Werders Leih-Stürmer spricht über seine Situation Nils Petersen im Interview

Bremen. Nils Petersen ist inzwischen gefühlt mehr Werderaner als Münchner. Beim FC Bayern steht er zwar noch bis 2015 unter Vertrag, aber die Chancen stehen nicht schlecht, dass er Werder über den Sommer hinaus erhalten bleibt.
24.10.2012, 05:00
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Bremen. Nils Petersen (23) hat am Wochenende getroffen. Endlich wieder. Nach vier Monaten in Bremen ist er inzwischen gefühlt mehr Werderaner als Münchner. Beim FC Bayern steht er zwar noch bis 2015 unter Vertrag, aber die Chancen stehen nicht schlecht, dass er Werder über den Sommer hinaus erhalten bleibt. Olaf Dorow sprach mit dem ausgeliehenen Angreifer.

Sie sollen sehr viel Zeitung lesen. Macht das nun endlich wieder Spaß?

Nils Petersen: In der Kabine sind die Zeitungen immer ausgelegt. Ich lese sie eigentlich immer. Nach mittlerweile fünf, sechs Profijahren kommt man auch mit negativen Schlagzeilen besser zurecht. Aber klar: Nach einem guten Spiel ist es einfacher zu lesen.

Ist das wirklich so einfach, wenn da sechs Wochen lang immer steht: Nils Petersen hat wieder kein Tor geschossen?

Na ja, das sind ja auch Fakten. Ich bin jemand, der selber am sehnsüchtigsten aufs nächste Tor wartet. Wenn ich ein paar Wochen nicht treffe, bin ich mit mir selber am meisten unzufrieden. Ich bin Stürmer. Meine Hauptaufgabe ist es nun mal, Tore zu schießen. Da ist es dann normal, wenn man etwas liest, was man nicht hören will, aber selber weiß, dass es stimmt.

Aber wie geht es einem Stürmer, der nicht trifft? Reizbar, schlecht drauf, viele Telefonate mit dem Vater (Mentor, Ex-Spieler und Trainer in Magdeburg, d. Red.)?

In so einer Phase bin ich vielleicht mal eine Stunde länger mit dem Hund draußen. Weil diese Zeit an der frischen Luft zu den Momenten gehört, wo ich mal etwas länger über meine sportliche Situation nachdenke. Manchmal erkennt man bei sich selbst eine Art Verkrampfung, wenn man zum Training fährt. Obwohl man das eigentlich nicht wahrhaben will. Man ist scharf darauf, die Situation so schnell wie möglich zu ändern. Aber ich verhalte mich anderen gegenüber nicht anders und bin auch jetzt nicht innerlich zerrissen oder so.Ertappen Sie sich dabei, wie Sie sich sagen: Jetzt bleib’ mal locker? Dass man eine gewisse Anspannung hat, ist doch normal. Und wenn du so wie ich jetzt am Wochenende wieder triffst, dann kommt dieses Gefühl, dass vieles leichter geht, von allein. Dann verwandelst du im Training zwei Bälle, wo du die Woche zuvor dachtest: Mein Gott, nicht mal die gehen ’rein! Wichtig ist: Immer an sich glauben, das habe ich dann auch gemacht.

Mussten Sie sich diesen Glauben aufwendig antrainieren?

Die Erwartungen sind hoch. Aber wenn mir vor zwei Jahren einer gesagt hätte, ich bin jetzt hier Stammspieler in der Bundesliga, dann hätte ich sofort gesagt: Ja, das will ich haben. Jetzt bin ich an diesem Punkt und will mehr. Und ärgere mich über jede vergebene Chance. Ist doch klar.

Würden Sie sagen: Das hat mir mein Vater mitgegeben. Immer dran glauben, trotzdem nicht verkrampfen?

Was er mir vor allem mitgegeben hat, ist, dass ich nach dem Spiel nach Hause gehe und sage: Es hätten zwei Tore gegen Gladbach sein können statt nur eins. Ich habe ihn allerdings am Samstag angerufen und gleich gesagt: Bevor du anfängst mit dem zweiten Tor, das ich hätte machen können – der Sieg und die Punkte waren erst mal wichtiger.

So wie Sie gejubelt haben über Ihr 1:0, kann man sich schwer vorstellen, dass es für Sie in Bremen in einem guten halben Jahr schon wieder vorbei sein soll.

Bis jetzt macht es mir hier extrem viel Spaß, ich fühle mich pudelwohl in Bremen. Ich habe es erfreut zur Kenntnis genommen, dass Matthias Sammer (Sportdirektor des FC Bayern, d. Red.) gesagt hat, ich könne es ein Stück weit selber mitentscheiden, wie es im Sommer weitergeht für mich. Hier spiele ich. Ich bin Realist genug, um zu wissen: Um nach München zurückzugehen, muss man auch eine gewisse Trefferquote haben. Was natürlich auch für einen Verbleib in Bremen gilt.

Ist es auch so, dass Sie sich im Laufe der Zeit auch gedanklich von München wegbewegen?

