Werder-Gegner Bayern in der Analyse Nichts ist unmöglich

Gegen die Bayern erwartet Werder die größte Herausforderung der Bundesliga-Rückrunde, dennoch ist die Mannschaft von Florian Kohfeldt alles andere als chancenlos.
19.01.2018, 20:09
Lesedauer: 4 Min
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Von Stefan Rommel

Traut sich Werder ein hohes Pressing zu?

Bayern ist im Eins-gegen-Eins auf den Flügeln anfällig

Kreativspieler James muss kontrolliert werden

Werders Ballbesitzspiel wird ein Faktor

Das Bild vom Zahnarztbesuch steht, aber auch Zahnarztbesuche sollen ja mittlerweile auszuhalten sein. Werders Auswärtsspiel beim FC Bayern wird selbstverständlich die größte Herausforderung der Saison, aber entgegen einiger Gastspiele in der jüngeren Vergangenheit geht Werder die Partie beim Rekordmeister nicht nahezu chancenlos an, weil die Bayern ihre brutale Dominanz aufgegeben haben und unter Jupp Heynckes in allen Belangen variabler und auch pragmatischer auftreten.

Das Spiel gegen den Ball

Die Bayern spielen in der Regel ein 4-1-4-1 gegen den Ball, interpretieren diese Grundordnung aber recht flexibel. Das drückt sich zum einen in einer schwer zu greifenden Pressingstrategie aus, wenn die Bayern etwa permanent die Anlaufhöhe variieren. Zum anderen ist die Aufteilung im Abwehrdrittel durchaus interessant. Entweder verdichten die Münchener komplett das Zentrum, in dem sich die beiden Achter eng an den Sechser binden und lassen dadurch ein wenig mehr Platz auf den Flügeln. Oder aber, der Sechser fällt fast auf Höhe der Viererkette, füllt diese auf und die Abwehrspieler rücken jeweils ein Stück weiter nach außen. Damit ist dann eine solide Flügelverteidigung gewährleistet, der Sechserraum vor der Abwehr aber ein bisschen weiter geöffnet.

Grundsätzlich haben die Bayern ihr Credo vom Nach-vorne-Verteidigen und dem aggressiven Gegenpressing aber längst aufgeweicht. Das ging unter Carlo Ancelotti los und fand seine Fortsetzung mit Heynckes, der weniger dogmatisch agiert und pragmatische Lösungsansätze bevorzugt.

Das spiegelt sich dann wider in einem teilweise sehr tiefen Mittelfeldpressing, in dem die Bayern dem Gegner sogar über längere Phasen des Spiels den Ball lassen. Die Konterabsicherung ist deshalb seit Heynckes‘ Übernahme im Herbst auch nahezu perfekt, die Mannschaft presst wirklich nur dann gegen, wenn die Staffelung dazu gegeben ist. Oberste Pflicht ist aber in der Regel das schnelle Fallen in die Grundordnung.

Das Spiel mit dem Ball

Wo die Bayern unter Pep Guardiola noch Ballbesitzphasen von 80 Prozent oder mehr hatten und den Gegner geradezu erdrückten mit ihrer Dominanz, bewegen sie sich in dieser Beziehung fast schon wieder in weltlichen Sphären. Und sie haben durchaus Probleme, aus dem Mittelfeld die nötige Kreativität zu erzeugen.

Im 4-3-3 im Ballbesitz ist die Flügellastigkeit quasi schon Programm und mit Spielern wie Franck Ribery, Arjen Robben und vor allen Dingen Kingsley Coman auch eine Waffe. Die Flügelstürmer bilden mit ihren jeweiligen Außenverteidigern, die dauerhaft in hohem Tempo anschieben, isolierte Pärchen. Das heißt, die Bayern suchen immer wieder Verlagerungen auf die ballferne Seite, um dann mit einem der beiden Flügelspieler zu hinterlaufen und zum Flanken zu kommen.

