Werder-Stürmer Kruse in der Analyse

Nicht zu fassen

Viererpack gegen Ingolstadt, vielleicht bald die Rückkehr ins Nationalteam, ganz sicher Werders Spieler der Rückrunde: Max Kruses Leistungsexplosion ist kein Zufall – sondern hat gute Gründe. Unsere Analyse.
25.04.2017, 16:27
Lesedauer: 6 Min
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Von Stefan Rommel
Nicht zu fassen

Kruse ist momentan kaum zu stoppen.

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Viererpack gegen Ingolstadt, vielleicht bald die Rückkehr ins Nationalteam, ganz sicher Werders Spieler der Rückrunde: Max Kruses Leistungsexplosion ist kein Zufall – sondern hat gute Gründe. Unsere Analyse.

Die reinen Zahlen

Zehn Spiele hat Kruse gleich zu Beginn der Saison wegen einer Verletzung verpasst, dazu noch eine Partie in der Rückrunde gegen Leipzig. Werder hat von diesen elf Spielen nur drei gewonnen, dafür aber sieben verloren. Der Punkteschnitt ohne Kruse lag bei 0,91 Zählern pro Spiel.

Von den 19 Spielen mit Kruse – jeweils in der Startelf – hat Werder neun gewonnen, fünfmal remis gespielt und fünfmal verloren. Das macht im Schnitt 1,68 Punkte pro Spiel. Nun hat das natürlich nicht nur mit Kruse zu tun, sondern auch mit der wundersamen Weiterentwicklung der Mannschaft in den vergangenen Wochen.

Für die zeichnet der 29-Jährige aber zu großen Teilen verantwortlich. 13 Tore und vier Assists stehen zu Buche. Und würde im Fußball – wie etwa im Eishockey – endlich auch der vorletzte Passgeber in die Statistiken einfließen, läge Kruse längst bei einem Schnitt von mehr als einer Torbeteiligung pro Partie.

Etwa mehr als jedes vierte Werder-Tor (26 Prozent) geht mittlerweile auf Kruses Konto. Dabei ist seine Effizienz ganz besonders hervorzuheben. Auf die 19 Spiele verteilen sich relativ überschaubare 38 Torschüsse. Dass dabei dann fast jeder dritte Schuss auch im Netz zappelt, ist bemerkenswert.

Das schlaue Spiel

Thomas Müller gilt als der große Raumdeuter der Bundesliga. Keiner erkennt mögliche Schwachstellen des Gegners so schnell oder antizipiert Spielzüge in der Offensive so wie der Münchener. Kruse steht dem in den vergangenen Spielen aber kaum noch nach.

Auf dem Papier kommt Kruse als Stürmer in vorderster Linie daher. In Wirklichkeit treibt er sich fast überall herum. Kruse weicht auf die Flügel aus oder lässt sich einfach mal tiefer ins Mittelfeld fallen. Seine Positionsfindung ist dabei exzellent, immer in offener Stellung und mit Blickrichtung ins Spielfeld. Das macht es für den Gegner so schwer, ihn zu packen.

Gerade für einen Innenverteidiger sind klar zugeordnete Angreifer ein Segen: Es gibt einen klaren Bezugspunkt in einem Bereich des Spielfelds, in dem sich der Verteidiger sicher bewegt. Schert ein Angreifer aus diesem Bereich aus, entsteht automatisch ein Entscheidungszwang: Verfolgen oder übergeben?

Diese wenigen Sekunden nutzt Kruse, um sich zwischen den Linien oder gerne auch mal in Nähe der Seitenlinie zu postieren und einen Angriff von dort aus einzufädeln – und nach dem Abspiel aus dieser tieferen Position auf die letzte Verteidigungslinie laufen zu können: mit Tempo und dem Gesicht in Spielrichtung. Und im besten Fall ohne einen Abwehrspieler, der ihn rechtzeitig aufnehmen und verteidigen kann.

In den Umschaltmomenten nach Ballgewinn gibt es derzeit kaum einen Bundesligaspieler, der sich so schnell und klug Raum verschafft und sofort eine Anspielstation bietet, um einen Konter zu entwickeln.

Szene aus dem Ingolstadt-Spiel: Kruse (Kreis) hat sich aus dem überfüllten Sturmzentrum geschlichen und fordert den Ball vor der Ingolstädter Abwehrlinie.

Szene aus dem Ingolstadt-Spiel: Kruse (Kreis) hat sich aus dem überfüllten Sturmzentrum geschlichen und fordert den Ball vor der Ingolstädter Abwehrlinie.

Foto: Screenshot Sky
Ingolstadt hat stark Richtung Ball verschoben. Kruse dreht entgegen der Verschiebebewegung des Gegners auf und schlägt einen sauberen Flugball auf die offene linke Seite.

