„Kalte Pyrotechnik“ für Werder?

Neue Fackeln für eine neue Debatte

Ein Däne hat „kalte Pyrotechnik“ entwickelt. Werder hat sich die Fackeln schon angesehen, Ultras betrachten sie als echte Alternative. Vielleicht kommt wieder Bewegung in eine seit Jahren festgefahrene Debatte.
18.11.2018, 13:16
Lesedauer: 5 Min
Zur Merkliste
Von Jannik Sorgatz

Ein Montagabend in Schweden Ende Oktober, in der Friends Arena am Rande Stockholms empfängt der AIK Solna Rekordmeister Malmö FF. Tief in der Nachspielzeit gelingt Solna der Ausgleich, den eminent wichtigen Punkt auf dem Weg zur Meisterschaft feiern nicht gerade wenige Fans mit Bengalos in der Hand. „Das war natürlich Wasser auf meine Mühlen“, sagt Tommy Cordsen ein paar Tage später und lacht. Der Däne aus einem Vorort von Kopenhagen hat an jenem Abend im Stadion gesessen, neben ihm Fanvertreter aus Bremen, Mainz, St. Pauli und Gelsenkirchen. Cordsen ist nach Stockholm gefahren, um ihnen etwas zu zeigen, seine Erfindung.

Sie wird in Deutschland als „kalte Pyrotechnik“ bezeichnet, was nicht ganz der Wahrheit entspricht, weil die Fackeln, die Cordsen in seiner Werkstatt entwickelt hat, immer noch bei 220 bis 240 Grad brennen – aber eben nicht bei 1500 oder 2000 Grad. Das ist der Unterschied, der in der festgefahrenen, oftmals erbittert geführten Debatte um Pyrotechnik in Stadien für die Wende sorgen soll. „Sie waren sehr angetan“, erzählt Cordsen, nachdem er den Fanbeauftragten die „Tifontaine“ im Anschluss an das Spiel in Solna demonstriert hat.

Werder wertet die Erkenntnisse der Reise derzeit aus und will sich noch nicht offiziell zu dem Thema äußern. Bereits im Sommer hatte Präsident Hubertus Hess-Grunewald angekündigt, dass der Klub sich mit Alternativen beschäftigen werde. „Pyro wird uns so oder so weiter begleiten, und ich will mir später nicht vorwerfen lassen, nicht alle Möglichkeiten bei diesem Thema geprüft zu haben“, sagte Hess-Grunewald im Mein-Werder-Interview.

Die Linksfraktion stellte dem Bremer Senat daraufhin eine kleine Anfrage zu neuen Optionen im Umgang mit Pyrotechnik im Stadion. „Durch Verbote und teils harte Strafen wird Pyrotechnik im Stadion faktisch nicht verhindert“, hieß es darin. Der Senat antwortete, ihm lägen keinerlei Erkenntnisse vor, „dass das Verwenden sogenannter ‚kalter Pyrotechnik‘ in Fußballstadien tatsächlich ungefährlich ist.“ Gleichzeitig stellte der Senat infrage, ob der Gebrauch verbotener Pyrotechnik tatsächlich zurückgehen würde. Die Akzeptanz „kalter Pyrotechnik“ könne aufgrund geringerer Leuchtkraft und Rauchentwicklung nicht so groß sein. „Ultragruppen bzw. ultranahe Anhänger mit Affinität zum Missbrauch von Pyrotechnik sehen diese nicht nur als (illegales) Utensil szenetypischer Fankultur, sondern drücken damit auch ihren Protest aus und demonstrieren ihre Macht gegenüber Vereinen und Verbänden“, hieß es darüber hinaus.

Werder-Ultras sind angetan

Es waren unter anderem diese Zeilen, die Matthis und Fin aufregten. Gegenüber der Mein-Werder-Redaktion schildern die beiden Mitglieder der Bremer Ultra-Szene ihre Sicht der Dinge. Matthis und Fin heißen eigentlich anders, ihre richtigen Namen wollen die beiden nicht in den Medien lesen. Aber es ist ihnen wichtig, zu betonen, dass sie dem Thema aufgeschlossen gegenüberstehen und „kalte Pyro“ als echte Alternative ansehen. „Zuerst habe ich es belächelt“, sagt Matthis. Als er jedoch zum ersten Mal eine von Tommy Cordsens Fackeln in der Hand hatte, war er angetan. „Ich würde gerne davon weg, dass Pyro meist nur beim Intro oder beim Einlauf eingesetzt wird, und sie lieber emotionsgebunden als Stilmittel einsetzen“, sagt er.