Die Positionen sind dabei variabel besetzt, der Flügelangreifer rückt auch mal ins Zentrum ein und schafft so Platz für den dann sehr hoch aufrückenden Außenverteidiger. Dann wird mit dem ballnahen Achter und der Spitze ein dominantes Konstrukt im Halbraum oder sogar im Zentrum erzeugt. Apropos Halbraum: Die Bayern spielen gern viele Verlagerungen, um dann zur Mitte zu ziehen. Als Reaktion darauf zieht sich der Gegner zusammen und entblößt die Halbräume. Kommt dann das Zuspiel aus diesen engen Situationen in einen der Halbräume auf Robben, Ribery oder Coman, dann entstehen die besonders gefährlichen Situationen.

Mit der Rückkehr von Robert Lewandowski in die Startelf und den dynamischen Läufen von Arturo Vidal aus dem Mittelfeld in die Spitze bleibt auch immer die Option, den Ball tief über die gegnerische Abwehr zu spielen und dann nachzurücken. In Abwesenheit von Thiago und auch Mats Hummels, die eigentlich das Spiel aus der Tiefe aufbauen und weil die Ballzirkulation der Bayern nicht schnell und präzise genug ist, wird James immer wichtiger.

Der Kolumbianer ist nicht besonders explosiv, hat aber eine überragende Intuition und Übersicht und ist derzeit derjenige Spieler bei den Bayern, der auch enge Situationen mit einem Pass oder einer Flanke sauber auflösen kann. James ist im Moment der kreative Schlüssel der Bayern, den es aus Bremer Sicht zu kontrollieren gilt.

Das sind Werders Chancen:

Die Rückkehr zum „Auswärts-5-3-2“ gegen den Ball liegt eigentlich auf der Hand. Mit dem zusätzlichen Sechser ist der Raum vor der Abwehr gut zu schützen und James vielleicht ein bisschen besser zu kontrollieren. Außerdem fällt dann das Doppeln auf den Flügeln leichter und das wird gegen Bayerns Flügelpärchen absolut notwendig sein. Dass dann allerdings auch eine Anspielstation im offensiven Umschalten fehlt, ist ein Nachteil.

Die Bayern zeigten zuletzt immer wieder Schwächen im tiefen Spielaufbau. Das liegt an Manuel Neuers Fehlen, Sven Ulreich nimmt lange nicht so viel Risiko mit dem Ball am Fuß, und an der Tatsache, dass Hummels und Thiago zuletzt auch krank waren beziehungsweise noch nicht fit sind. Es klingt ein wenig paradox, aber ein hohes Angriffspressing der Bremer samt klarer Mannorientierungen könnte ein durchaus probates Mittel werden. Stuttgart und Leverkusen haben zuletzt gezeigt, wie anfällig die Bayern dann im eigenen Spielaufbau sind.

Die möglichen Ballgewinne führen automatisch zu einem anderen Punkt: Werder wird öfter selbst den Ball haben, als die Mannschaft es zuletzt in der Allianz Arena gewohnt war. Auch das erscheint im ersten Moment eher erstaunlich und es fordert Werders Ballbesitzspiel. Unter Kohfeldt hat sich da einiges getan, weil die Mannschaft schwer auszurechnen ist, wann sie welche Räume anlaufen und bespielen will. Selbst die Bayern könnten damit Probleme bekommen.

Die Münchener jammern zwar auf hohem Niveau, ihre Schwierigkeiten in Eins-gegen-Eins-Situationen auf den Flügeln sind aber nicht übersehbar. David Alaba, der aber sehr wahrscheinlich ausfällt, und Joshua Kimmich sind überragende Angriffsmaschinen und flanken, gerade Kimmich, unglaublich präzise. Aber beide haben auch Defizite in der Rückwärtsbewegung und im Verteidigen gegen den Mann. Vielleicht kann sich Werder diese Schwächen zunutze machen, in dem Florian Kainz oder ein ausweichender Ishak Belfodil öfter mit Tempo ins Dribbling gehen und so den Durchbruch erzielen oder einen Freistoß rausholen.

Hier gibt es die Umfrage zum Spiel:

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