Ingolstadt hat stark Richtung Ball verschoben. Kruse dreht entgegen der Verschiebebewegung des Gegners auf und schlägt einen sauberen Flugball auf die offene linke Seite.

Foto: Screenshot Sky
Bauer hat jetzt jede Menge Zeit und Raum für eine vernünftige Flanke. Es entsteht eine so genannte torkritische Situation. Die Flanke wird abgewehrt, Moisander schaufelt den zweiten Ball nochmal rein – und Kruse, der eben noch 30 Meter vom Tor entfernt war, staubt in der Folge zum 2:2 ab.

Bauer hat jetzt jede Menge Zeit und Raum für eine vernünftige Flanke. Es entsteht eine so genannte torkritische Situation. Die Flanke wird abgewehrt, Moisander schaufelt den zweiten Ball nochmal rein – und Kruse, der eben noch 30 Meter vom Tor entfernt war, staubt in der Folge zum 2:2 ab.

Foto: Screenshot Sky

Die perfekte Entscheidungsfindung

Kruse scheint im Kopf oft einen Tick schneller als der Gegner. Das hat er einer überdurchschnittlich guten Vororientierung zu verdanken. Sprich: Er weiß immer, was um ihn herum passiert, ob er gleich Druck bekommt oder Zeit hat, wohin er dribbeln oder gleich passen kann, wo sich ein Raum auftut und wo er sich am besten nicht hin orientiert.

Und er hat eine formidable Entscheidungsfindung: Immer mit dem richtigen Gespür dafür, ob ein Dribbling oder ein Pass oder ein Abschluss angebracht ist.

Kruse ist sich dabei auch nicht zu schade, wichtige Meter für den Mitspieler zu machen. Bei allem für einen Angreifer notwendigen Eigensinn hat er immer ein Auge für einen besser postierten Mitspieler, reißt mit einem Laufweg erst eine Lücke auf, in die dann gepasst oder gestartet werden kann.

Kruse hat dazu ein gutes Dribbling und kann den Ball auch in engen Situationen gegen mehrere Gegenspieler nicht nur behaupten und ablegen, sondern sich aus solchen Lagen auch rausdrehen und einen qualitativ hochwertigen Ball unter größtem Gegnerdruck spielen.

Kruse bringt eigentlich sehr viele Qualitäten mit, die man auch einem echten Spielmacher gerne attestiert. Eine dieser selten besungenen Vorzüge sind seine perfekt getimten Flugbälle und Spielverlagerungen.

Szene aus dem Frankfurt-Spiel: Kruse (Kreis) setzt sich von seinem Innenverteidiger tief ins Mittelfeld ab (Pfeil).

Szene aus dem Frankfurt-Spiel: Kruse (Kreis) setzt sich von seinem Innenverteidiger tief ins Mittelfeld ab (Pfeil).

Foto: Screenshot Sky
Werder verlagert und umspielt das gegnerische Pressing. Kruse (Kreis) ist im Zentrum ohne Gegenspieler, aber durch den Deckungsschatten des Frankfurters, der den Ball attackiert, nicht anspielbar.

Werder verlagert und umspielt das gegnerische Pressing. Kruse (Kreis) ist im Zentrum ohne Gegenspieler, aber durch den Deckungsschatten des Frankfurters, der den Ball attackiert, nicht anspielbar.

Foto: Screenshot Sky
Kruse hat sich aus dem Deckungsschatten und aus dem Zentrum bewegt und einen Gegner gebunden (kleiner Kreis). Erst damit öffnet sich der große Raum für Maximilian Eggestein, der gleich angespielt wird und Zeit und Ruhe für einen vertikalen Pass bekommt.

Kruse hat sich aus dem Deckungsschatten und aus dem Zentrum bewegt und einen Gegner gebunden (kleiner Kreis). Erst damit öffnet sich der große Raum für Maximilian Eggestein, der gleich angespielt wird und Zeit und Ruhe für einen vertikalen Pass bekommt.

Foto: Screenshot Sky
Bartels bekommt den Ball vor der Abwehrkette. Kruse (Kreis) ist ohne direkten Gegenspieler und nimmt sofort volles Tempo Richtung Tor auf.

Bartels bekommt den Ball vor der Abwehrkette. Kruse (Kreis) ist ohne direkten Gegenspieler und nimmt sofort volles Tempo Richtung Tor auf.

Foto: Screenshot Sky
Kruse hat beim Abpraller den entscheidenden Geschwindigkeitsvorteil und geht unbedrängt in den zweiten Ball. Der landet bei Bartels, der wenige Augenblicke das 0:2 erzielt.