Sein Freund Fin findet, die Debatte habe durch das rigorose Verbot eine komische Dynamik bekommen. „Alles wird auf einmal gezündet, man vermummt sich martialisch, die Strafen sind dadurch krasser geworden“, sagt er. Ein Stadionbesuch werde als übertrieben gefährlich dargestellt, was definitiv nicht stimme, wenn man die entsprechenden Zahlen beispielsweise mit denen vom Münchner Oktoberfest vergleiche.

In Dänemark sind die Fans bereits einige Schritte weiter. Die Szene von Hauptstadtklub Bröndby aus Kopenhagen hat 1000 Fackeln von Tifontaine geliefert bekommen, die inzwischen das CE-Prüfzeichen der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM) haben. Wohl noch dieses Jahr soll es im Bröndby-Stadion die erste Choreografie mit „kalter Pyro“ geben. Die Farben des Vereins sind Blau und Gelb, außerdem gibt es die „Tifontaine“ in Grün, Rot und Weiß. „Damit sind die meisten Kombinationen im Fußball abgedeckt“, sagt Erfinder Cordsen. Zudem seien violette Fackeln in Planung.

„Pyrotechnik ist emotional“

„Ich bin sehr gerührt, welchen Lauf das alles nimmt“, sagt Cordsen, der vor drei Jahren mit dem Projekt begonnen hat. Der Prototyp, den er erstmals im eigenen Garten ausprobierte, sah noch recht gefährlich aus und leuchtete nicht hell genug. Cordsen tüftelte weiter. Der ausgebildete Pyrotechniker hat mit Fußball gar nicht viel am Hut, aber er liebt die Choreos in den Stadien. „Pyrotechnik ist emotional“, sagt er. An den Ultras beeindrucke ihn die Tatsache, dass sie etwas allein aus Leidenschaft und nicht für Geld machten.

Mit seiner Erfindung war Cordsen an die dänische Fanklubvereinigung herangetreten. So kam der Kontakt zu Bröndby und Lasse Bauer, dem Fanbeauftragten des Vereins, zustande. „Bei Bröndby sind wir immer auf der Suche nach Lösungen. Wichtig waren bei der Entwicklung zwei Punkte: ‚Kalte Pyro‘ musste legal sein und gut genug für die Fans, damit sie die Fackeln auch benutzen“, erklärt Bauer. Der letzte Punkt sei der schwierige gewesen, doch jetzt sei man zufrieden. Und die Sicherheit? „Wenn ‚kalte‘ Pyro runterfällt, brennt nicht sofort die Jacke oder die Tasche. Es ist aber immer noch Feuer. Das muss man mit Respekt behandeln“, sagt Bauer. Die Fackeln brennen von alleine aus und sind mit Wasser zu löschen. Zudem kann man mit der Hand durch die Flamme fahren, ohne sich zu verbrennen, wie auch auf der Facebook-Seite von „Tifontaine“ zu sehen ist.

Produktion in China

Tommy Cordsen wirkt selbst ein wenig ungläubig, dass es seine Idee, sein „Herzensprodukt“ so weit gebracht hat. „Mein pragmatischer Teil hat sich zwischendurch schon gefragt, ob ich es nicht sein lassen soll“, sagt er. Doch nun läuft die Produktion der Fackeln in China. Über Verkaufsstrategien und Preismanagement hat sich Cordsen noch keine großen Gedanken gemacht. „Noch bin ich in der Wow-Phase“, sagt der freundliche Mann mit der Glatze, der im Gespräch kaum zu stoppen ist, wenn er einmal Fahrt aufgenommen hat.

Matthis und Fin aus der Bremer Ultra-Szene schauen gespannt nach Skandinavien. Zu Hause hoffen sie auf Werders Unterstützung beim Thema „kalte Pyro“. „Der Verein kann in der Frage mehr erreichen als Ultras, weil seine Stimme eine andere Qualität hat“, sagt Matthis. Vor sieben Jahren beendeten der Deutsche Fußball-Bund und die Deutsche Fußball-Liga Gespräche mit Fangruppierungen über Pyrotechnik. Die Fans fühlten sich „verarscht“. DFB und DFL betonten, nie eine Legalisierung in Aussicht gestellt zu haben. Seitdem hat sich nichts bewegt. In deutschen Stadien wird weiterhin regelmäßig illegal Pyrotechnik abgebrannt, so wie vor ein paar Wochen in Lübeck bei Werders Pokalspiel gegen Flensburg, und der DFB spricht Sanktionen aus.

Auch auf politischer Ebene wirkt die Debatte hierzulande festgefahren. Doch es geht auch anders, wie eine Entwicklung in Frankreich zeigt. In der Nationalversammlung wurde eine Anfrage an den Sportminister gestellt, ob es nicht sinnvoll sei, sich näher mit den Möglichkeiten zu befassen, die Tommy Cordsens Erfindung eröffnen könnte. Die nationale Fanbehörde, der der Sportminister vorsteht, will dies in der laufenden Saison tun.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+