Am Ende ist immer das Sportliche entscheidend. Von Cottbus sagen zum Beispiel viele: Ach, das ist doch keine schöne Stadt. Aber ich hatte Erfolg und mich super gefühlt dort. Wenn ich hier ein Katastrophenjahr spiele, dann fragt man sich doch selber: Ist das wirklich dein Ding hier? Ich hab’ bislang hier zwei Tore und drei Vorlagen gemacht, und so langsam kommen wir auch als Mannschaft dahin, wo wir hinwollen. Die Entscheidung für Bremen habe ich bis jetzt noch nicht bereut.

Wann wollen Sie Klarheit haben darüber, wie es weitergeht?

Wenn es nach mir ginge, am liebsten schon morgen. Ich denke, wir werden in der Winterpause sprechen und beide Vereine (Bayern und Werder, d. Red.) werden bis März die Entwicklung abwarten. Dann wäre es schon mein Wunsch, Bescheid zu wissen. Ob das so klappt, kann ich aber nicht sagen.

Mal ehrlich: Ist es in Bremen nicht netter als in München?

Ich kann jetzt nicht behaupten, dass ich in München keinen Spaß gehabt habe. Ich hab’ dort sogar mal Champions League gespielt, was mir keiner mehr nehmen kann. Es ist mit schwergefallen wegzugehen. Aber was hier der positive Effekt ist, ist eben, dass ich häufiger spiele. Also, im Moment ist das jedenfalls so.

Im Moment? Sehen Sie den Stammplatz gefährdet, weil da so einer wie Niclas Füllkrug ins Spiel kommt und mit der ersten Ballberührung trifft?

Es kann nicht nur die ganze Saison den Berg hochgehen. Da muss man auch mal damit leben, dass man auf der Bank sitzt. Das hab’ ich jetzt auch schon dreimal in Bremen gehabt. Macht kein Spieler gerne, aber damit muss man sich abfinden, wenn man mal drei, vier Spiele nicht trifft. Ich versuche, das so zu akzeptieren und zu respektieren, wie man nur kann. Ich drücke dem anderen die Daumen. Es geht um Werder Bremen und nicht um Einzelschicksale. Bei Niclas ist es eine Frage der Zeit, bis er eine feste Größe ist. Hoffentlich für Werder.

Fällt es eigentlich in Bremen schwerer, auf der Bank zu sitzen, als in München?

Nein. Ich bin ja nicht hergekommen und hab’ gesagt: Ich bin Nils Petersen, ich komm’ von Bayern München, ich darf siebenmal nicht treffen und spiele trotzdem. Ich habe insgesamt erst 17 Bundesligaspiele und bin nicht der, der schon genau weiß, wie die Liga tickt. Es war mir klar, dass auch Spiele kommen werden, wo ich erst mal auf der Bank sitze.

Das klingt sehr bescheiden und vorbildlich. Haben Sie lange gebraucht, um sich diese Haltung zuzulegen?

Meine Eltern haben mich so erzogen. Wobei mein Vater auch manchmal sagt: Manchmal musst du ein bisschen frecher sein. Aber ich bin wie ich bin. Als junger Spieler bin ich selbst zum Zug gekommen für Profis mit einem ganz anderen Status. Und da kam dann zum Beispiel in Jena ein Stammspieler wie Sebastian Hähnge zu mir, hat mit mir abgeklatscht und gesagt: Komm’, gib Gas. Ich drück’ dir die Daumen. Das fand ich super.

Sie sind jetzt seit knapp vier Monaten in Bremen. Was ist denn nun der größte Unterschied zu München?

Der größte Unterschied ist eigentlich das Gefühl nach den Spielen. In München sind Siege das Erwartete und sozusagen der Regelfall. Du schlägst Freiburg 7:0 und sagst: Ja, okay. Du freust dich natürlich, aber es war eben ein Pflichtsieg, mehr nicht. Nach einem 4:0 gegen Borussia Mönchengladbach kommst du hier in Bremen nach Hause und sagst: Wow, 4:0 gegen eine Mannschaft aus der Europa League!

Europa League ist auch im Bremer Visier. Finden Sie es eigentlich ganz angenehm, dass Sie so torgefährliche Mitspieler haben und Sie nicht allein für die Tore sorgen müssen?

Hinter mir stehen lauter Mittelfeldspieler, die alle für fünf Saisontore gut sind. Minimum. Das ist gut für uns – und gefährlich für den Gegner. In Freiburg hatte Cissé fast alle Tore geschossen. Als er wegging, haben viele gesagt, jetzt steigen die ab. Sie sind aber im Gegenteil noch viel stärker geworden. Sie sind nicht ausrechenbar. Das kann auch eine Stärke von uns sein dieses Jahr.

Aber Sie haben doch sicher eine Wette mit den Mittelfeldspielern laufen, dass am Ende der Stürmer Nils Petersen die meisten Tore schießt?

Nein, das nicht. Natürlich ist mein Ziel, viele Tore zu machen. Aber wenn am Ende einer mehr hat und wir trotzdem in den Europacup kommen, dann wäre ich nicht böse. Bestimmt nicht.

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