Werder-Gegner

Der HSV ist weit entfernt von alter Größe

Der Hamburger SV spielt mittlerweile seine vierte Saison in der 2. Bundesliga und tut sich einmal mehr schwer damit, in seine oft angedichtete Favoritenrolle hineinzufinden.
18.09.2021, 11:44
Lesedauer: 4 Min
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Von Hans-Günter Klemm

Erst ein Blitzstart, danach viel Leerlauf, nun der zweite Sieg: Ein Auf und Ab beim Hamburger SV, der nun schon den vierten Anlauf unternimmt, wieder in die Erstklassigkeit zurückzukehren. In dem mit Spannung erwarteten Nordderby in Bremen müssen sich die Schützlinge von Trainer Tim Walter nun beweisen.

Die Historie

Der Dino lebt – indes nicht dort, wo er sich heimisch gefühlt hat. Das ehemals letzte in der ersten Liga verbliebene Gründungsmitglied der Bundesliga muss nach dem Abstieg 2018 nun überleben im Unterhaus des deutschen Profifußballs.

55 Jahre lange war der Traditionsklub aus dem Norden erstklassig, nimmt in der Ewigen Tabelle der Spielklasse noch den vierten Rang ein hinter Bayern München, Borussia Dortmund und Werder Bremen. Lange vorbei sind die glorreichen Zeiten des HSV, der zwei Europapokale holte: 1983 den der Landesmeister sowie 1977 den der Pokalsieger. Weitere Eintragungen auf dem Briefkopf des in aller Welt bekannten Nordlichts: Deutscher Meister siebenmal, Pokalsieger dreimal. Der letzte Titelgewinn liegt indes schon fast vier Jahrzehnte zurück: Cup-Gewinn mit Ernst Happel 1987.

Danach wurde es immer ruhiger um die Rothosen, die nun schon das vierte Jahr in der 2. Liga verbringen. Drei Versuche, drei gescheiterte Vorhaben, den Wiederaufstieg zu schaffen. Dreimal Platz vier in der Endabrechnung.

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Der Trainer

Tim Walter ist der neue Hoffnungsträger beim HSV, der sechste Coach seit dem Abstieg, der den Wiederaufstieg meistern soll. Zuvor durften sich Christian Titz, Hannes Wolf, Dieter Hecking, Daniel Thioune und Horst Hrubesch (für die letzten drei Spieltage der letzten Spielzeit) versuchen. Nur der nun in Nürnberg tätige Hecking hielt sich eine komplette Saison im Amt. Nun also der Versuch mit Walter, einem eigenwilligen Vertreter der Zunft.

Der 45-Jährige steht für Eigenarten. Das System Walter ist bekannt in Fußball-Deutschland: Seine Philosophie lässt sich so beschreiben: Offensive immer gewünscht, viel Mut im Spielaufbau, hohe Passqualität. Dazu setzt der Fußballlehrer, der sich beim Nachwuchs bei Bayern München einen Namen gemacht hat, danach bei Holstein Kiel und dem VfB Stuttgart gearbeitet hat, vor allem auf die Mentalität seiner Schützlinge, einem Programmpunkt, der bei den oft überbewerteten und sich selbst überschätzenden HSV-Profis ein lohnendes Betätigungsfeld bietet.

Rund eineinhalb Jahre war Walter nach seiner Beurlaubung in Schwaben ohne Job, an der Alster hat er einen Kontrakt bis 2023 unterschrieben.

Der Star

Hrubesch oder Magath, Kaltz, Keegan oder zeitweise sogar Beckenbauer. Ruhmreiche Stars spielten einst in dem traditionsreichen Dress der Hamburger. Lang ist es her, dass der HSV, einst der Widerpart der Münchner Bayern, Nationalspieler en masse stellt. Der Star heute? Schwierig, jemanden herauszuheben.

Es gibt einen Tim Leibold, es gibt einen Sonny Kittel und es gibt einen Robert Glatzel, allesamt wenigstens mit Erfahrungen und Einsätzen in der 1. Liga ausgestattet. Die Auswahl fällt schwer, wervon ihnen  der Star ist. Also nehmen wir einen anderen, einen, der bislang nicht nur mit seinem Namen, sondern auch mit Leistung überzeugt hat: Sebastian Schonlau, aus Paderborn gekommener Abwehrchef.

In den ersten Partien hat sich der 27 Jahre alte Neuzugang sogleich als Leistungsträger bewährt. Er passt perfekt ins Konzept des neuen Trainers als ein in der Spieleröffnung starker Defensivmann, der bei Ballbesitz schon mal auf der Zehn auftauchen kann. Im neu aufgebauten HSV-Team ist der Ostwestfale zudem einer der routiniertesten Akteure: 32 Einsätze in der Bundesliga stehen zu Buche.  Nur Sonny Kittel weist mit 60 Berufungen für Frankfurt und Ingolstadt mehr Spiele auf.

Die Form

Am Ende jubelte der HSV in der sechsten Minute der Nachspielzeit. Erst zu diesem späten Zeitpunkt war der erste Heimsieg perfekt: 2:1 gegen Sandhausen durch das Tor von Moritz Heyer. Aufatmen an der Alster. Nach vier sieglosen Partien, darunter der 2:3-Niederlage im Derby gegen St. Pauli, konnten die Hamburger zuletzt endlich wieder einen Sieg einfahren.

Nach dem 3:1-Erfolg im Eröffnungsspiel auf Schalke war die Saison für die Norddeutschen mehr als ins Stocken geraten. Nun ist der Abstand zu den Spitzenplätzen weiter im moderaten Bereich: Platz neun mit neun Punkten nach sechs Spieltagen, in Schlagweite zu den Mitfavoriten, einen Punkt hinter Schalke, zwei Zähler hinter Werder.

Die Besonderheit

Drei Versuche, drei gescheiterte Vorhaben, den Wiederaufstieg zu schaffen. Dreimal Platz vier in der Abschlusstabelle. Es ging immer in schöner Regelmäßigkeit die Luft aus bei den Hamburgern, die sich auf der Zielgeraden von Außenseitern wie Kiel, Heidenheim oder Fürth noch düpieren ließen.

Auch der mit viel Vorschusslorbeer an die Küste geholte Jonas Boldt, der nun in seine dritte Spielzeit mit dem HSV geht, scheiterte bisher. „Wir wollen definitiv nicht wieder Vierter werden“, sagte der bislang erfolglose Macher aus dem Rheinland etwas gequält in seiner aktuellen Saisonvorschau.

Wiederum als einer der Topfavoriten gehandelt, tut sich der einstige Erstliga-Dino auch diesmal wieder schwer, zumal mit den Absteigern Schalke und Werder zwei weitere Hochkaräter das Feld der Konkurrenz noch mal verbreitert haben.

Der Spott ist den HSV-Größen, weit entfernt von einstiger Klasse, somit gewiss. Dieter Schatzsachneider, noch Zweitliga-Torschützenkönig aller Zeiten, auch mal im Trikot des HSV, wenn auch weniger lang und erfolgreich aktiv, sparte nicht mit Sarkasmus vor dem Start: Ein Platz sei schon vergeben, sagte „Schatz“, „der HSV wird sicherer Vierter.“

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