Werder Bremen Neue Vorliebe für Erfahrung

Bremen. Werder Bremens Sportchef Thomas Eichin will die Altersstruktur im Kader der Grün-Weißen verändern. Um die Mannschaft umbauen zu können, muss Werder allerdings vorher Geld locker machen.
19.03.2013, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Neue Vorliebe für Erfahrung
Von Marc Hagedorn

Bremen. Werder-Trainer Thomas Schaaf hatte am Sonnabend gegen Fürth die jüngste Bremer Startelf dieser Saison aufs Feld geschickt. Die Mannschaft besaß ein Durchschnittsalter von 23,4 Jahren. Der neue Sportchef Thomas Eichin vermisste nach dem enttäuschenden 2:2 eine "ordnende Hand", sprich einen erfahrenen Profi. Dieser Spielertyp fehlt im aktuellen Werder-Kader nahezu völlig. Zur neuen Saison soll sich das aber offenbar ändern.

Thomas Eichin gewinnt zurzeit jeden Tag neue Eindrücke. Er lernt immer mehr Menschen in der Stadt kennen, begegnet neuen Mitarbeitern und kommt auch bei der Einarbeitung in sportlichen Fragen voran. Von einer 100-tägigen Schonzeit, wie man sie Neulingen in der Politik oder anderen Branchen zubilligt, kann bei Werders neuem Sportchef keine Rede sein. Kaum im Amt musste Eichin entscheiden, ob Werder seinen Stürmer Marko Arnautovic für viele Millionen vorzeitig an Dynamo Kiew verkauft, und spätestens seit der 0:1-Heimniederlage gegen den FC Augsburg vor zwei Wochen muss Eichin eine Trainerdiskussion moderieren, wie sie Werder und Bremen seit 14 Jahren nicht mehr erlebt hat. Dass nun auch noch Bundesliga-Abstiegskampf dazukommt… Allein im Hier und Jetzt hat Eichin alle Hände voll zu tun – und die Zukunft soll der Neue ja auch noch planen.

Hier verschafft sich der langjährige Eishockey-Manager Eichin gerade einen Überblick. Es geht um die Zusammenstellung des künftigen Kaders, und da haben Eichin die jüngsten fünf Spiele ohne Sieg offenbar gereicht, um Korrekturbedarf an der Altersstruktur der Mannschaft zu erkennen. Als Schiedsrichter Markus Schmidt am Sonnabend die Partie gegen Greuther Fürth im Weserstadion anpfiff, hatte Werder mal wieder einen Rekord aufgestellt. Schaaf schickte die jüngste Startelf der Bundesliga-Saison aufs Feld, Durchschnittsalter 23,4 Jahre. Assani Lukimya war mit 27 der älteste Profi, Theodor Gebre Selassie ist 26, Zlatko Junuzovic 25, alle anderen 24 oder noch viel jünger.

Nach dem enttäuschenden 2:2 gegen den designierten Absteiger und dem blutleer wirkenden Auftritt der Mannschaft stellte Eichin fest: "Es fehlte die ordnende Hand, ein erfahrener Spieler, der die Sache an sich reißt." Mannschaftskapitän Clemens Fritz wäre nach Eichins Einschätzung so jemand gewesen, aber der Team-Senior, 32 Jahre alt, fällt noch ein paar Wochen lang mit einer Verletzung aus. Und sonst? Aaron Hunt, 26 und im neunten Jahr Profi, saß zunächst nur auf der Bank, genau wie Marko Arnautovic und Eljero Elia. Beide sind Nationalspieler, beide sind seit einigen Jahren im Geschäft, aber offenbar nicht der Typ Spieler, den Eichin meint.

Im Werder-Kader fehlt der solide Mittelbau. Spieler, die das Leben und die Liga gut kennen; keine Superstars oder solche, die es werden wollen, aber verlässliche und zupackende Größen. Wird deshalb im Sommer bei der Kaderzusammenstellung darauf reagiert? "Das kann gut sein", sagte Eichin am Sonntag. Vor ein paar Wochen hatte sich Cheftrainer Thomas Schaaf in einem Fernsehinterview ähnlich geäußert. "Wir werden, was Transfers angeht, nicht unbedingt noch einmal junge Spieler dazuholen", hatte Schaaf gesagt.

Zuletzt war es unter der Führung von Thomas Schaaf und Klaus Allofs anders gewesen, da hatte Werder mit Vorliebe Spieler mit Perspektive geholt: junge Leute, die ihr Talent und ihre außergewöhnlichen Fähigkeiten wenigstens im Ansatz angedeutet hatten. Manchmal waren das geniale Entscheidungen gewesen wie bei Claudio Pizarro, Mesut Özil, Per Mertesacker oder Naldo. Zuletzt indes ging das immer häufiger daneben, wie bei Wesley, Mehmet Ekici, Marko Marin oder jetzt womöglich auch bei Arnautovic und Elia.

Um den Kader umbauen zu können, muss Werder aber vorher Geld lockermachen. Die Vereinsführung wird nur in Maßen ins finanzielle Risiko gehen, da das aktuelle Geschäftsjahr nach einem Minus von fast 14 Millionen Euro im Vorjahr mit einem erneuten Minus, diesmal geschätzte sieben Millionen, abgeschlossen wird. Heißt: Werder wird Spieler verkaufen müssen, um die Erlöse reinvestieren zu können. Obwohl Werders offizielle Linie lautet, etwa mit einem Spieler wie Marko Arnautovic verlängern zu wollen, dürfte eben dieser Arnautovic genau wie Abwehrchef Sokratis der aussichtsreichste Kandidat für eine Millioneneinnahme sein. Arnautovic hat nach guter Hinrunde (fünf Tore, fünf Vorlagen) in der Rückrunde noch keine Argumente geliefert, die eine Vertragsverlängerung rechtfertigen würden. Und Sokratis hatte pünktlich zum Rückrundenstart mitgeteilt, dass er über einen Wechsel nachdenken müsse, sollte Werder das internationale Geschäft verpassen – woran es nun, ein paar Wochen später, keinen ernsthaften Zweifel mehr gibt.

Die Aussichten, mehr Erfahrung nach Bremen zu holen, sind nicht schlecht. Im Sommer kommen tatsächlich eine Reihe erfahrener Profis auf den Markt, die überdies den Vorteil haben, ablösefrei zu sein. Über einen von ihnen, Andreas Ivanschitz von Mainz 05, hatte sich Eichin vor einiger Zeit schon äußerst positiv geäußert. Andere Spieler dieser Kategorie sind die Innenverteidiger Alexander Madlung (VfL Wolfsburg), Daniel Schwaab (Bayer Leverkusen), Mario Eggimann (Hannover 96) oder Christoph Metzelder (FC Schalke 04). Fürs Mittelfeld bieten sich der Mainzer Marco Caligiuri, Adam Bodzek von Fortuna Düsseldorf, Sergio da Silva Pinto (Hannover 96) oder der zurzeit vereinslose Christian Tiffert an. Mittelstürmer Mike Hanke erhält in Mönchengladbach keinen neuen Vertrag.

Ob einer von ihnen Eichins und Schaafs Vorstellungen entspricht, werden die nächsten Wochen zeigen. Schon jetzt steht fest, dass ein Profi wie Simon Rolfes nicht zu Werder zurückkehrt. Der 32-Jährige hat seinen auslaufenden Vertrag in Leverkusen nach einigem Zögern inzwischen bis 2015 verlängert.

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