Linzer schwärmen von Werders Leihgabe

Eggestein macht alle zum Gewinner

Mit Toren und sehr guten Spielen sorgt Johannes Eggestein in Linz für Aufsehen, auch international. Im Sommer soll er bei Werder mit neuem Selbstbewusstsein wieder angreifen, erklärt Sportchef Frank Baumann.
16.11.2020, 09:47
Lesedauer: 4 Min
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Eggestein macht alle zum Gewinner
Von Jean-Julien Beer
Eggestein macht alle zum Gewinner

Mit Toren und sehr guten Spielen sorgt Johannes Eggestein in Linz für Aufsehen, auch international. Im Sommer soll er bei Werder mit neuem Selbst­bewusstsein wieder angreifen, erklärt Sportchef Frank ­Baumann.

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In den vergangenen Wochen schaute Maximilian Eggestein mit gemischten Gefühlen Fußballspiele im Fernsehen. In der Champions League sah er den Mann auflaufen, mit dem er sich lange das Bremer Mittelfeld teilte: Davy Klaassen, der seit diesem Sommer wieder für Ajax Amsterdam spielt und der in der Königsklasse unter anderem gegen Liverpool und Bergamo auflief, was ihn gleich wieder zurück in die niederländische Nationalmannschaft beförderte. In der Europa League sah Eggestein den Mann auflaufen, mit dem er sich die Wohnung und das Leben teilte: seinen jüngeren Bruder Johannes, der seit diesem Sommer für den Linzer ASK aufläuft und im Europapokal unter anderem gegen Tottenham und Antwerpen spielte. Während Maxi mit Werder wichtige Punkte für den Klassenerhalt in der Bundesliga sammelte, hat sich für seine beiden einstigen Mitspieler der Traum vom europäischen Fußball erfüllt.

Besonders für den 22-Jährigen Johannes Eggestein entwickelt sich der Wechsel zum österreichischen Spitzenklub LASK zu einer traumhaft schönen Geschichte. Bei Werder hatte das einst so treffsichere Stürmer-Talent in den vergangenen Monaten den Anschluss verloren. Begründen konnte das niemand so richtig, und doch ist die Statistik in dieser Sache eindeutig: Nur magere 504 Minuten kam „Jojo“, wie ihn bei Werder alle nennen, in der vergangenen Saison zum Einsatz, nur ein Tor gelang ihm dabei, gleich am ersten Spieltag bei der Heimniederlage gegen Fortuna Düsseldorf. Es war ein verlorenes Jahr für alle Beteiligten. Werder hätte seine Tore beim Zittern um den Klassenerhalt gut gebrauchen können. Und er selbst, im Vorjahr noch zum Kapitän der deutschen U21-Nationalmannschaft aufgestiegen, hätte sich den karrieregefährdenden Platz auf der Tribüne in Bremen gerne erspart, oft genug gehörte er nicht einmal mehr zum Spieltagskader.

Vom ersten Tag an integriert

Doch seit er das schwarz-weiße oder auch rosafarbene Trikot der Linzer trägt, wirkt er wie neu erfunden. Dreimal kam er in der österreichischen Bundesliga zum Einsatz, immer stand er dabei in der Startelf und spielte 90 Minuten durch. Seine stolze Ausbeute in diesen drei Spielen: zwei Tore und zwei Torvorlagen, dazu Platz drei in der Liga hinter Meister RB Salzburg und dem Wiener Traditionsverein Rapid. „Johannes hat sich vom ersten Tag an bestens eingefunden und in die Mannschaft integriert“, lobt der Linzer Trainer Dominik Thalhammer im Gespräch mit dem WESER-KURIER, „er setzt unsere Spielidee bereits sehr gut um und ist ein sehr wichtiger Spieler für uns. Das beweisen nicht zuletzt seine jüngsten Leistungen, bei denen er entscheidende Tore erzielt hat.“

Und das nicht nur in der österreichischen Bundesliga, sondern auch im Pokal (ein Spiel, ein Tor) sowie auf der internationalen Bühne. Im Auswärtsspiel bei Royal Antwerpen gelang der Leihgabe aus Bremen ein wahrlich königlicher Treffer, als er einen schnellen Konter im Strafraum mit einer Mischung aus Können und Kaltschnäuzigkeit im Tor versenkte: Die Hereingabe von der rechten Seite stoppte Eggestein mit der Brust, ließ den Ball auf den linken Fuß fallen und schoss zum umjubelten 1:0-Siegtor ein.

