Nordderby

Werder im Vorteil: Der HSV steht gewaltig unter Druck

Vor dem Nordderby liefern wir die Antworten auf die wichtigsten Fragen: Wer geht als Favorit ins Spiel? Wie viel Derby-Flair steckt in der Partie? Und was sagt Ailton?
18.09.2021, 12:50
Lesedauer: 4 Min
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Von Carsten Sander

Zwar ist der Klassiker mittlerweile in die Zweitklassigkeit abgesackt, aber das beraubt ihn nicht seiner Brisanz: Fußball-Deutschland schaut am Samstagabend (20.30 Uhr, live bei Sport1) ins Weserstadion, wo Werder Bremen den Hamburger SV empfängt.  Werder ist vor dem Duell in der etwas besseren Position, muss aber auf Abwehrchef Ömer Toprak verzichten. Den HSV belastet eine miserable Bremen-Bilanz, zudem hängt dem Team in dieser Saison bereits eine Derby-Pleite in den Kleidern. Die Fakten und Einschätzungen vor dem Nordderby:

Derby-Druck

Im Nordderby geht es immer ums Gewinnen, halbe Sachen zählen nicht. Weshalb der Druck auf beiden Seiten auch gleich groß sein sollte. Ist er aber nicht. Jedenfalls nicht aktuell. Weil der HSV bei einer Niederlage in Bremen in der Tabelle den Anschluss nach oben vorerst verlieren würde, ist besonders viel Dampf auf dem Kessel. Außerdem haben die Hamburger nach dem 2:3 im Stadtduell gegen den FC St. Pauli bei den eigenen Fans keinen Derby-Kredit mehr. „Noch eine Derby-Niederlage kann sich der HSV nicht erlauben“, sagt auch Ex-Profi Ivan Klasnic, ein Hamburger mit grün-weißer Karriere.

Derby-Favorit

Erstaunliche Ergebnisse haben Umfragen in zwei Fußball-Portalen erbracht. Auf „mopo.de“, dem Internet-Auftritt der „Hamburger Morgenpost“, haben Fans genauso über den Ausgang des Nordderbys abgestimmt wie auf den Seiten unserer Deichstube. Wenn man so will, voten HSV-Fans bei den einen und Werder-Anhänger bei den anderen. Mehrheitlich sind sie sich aber einig: Werder gewinnt am Samstag.

Auf „mopo.de“ tippten bis Freitagabend 45 Prozent auf einen Bremer Sieg, nur 28 Prozent erwarten einen HSV-Erfolg. In der Deichstube setzen gar 78 Prozent auf Werder, nur elf Prozent gehen von einem Sieg der Hamburger aus.

Und was tippt die Prominenz? HSV-Trainer Tim Walter sagt: „Wenn man die Tabelle hernimmt und das Heimrecht berücksichtigt, liegt ein Vorteil bei Werder.“ Ailton, einst bei beiden Clubs unter Vertrag, sieht in Bremen ebenfalls den „kleinen Favoriten: Wenn du die letzten Spiele analysierst, wird klar: Bremen ist besser.“

Derby-Flair

Ein einsames Banner hing am Freitag am Eingang zu Stadion „Platz 11“, wo Werder unter Ausschluss der Öffentlichkeit sein Abschlusstraining absolvierte. „Alles für den Derbysieg“ stand auf dem Papier, das an die Wand geklebt worden war. Es war der Versuch weniger Fans, Derby-Flair zu erzeugen.

Doch natürlich ist das kein Vergleich zu vergangenen Jahren, als hunderte Ultras das Abschlusstraining begleiteten, Bengalos zündeten, Fahnen schwenkten, sangen und anfeuerten. Diese Stimmung gibt's anno 2021 nicht mehr. Was ein bisschen mit der Zweitklassigkeit und ein bisschen mit dem Bremer Geheimtraining zu tun haben mag. Ganz sicher ist aber das Fernbleiben der Ultras vom Fußball während der Corona-Sondermaßnahmen der Hauptgrund. Weil die aktive Fan-Szene auch während des Spiels fehlen wird, gibt es keine Choreographie, keine Mega-Derby-Stimmung.

Derby-Erwartungen

Was auf ihn zukommt, weiß er nicht. „Ich habe noch kein Nordderby erlebt, bin sehr gespannt, wie es wird“, sagt HSV-Trainer Tim Walter. Auch für seinen Bremer Kollegen Markus Anfang wird der Samstagabend zur Nordderby-Premiere. Für die meisten Spieler ebenfalls. In den Startaufstellungen beider Teams werden sich in Milos Veljkovic (Werder) und Bakery Jatta (HSV) wohl nur zwei Spieler mit Vorerfahrungen finden.

HSV-Coach Walter erwartet „ein ansehnliches Spiel, in dem beide Mannschaften versuchen werden, den Ball zu haben“. Anfang spricht von einer großen „Herausforderung für uns, in Sachen Intensität und Zweikampfhärte mitzugehen und trotzdem unser eigenes Spiel durchzubringen“. Der Bremer Trainer konnte zuletzt auf eine starke Defensive vertrauen, dreimal in Folge blieb Werder ohne Gegentor. „Darüber sind wir froh“, sagt Anfang, „aber wenn wir gegen den HSV rausgehen, bekommen wir dafür schon nichts mehr.“

Derby-Historie

Eine Frage gilt es vorab zu klären: Das wievielte Nordderby ist es denn nun? Das 109. sagen die einen, das 137. sagen andere. Beides ist richtig. 108 Mal standen sich Werder und der HSV bislang in der 1. Bundesliga gegenüber. In der 2. Liga ist es eine Premiere. Zählt man alle Duelle in DFB-Pokal (7), Uefa-Pokal (2), Ligapokal (1) und der Oberliga bis zur Gründung der Bundesliga im Jahr 1962 dazu (18), kommen in der Summe 136 Partien zusammen. Die Gesamtbilanz spricht mit 55 Siegen für Werder. Der Hamburger SV hat 42 Mal gewonnen. Das Torverhältnis: 217:209 für die Bremer.

Zuletzt standen sich die Clubs am 24. Februar 2018 gegenüber, Werder gewann mit 1:0. Viermal in Folge hat der HSV nicht gegen den Erzrivalen gewonnen, in Bremen verlor er sieben der letzten acht Partien und gewann nur vier der letzten 20 Auftritte im Weserstadion.

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Derby-Sicherheit

Die Polizei hat angekündigt, „mehrere Hundertschaften“ aufzufahren, damit die Lage friedlich bleibt. Allerdings ist die Ausgangslage eine andere als früher. Aktuell dürfen nur 1050 Gästefans ins Weserstadion, die Ultras beider Clubs fehlen gänzlich. Die Polizei erwartet dennoch etwas 150 so genannte „Problemfans“ aus Hamburg, die ohne Eintrittskarte nach Bremen kommen und – so die Vermutung – darauf aus sind, Ärger zu machen. Und natürlich ist auch mit Aggressoren aus Bremen zu rechnen. Überall in der Stadt und vor allem auf den Anfahrtswegen ist deshalb – wie schon vor dem Spiel gegen Hansa Rostock – mit Polizeipräsenz und -kontrollen zu rechnen.

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