Werder Bremen Nouri zieht Fazit und blickt voraus

Mehr Enttäuschungen als Erfolgserlebnisse: Werder-Trainer Alexander Nouri über die Lehren der vergangenen Monate und die Vorfreude auf 2017.
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Nouri zieht Fazit und blickt voraus
Von Marc Hagedorn

Mehr Enttäuschungen als Erfolgserlebnisse: Werder-Trainer Alexander Nouri über die Lehren der vergangenen Monate und die Vorfreude auf 2017.

Alexander Nouri ist nicht ganz glücklich an diesem Morgen. Erst sehr spät in der Nacht ist er mit der Mannschaft vom Auswärtsspiel in Hoffenheim nach Hause gekommen. Da hatte er schon wieder fürchterliche Zahnschmerzen. Mithilfe von Schmerzmitteln hatte er sich in den Tagen zuvor noch halbwegs über die Runden retten können, aber Donnerstagvormittag half nur noch ein Zahnarztbesuch. Die Verabredung zum Bilanzgespräch mit den Journalisten rückte deshalb um eineinhalb Stunden nach hinten. Nach dem Termin beim Arzt geht es Alexander Nouri tatsächlich etwas besser. Im Entspannungsmodus ist der Werder-Trainer aber trotz der soeben begonnenen Winterpause noch nicht. „Wurzelbehandlung“, sagt er, und die wirkt nach.

Überhaupt war es mit dem Entspanntsein in den vergangenen Monaten nicht so leicht für Alexander Nouri. Nach der Entlassung von Viktor Skripnik am 18. September war Nouri, 37, erst übergangsweise Cheftrainer von Werders Bundesligamannschaft, seit dem Darmstadt-Spiel Anfang Oktober ist er es endgültig. Am Mittwoch hat Werder 1:1 in Hoffenheim gespielt und damit das Fußballjahr 2016 beendet. Die Fakten offenbaren schonungslos ein weiteres Werder-Halbjahr mit mehr Enttäuschungen als Erfolgserlebnissen: Werder überwintert als Viertletzter, hat die Hälfte aller Spiele verloren und die meisten Gegentore von allen Klubs in der Bundesliga kassiert.

Dass sich Bundesliga-Neuling Nouri trotzdem nicht grämt, sondern auf das Jahr 2017 freut, hängt vor allem mit zwei Faktoren zusammen: Zum einen ist seine persönliche Bilanz als Cheftrainer halbwegs in Ordnung. Vier Siege, vier Unentschieden und fünf Niederlagen gab es für Werder unter dem Chef Nouri. Und zum anderen und vielleicht noch wichtiger als die nackten Zahlen ist die gefühlte und tatsächliche Entwicklung während dieser 13-Spiele-Spanne: Werder ist seit fünf Spielen ohne Niederlage, hat in dieser Zeit seinen Gegentorschnitt drastisch reduziert (auf eins pro Spiel) und gegen Mannschaften aus der oberen Tabellenhälfte (Hertha, Köln, Hoffenheim) gut ausgesehen.

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„Ich werde aber keine Noten vergeben“, sagt Nouri in Anspielung auf den Kollegen Julian Nagelsmann, der die Hoffenheimer Hinrunde nach dem Werder-Spiel sehr streng mit einer 3 bis 4 bewertet hatte. Aber das verrät wohl mehr über den unbändigen Ehrgeiz des Hoffenheimer Trainers als über die tatsächliche Leistung der ungeschlagenen Hoffenheimer. Zwar ist auch Nouri sehr ehrgeizig. „Ich bin jemand, der nie ganz zufrieden ist“, sagt er. Aber insgesamt klingt er versöhnlicher als der ungleich erfolgreichere Kollege aus Hoffenheim. „Die letzten Wochen geben Grund zum Optimismus“, sagt Nouri, „ich bin zuversichtlich, dass wir unser Spiel auf ein neues Level bringen.“

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Alexander Nouri ...über die jüngsten fünf Spiele ohne Niederlage: Seit dem 1:2 gegen Eintracht Frankfurt hat Werder nicht mehr verloren und damit eine lange Durststrecke von vier Niederlagen am Stück hinter sich gelassen. „Wir haben in dieser Zeit die Ruhe bewahrt“, sagt Nouri. Das zahlt sich jetzt aus. Nouri lobt die Variabilität. Werder kann mittlerweile während des Spiels zwischen Systemen hin- und herwechseln. Gegen Köln beispielsweise von Vierer- auf Dreierkette umschalten, gegen Hoffenheim war es genau umgekehrt, und beide Male tat Werder der Wechsel gut. Auch ein Fortschritt: Werder hält nach Rückstanden die Ordnung und steht stabil.