Baumann schaut Video-Highlights

Knapp 100 000 Fans haben sich dieses Tor inzwischen bei Youtube angesehen, auch der Bremer Sportchef Frank Baumann kennt diese Bilder. Er bekommt von allen Spielern, die Werder quer durch Europa verliehen hat, die Videosequenzen der besten Szenen zugespielt. „Ich schaue mir die Zusammenschnitte natürlich alle an“, sagt Baumann, der von Johannes Eggestein nun regelmäßig Tore, Vorlagen und Siege serviert bekam. „Es freut mich, dass er nicht nur in der Liga, sondern auch in der Europa League getroffen hat. Man sieht, dass er sich grundsätzlich beim LASK wohl fühlt, das merkt man auch auf dem Platz. Er nimmt dort eine wichtige Rolle ein. Das passt.“

Nach den Eindrücken der ersten Wochen beim neuen Klub war es also eine kurzfristige, aber richtige Wechselentscheidung aller Beteiligten an jenem hektischen letzten Transfertag am 5. Oktober. Zumal der Wechsel von Werder-Angreifer Milot Rashica zu Leverkusen damals in letzter Minute platzte. „Die Leihe zu Linz kam erst spät zustande, war aber richtig, weil wir in der Offensive viele Spieler haben“, erklärt Baumann, „und weil Milot geblieben ist, war es erst recht der sinnvolle Weg für die Entwicklung von Johannes Eggestein, dass er einen Klub gefunden hat, wo er wieder spielt“. An der Donau entwickelt sich der junge Stürmer offensichtlich besser als an der Weser, wo er nach der einjährigen Leihe im kommenden Sommer wieder neu beginnen soll.

Eine Win-Win-Situation

„Das ist der klare Plan“, betont Werders Manager. „Ich stehe mit den Verantwortlichen in Linz in Kontakt. Die Idee hinter der Leihe ist, dass es so weiterläuft und er dann zur nächsten Saison mit neuem Selbstvertrauen zu uns zurückkommt.“ Weil schon heute absehbar ist, dass Werder in den nächsten Transferperioden aus wirtschaftlichen Gründen Spieler verkaufen muss und das Stürmer sein könnten, dürften sich für einen gereiften Eggestein in Bremen bessere Perspektiven ergeben, zumal auch die Ausleihe von Tahith Chong (kehrt zu Manchester United zurück) dann ausläuft. Nicht auszuschließen ist natürlich auch, dass Eggestein seinen eigenen Marktwert von derzeit etwa zwei Millionen Euro durch weitere Tore so steigert, dass er selbst für die Bremer zu einem interessanten Verkaufskandidaten werden könnte. Bisher kam er für Werder zu 46 (Teil-)Einsätzen in der Bundesliga, dabei gelangen ihm fünf Tore und zwei Vorlagen.

Wie es aussieht, gibt es bisher nur Gewinner bei diesem Leigeschäft. Das empfindet auch Thalhammer so, der in Linz nicht nur als Trainer, sondern auch als Sportdirektor fungiert. „Ich bin überzeugt davon, dass ihm die Zeit bei uns sehr gut tut“, sagt er über seinen norddeutschen Stürmer am Fuße der oberösterreichischen Alpen. „Und auch wir sind froh, dass er uns verstärkt – es ist eine Win-Win-Situation!“ Und trifft Eggestein weiter so, kann sich der Gewinn auf allen Seiten sogar noch erhöhen.

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