Kruse hat beim Abpraller den entscheidenden Geschwindigkeitsvorteil und geht unbedrängt in den zweiten Ball. Der landet bei Bartels, der wenige Augenblicke das 0:2 erzielt.

Foto: Screenshot Sky

Die Defensivstärke

Kruses Wert für das Offensivspiel der Mannschaft dürfte unbestritten sein. Aber auch im Spiel gegen den Ball setzt er immer wieder starke Akzente. Kruse zieht im Pressing in fast jedem Spiel die meisten Sprints gegen den Ball an, zuletzt in Ingolstadt waren es 28.

In der ersten Pressinglinie besteht seine Aufgabe nicht unbedingt darin, früh den Ball zu erobern. Vielmehr soll er den Gegner durch geschicktes und abgestimmtes Anlaufen mit seinem Partner in bestimmte Zonen des Spielfelds lenken, wo Werder dann besseren Zugriff bekommen oder den Gegner zu einem unkontrollierten Abspiel zwingen kann.

Kruse arbeitet dabei viel mit sogenannten Deckungsschatten: Durch das meist bogenförmige Anlaufen des Ballführenden wird dieser nicht nur frontal unter Druck gesetzt, sondern bleiben auch mögliche Passempfänger in Kruse Rücken – in dessen imaginären geworfenen Schatten – nicht anspielbar.

Szene aus dem Frankfurt-Spiel: Kruse (Kreis) pendelt zwischen zwei Frankfurtern und verhindert so ein mögliches Anspiel auf einen der beiden.

Szene aus dem Frankfurt-Spiel: Kruse (Kreis) pendelt zwischen zwei Frankfurtern und verhindert so ein mögliches Anspiel auf einen der beiden.

Foto: Screenshot Sky
Frankfurt verlagert den Ball raus. Sofort geht Kruse (Kreis) den Weg mit Frankfurts Sechser mit und schließt auf.

Frankfurt verlagert den Ball raus. Sofort geht Kruse (Kreis) den Weg mit Frankfurts Sechser mit und schließt auf.

Foto: Screenshot Sky
Kruse (Kreis) schiebt sich zwischen Ball und gegnerischen Sechser. Zudem gibt er Bartels die Anweisung, sofort den Rückpass zum zweiten Innenverteidiger zuzustellen.

Kruse (Kreis) schiebt sich zwischen Ball und gegnerischen Sechser. Zudem gibt er Bartels die Anweisung, sofort den Rückpass zum zweiten Innenverteidiger zuzustellen.

Foto: Screenshot Sky
Kruse (Kreis) macht jetzt Druck gegen den Ball, Bartels hat sich zum zweiten Innenverteidiger orientiert. In Kruses Deckungsschatten bleibt der Sechser gleichzeitig nicht anspielbar. Frankfurt spielt den Ball in letzter Konsequenz zum Torhüter zurück.

Kruse (Kreis) macht jetzt Druck gegen den Ball, Bartels hat sich zum zweiten Innenverteidiger orientiert. In Kruses Deckungsschatten bleibt der Sechser gleichzeitig nicht anspielbar. Frankfurt spielt den Ball in letzter Konsequenz zum Torhüter zurück.

Foto: Screenshot Sky

Der Wohlfühlfaktor

Kruses Karriere musste schon einmal einen großen Bogen machen, damals bei seinem Engagement beim Zweitligisten FC St. Pauli. In Werders damaligem Champions-League-Kader war kein Platz für den jungen Kruse. Über Hamburg ging es nach Freiburg, wo Kruse wie so viele andere das Sprungbrett zu einer (zweiten) Karriere nutzte.

Mit Mönchengladbach zog er in die Champions League ein, wechselte aber trotzdem nach Wolfsburg. Die zweite Delle in seiner Karriere hatte auch mit den Rahmenbedingungen zu tun: Wolfsburg war als Vizemeister und Pokalsieger eine echte Nummer in der Bundesliga, galt sogar als ernsthafter Konkurrent der Bayern.

Wolfsburg war in der Saison mit Kruse in so ziemlich jedem Bundesligaspiel Favorit und musste dementsprechend häufig das Spiel selbst machen. Für eine Mannschaft, die wichtige Stützen verloren hatte und auf der Suche nach sich selbst war, keine gute Voraussetzung. Kruse fand nie so richtig den Anschluss in Wolfsburg, eckte auch außerhalb des Platzes immer öfter an.

Die Rückkehr nach Bremen war auch wie eine Rückkehr nach Hause. Vielleicht ist Kruse für diese Mannschaft sogar überqualifiziert, aber in dieses Umfeld passt er offenbar ziemlich gut. Kruse ist ganz sicher nicht der typische Fußballprofi, glattgebügelt, chemisch gereinigt. So einer benötigt Freiräume. Und die findet er in Bremen vor.

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