetzt so aus: „Wir haben uns geeinigt, dass wir die schwere Zeit mit ihm durchstehen – und die schwere Zeit ist jetzt nicht vorbei.“ Das klang dann fast schon nach einer Entscheidung pro Skripnik.

„Nach hinten raus die richtigen Entscheidungen getroffen“

Klar dürfte allerdings auch sein, dass in den nächsten Tagen intensive und kritische Gespräche geführt werden, denn Eichin machte keinen Hehl daraus, dass ihm der Saisonverlauf überhaupt nicht gefallen hat. „Wir müssen jetzt die richtigen Rädchen bewegen, damit so etwas nicht wieder passiert“, sagte Eichin. Mit „so etwas“ meinte Eichin vor allem die verkorkste Hinrunde. Darauf habe er keine Lust mehr, so Eichin. Aber immerhin konnte der Geschäftsführer auch festhalten: „Wir haben nach hinten raus die richtigen Entscheidungen getroffen.“

In der Tat sind 23 Punkte in der Rückrunde so gut, dass sie Werder einen Platz in der oberen Tabellenhälfte sichern, nimmt man nur die Ergebnisse im Kalenderjahr 2016. Und dass Werder in der Endabrechnung sogar noch auf Platz 13 sprang, hat den netten Nebeneffekt, dass der Klub zusätzlich nun rund zwei Millionen Euro mehr an Fernsehgeld erhält. Werder kann das Geld gut gebrauchen.

Zwar hat Eichin ein paar Pflöcke eingeschlagen: Stürmer Lennart Thy kommt vom Zweitligisten FC St. Pauli, Offensivmann Justin Eilers vom Drittliga-Meister Dynamo Dresden und Thanos Petsos von Rapid Wien fürs Mittelfeld. Aber das wird vorne und hinten nicht reichen. Was passiert sonst noch? Bleibt Jannik Vestergaard? Bleibt Papy Djilobodji? Hängt Claudio Pizarro noch ein letztes Jahr dran? Kann Eichin frühzeitig den Vertrag mit Florian Grillitsch, der Entdeckung der Saison, verlängern? Die selbst verordneten zwei Tage Pause haben sie bei Werder ohne Zweifel verdient, aber dass es danach ruhiger wird, davon ist nicht auszugehen.

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