Der Mentalitäts-Wandel bei Werder

Eine Frage der Gier

Seit Wochen arbeitet Werder an einer neuen Mentalität auf dem Platz. Erste Erfolge lassen sich bereits erkennen, aber leichte Zweifel bleiben. Die Mannschaft muss es nun in den Pflichtspielen beweisen.
10.09.2020, 09:03
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Eine Frage der Gier
Von Jean-Julien Beer
Eine Frage der Gier

Jedes Training ein Ernstfall - diesen Ansatz sieht man bei Werder.

nordphoto

Wer glaubt, dass sich bei Werder nach einer guten Saisonvorbereitung nun alle lieb haben, der irrt sich. Auch in dieser Woche knallt eine Stimme wieder wie ein Peitschenhieb über den Trainingsplatz: die von Florian Kohfeldt. Mit kurzen Kommandos oder schnippischen Bemerkungen hält er die Spieler auf Betriebstemperatur, und wenn einer der Profis auch beim dritten Anlauf den tieferen Sinn einer Übung nicht verstanden hat, dann lässt der Trainer auch mal Dampf ab. Es gehört zur neuen Ausrichtung beim Bremer Bundesligisten, dass jede Trainingseinheit intensiv ist und immer irgendwie einen Ernstfall simuliert. In fast jeder Übung geht es ums Gewinnen und Verlieren, und außer den internen Scharmützeln um einen weiteren Gehaltsverzicht in Coronazeiten treibt offenbar nichts diese Spieler kurz vor Saisonbeginn mehr an als die Sorge, im Training zu den Verlierern zu zählen.

Das führte zuletzt zu einer kuriosen Situation: Kohfeldt wollte die Trainingseinheit beenden, die Spieler aber wollten noch nicht in die Kabine – und das nach einer Übung, bei der es eher trocken um Standardsituationen ging. Die Mannschaft bat den Trainer, noch ein paar Minuten länger zu machen, weil zwischen den beiden Gruppen auf dem Trainingsplatz noch kein klarer Gewinner feststand. „Dieses Beispiel zeigt, dass die Spieler unsere Idee mit Leben füllen“, sagt Kohfeldt, „sie wollten das unbedingt klären und untereinander ausspielen. Das war ein gutes Zeichen.“

„Wir lassen nicht locker“

Eine neue Werder-Mentalität stand in diesem Sommer schließlich groß auf der Agenda, die Mannschaft sollte auch im Unterbewusstsein eine Gier entwickeln, in jeder Situation gewinnen zu wollen – ganz egal, wie wichtig der Moment ist oder wie schwierig die Umstände sind. Natürlich weiß auch der Fußballlehrer Kohfeldt, dass so eine Mentalitätsveränderung Zeit braucht, gerade aus der schwachen Vorsaison hat Werders Cheftrainer gelernt, nicht jedes Zeichen gleich positiv zu deuten. Nach sechs Wochen intensiver Saisonvorbereitung sieht er aber zumindest vielversprechende Ansätze: „Ich glaube, dass wir eine Vorbereitung gehabt haben, wo ich für jedes Training und für fast jedes Testspiel sagen kann: Es hat zwar nicht alles geklappt, aber keiner hat lockergelassen. Das ist eines unserer Saisonziele. Es wird nicht gelingen, dass wir jedes Spiel gewinnen. Aber wir wollen jedes Spiel gewinnen und wir hören in einem Spiel nie auf. Das haben wir uns dick hinter die Ohren geschrieben und das habe ich den Jungs noch einmal verdeutlicht. Im Training und in den Testspielen zeigen sie das auch.“

Schließlich soll aus den Fast-Absteigern des Vorjahres, die sich vor allem in Heimspielen oft nicht zu wehren wussten, wieder ein stabiler Erstligist werden. Dazu ist Körperlichkeit gefragt, aber auch Tempo, Cleverness und die passende Mentalität, sich in Drucksituationen oder nach Rückschlägen eben nicht zu ducken und auch nicht fragend zum Trainer zu schauen, sondern Dinge auch mal selbst zu regeln. Man könnte auch sagen: Es muss wieder nach Männerfußball aussehen, nicht nach einer ballverliebten Juniorenmannschaft.

„Der Ernstfall kommt erst“

Das Pokalspiel in Jena wird ein erster Stresstest für das neue Werder, gegen den Regionalligisten sollte ein souveräner Sieg gelingen. Nur eine Woche später kommt mit Hertha BSC ein anderes Kaliber ins Weserstadion, dafür bürgt allein schon Trainer Bruno Labbadia, der als Spieler und als Coach viel von dem verkörperte, was Werder nun darstellen möchte. Also muss Bremen dagegenhalten, um einen Fehlstart wie im Vorjahr (1:3 gegen den späteren Absteiger Düsseldorf) zu vermeiden. „Wie stabil die Mentalität ist, können wir erst in den Punktspielen sehen“, weiß Kohfeldt, der mahnt: „Der Ernstfall kommt erst, im Pokal, und dann in der Liga. Ich will nichts herbeireden, aber irgendwann kommt dann mal ein Rückschlag – und dann müssen wir da sein. Davon zu erzählen, ist das eine. Es in dem Moment auch zu machen, ist etwas anderes.“

Dann sind vor allem die Spieler in der Pflicht, und mit Sicherheit werden auch die Fans genau hinsehen, ob sich jeder Werder-Profi auf dem Rasen genauso ins Zeug legt wie hinter verschlossenen Türen, wenn um eher geringe Prozente eines erneuten Gehaltsverzichts gekämpft wird – und das mit einer immer verständnisvollen Vereinsführung, der coronabedingt schlichtweg die früheren Einnahmen fehlen. Dieses interne Schauspiel wirft natürlich auch die Frage auf, wie es um die Mentalität und um die Identifikation der Spieler mit der Werder-Raute wirklich bestellt ist.

Sportlich sieht Manager Frank Baumann die Spieler gerüstet für den Wettkampf, körperlich und mental. Die neue Ernsthaftigkeit in jeder Übungseinheit spielt für ihn dabei eine entscheidende Rolle, wie er sagt: „Wir haben versucht, jedes Testspiel wirklich sehr ernst zu nehmen und auch am Spieltag immer eine Spannung aufzubauen. Das wurde vom Trainerteam sehr gut vorgelebt. Um eine Mentalität reinzubringen, dass wir jedes Training und jedes Testspiel sehr konzentriert annehmen und versuchen, in jeder Situation voll fokussiert zu sein.“ Es sei sehr positiv, dass man nun sehen könne, wie sich das in Ergebnissen niederschlägt. „Das“, sagte Baumann nach sieben Siegen in den sieben Testspielen, „ist eine wichtige Erkenntnis.“

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