...über die Fitness-Debatte: Der Trainer selbst hatte nach dem 2:2 gegen den HSV Defizite bei der Fitness der Spieler zum Thema gemacht. Gut vier Wochen später sagt er: „Wir haben uns deutlich weiterentwickelt.“ Tatsächlich schaffte es Werder, in der Schlussphase Spiele zu drehen. Fin Bartels traf spät zum Siegtor gegen Ingolstadt, und das 1:1 gegen Hoffenheim fiel in der 87. Minute. Zwar ist die Vorbereitungszeit bis zum Pflichtspielstart nur gut zweieinhalb Wochen lang, aber Nouri und seinem Trainerteam sollte es gelingen, die Spieler noch fitter zu kriegen. Nouri: „Wir werden versuchen, auch in diesem Bereich Reize zu setzen.“

...über das Trainingslager: Ohnehin wird die Zeit vom Trainingsbeginn bis zum nächsten Punktspiel am 21. Januar gegen Borussia Dortmund reich an Reizpunkten sein. Da ist etwa die Frage, welche Profis Anfang Januar überhaupt mit ins Trainingslager nach Andalusien dürfen. Auf 25 Feldspieler will sich Nouri festlegen, dazu zählt dann auch schon Zugang Thomas Delaney vom FC Kopenhagen. Ebenfalls mit nach Spanien fliegen die vier größten Talente aus der U 23: Ousman Manneh, Johannes und Maximilian Eggestein sowie Niklas Schmidt. Das bedeutet für einige erfahrene Profis, dass sie in Bremen bleiben müssen.

...über den zu großen Kader: Wer muss noch gehen? Wer darf vielleicht doch noch bleiben? Und: Wer bleibt, obwohl er eigentlich gehen soll? „Wir haben mit allen Spielern gesprochen, jeder weiß Bescheid“, sagt Nouri, „jetzt liegt die Entscheidung bei jedem Spieler selbst.“ Klar ist, dass Werder Raphael Wolf, Sambou Yatabaré, Fallou Diagne, Janek Sternberg und Lukas Fröde gern abgeben würde. Hinter den Erwartungen zurückgeblieben sind die Nationalspieler Thanos Petsos und Florian Kainz. Letzterer soll bleiben, Petsos will bleiben.

...über die Rückkehrer Max Kruse, Philipp Bargfrede und Claudio Pizarro: Seit Anfang August steht Max Kruse bei Werder unter Vertrag, tatsächlich aber ist er erst seit dem Frankfurt-Spiel Ende November ein Faktor. Bis dahin war er verletzt. Ebenfalls gegen Frankfurt feierte Claudio Pizarro sein Startelf-Debüt. Großen Anteil am jüngsten Aufschwung, so Nouri, hätten die Rückkehrer, zu denen auch noch Philipp Bargfede gehört. „Philipp hat eindrucksvoll gezeigt, dass er ein wichtiger Spieler für uns ist“, sagt Nouri. Mit Kruse, Pizarro und Bargfrede holte Werder neun Punkte aus sechs Spielen, ohne Kruse, Pizarro und Bargfrede waren es nur sieben aus zehn Spielen. Nouri sagt, dass er sich schon jetzt auf den Beginn der Vorbereitung freue, vermutlich auch, weil dann speziell Kruse und Pizarro weiter an ihrer Form arbeiten können. „Sie haben noch Potenzial nach oben“, sagt Nouri. Kruse hat in sechs Spielen zwei Tore geschossen, Pizarro wartet noch auf sein erstes Tor. Allein seine Anwesenheit auf dem Platz wirkt aber offenbar belebend. „Wenn ich Claudio sehe, wie er für die Mannschaft arbeitet, wie er die Mitspieler pusht – das ist außergewöhnlich für uns.“

...über seinen Kampf um Serge Gnabry: Sieben Tore, tolle Tricks, blendende Perspektiven – wie lange kann sich Werder noch an Serge Gnabry erfreuen, bevor andere Klubs sich um ihn bemühen werden? Alexander Nouri sagt: „Da sollten wir gelassen sein und uns freuen, welche Leistungen er für uns abliefert.“ Gnabry wirkte nach einem intensiven Halbjahr mit Olympia-Teilnahme, Vereinswechsel und Nationalmannschaftsdebüt zuletzt nicht mehr ganz so frisch wie zu Beginn der Saison. „Ihm wird die Pause guttun“, sagt Nouri und meint das vor allem mental, „es ist so viel passiert, das Geschäft ist so schnelllebig, es ist gut, dass er nun Zeit hat, um zu reflektieren.“

Dass Gnabry im nächsten Sommer schon wieder weg ist, will Nouri nicht glauben. „Ich bin optimistisch, dass er eine Perspektive über die Saison hinaus bei uns sieht.“ Und dann zählt Nouri die Vorzüge des Standorts Bremen auf: Hier spielt er regelmäßig, schießt viele Tore und ist zum A-Nationalspieler geworden. Ein weiteres Argument pro Werder könnte die Mannschaft liefern, wenn sie eine gute zweite Saisonhälfte spielt. Am 2. Januar um 17 Uhr beginnt die Vorbereitung darauf.

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