Nürnbergs Sportvorstand Dieter Hecking: Werder hat für mich den besten Kader

Für Dieter Hecking ist die Sache klar: Werder wird aufsteigen. Im Gespräch mit unserer Deichstube lobt der Sportvorstand beim 1. FC Nürnberg seinen Bremer Kollegen Frank Baumann und Trainer Ole Werner.
16.04.2022, 18:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Hans-Günter Klemm

Bekannt ist er für seine klaren Worte. Dieter Hecking, seit Jahrzehnten im Fußballgeschäft, erst als Spieler und Trainer, aktuell als Sportvorstand beim 1. FC Nürnberg, redet nicht drumherum. „Werder ist der Topfavorit auf den Aufstieg“, sagt der 57-Jährige, der seit Juli 2020 bei den Franken im Amt ist. Im Gespräch mit unserer Deichstube lobt der gebürtige Westfale die Arbeit seines Bremer Kollegen Frank Baumann und auch die Impulse, für die Trainer Ole Werner verantwortlich zeichnet. Werder hätten sich nach dem Abstieg viele Aufgaben gestellt, betont Hecking – und hält fest: „Die Bremer haben diese Aufgaben positiv gelöst.“ Der ausgebildete Polizeimeister sieht ein sehr enges Aufstiegsrennen in der 2. Liga und wünscht sich, dass der „Club“ dabei bis zum Ende mitmischt.

Herr Hecking, vor zwei Jahren sind Sie vom Trainerposten in den administrativen Bereich gewechselt und Sportvorstand des 1. FC Nürnberg geworden. Mal ehrlich, sind Sie froh, die aktuelle Hektik und Angespanntheit im Aufstiegskampf nicht auf der Bank erleben zu müssen?

Dieter Hecking: Nein, das sehe ich in keiner Weise so. Wer mich kennt, weiß, dass ich durch und durch Fußballer bin und auch in der neuen Konstellation ganz nah und intensiv dabei bin. Ich erlebe alles emotional mit. Meine neue Funktion macht mir viel Spaß. Die augenblickliche Situation ist zudem Ausdruck der guten Entwicklung der letzten beiden Jahre. Es bleibt abzuwarten, wie es am Ende ausgeht. Es kann nach dem Spiel am Sonntag alles noch viel enger sein, was ich mir wünschen würde. Es ist aber auch möglich, dass der Abstand nach oben größer wird.

Otto Rehhagel hat zu Beginn seiner Karriere mal erklärt, dass ein Trainer mit 50 Jahren reif für die Klapsmühle sei. Haben Sie daran gedacht, als Sie sich mit Mitte Fünfzig aus dem Trainerjob verabschiedet haben, um keine Gesundheitsschäden zu riskieren?

Ja und nein. Ich war mit Leidenschaft Trainer, habe viele schöne Zeiten erlebt. Doch nach den letzten Stationen in Mönchengladbach und Hamburg sah es so aus, als sei vieles Normalität geworden. Wer meine Interviews aus dieser Zeit heute liest, wird einige Hinweise finden, teilweise sehr versteckt, dass ich mich damals mit einer anderen Rolle im Fußballgeschäft beschäftigt habe. Der Gedanke, auch strategische Arbeit leisten zu wollen, war gereift. In Nürnberg passte es perfekt, also war es der logische Schritt. Ich kannte den Club, kannte die handelnden Protagonisten, und der Zeitpunkt stimmte.

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Heißt das, dass wir den Trainer Dieter Hecking nicht mehr sehen werden?

Die Frage ist mir schon öfter gestellt worden. Ich verstehe den Hintergrund nicht ganz. Wie gesagt: Ich bin und bleibe Fußballer. Ich würde es nicht ausschließen. Es gibt Beispiele von deutlich älteren Kollegen, die nach einer Pause zurückgekehrt sind. Friedhelm Funkel oder aktuell Felix Magath. Ich kann nicht in die Zukunft schauen. Ich lebe im Hier und Jetzt, fühle mich momentan wohl. Und ich bin als Vorstand mit der gleichen Leidenschaft und Hingabe aktiv wie als Trainer.

Die Nürnberger Mannschaft mischt im Aufstiegsrennen mit. Hatten Sie in der laufenden Saison irgendwann mal Zweifel daran, dass das noch gelingen könnte?

Ich erinnere daran, wie unsere Ausgangslage war. Der Aufstieg war nicht unser Ziel. Als ich gekommen bin, hatte der Club in letzter Minute die Relegation gegen Ingolstadt gemeistert nach zwei nicht so attraktiven und erfolgreichen Spielzeiten. Wir haben dann eine Übergangsaison ausgerufen, an deren Ende Platz elf stand. Wir haben einen Umbruch eingeleitet, die Mannschaft deutlich verjüngt, an der Spielidee gefeilt. Der Trainerstab hat einen enormen Entwicklungsschritt vollzogen. Unser Bestreben in diesem Spieljahr war, zwischen Platz fünf und acht zu landen. Mit zehn Punkten Vorsprung vor Karlsruhe, dem Neunten, haben wir dieses Ziel fast schon erreicht.

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Nürnberg spielt an den restlichen fünf Spieltagen noch dreimal gegen Mitkonkurrenten. Nach dem Duell mit Werder folgen Partien gegen St. Pauli und Schalke. Ein schweres Restprogramm, aber auch die Chance, es aus eigener Kraft zu schaffen. Ist das ein Vor- oder Nachteil?

Schwer zu beantworten. In der Hinserie haben wir gegen die Spitzenteams nicht gepunktet, nur Heidenheim geschlagen. In der Rückrunde haben wir den HSV und zuletzt Darmstadt besiegt. Möglich, dass die Mannschaft also einen Schritt nach vorn gemacht hat. Bei unserem Sieg am letzten Wochenende gegen Darmstadt hat die Truppe alles gezeigt, was wichtig ist: Gier und Moral, Aggressivität und Laufbereitschaft.

Was macht diese 2. Liga aus?

Sie ist attraktiv, und sie ist extrem ausgeglichen. Daraus folgt, dass sie wahnsinnig spannend ist. Die vermeintlich Großen haben es nicht leicht. Werder hat dies unlängst erfahren. Es ist nicht möglich, einen Verein wie Sandhausen mal soeben wegzuhauen. Das Niveau hat sich angepasst. Die Pandemie hat dazu beigetragen, dass die Spitzenmannschaften auch wirtschaftlich zurückstecken mussten. Sie waren gezwungen, Umbrüche zu tätigen, was dazu geführt hat, dass die Favoriten nicht so agieren können, wie sie sich das erhofft haben.

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Beim Hamburger SV sind Sie mit dem Projekt Wiederaufstieg gescheitert. Der VfL Bochum hat sich selbst mal das Etikett „unabsteigbar“ verpasst. Ist der HSV inzwischen „unaufsteigbar“ geworden?

Der HSV ist der HSV. Sie versuchen in Hamburg, nun einen neuen Weg zu gehen, sie sprechen nicht zufällig von der gewünschten Entwicklung. In dieser Saison erleidet der Verein ein Schicksal wie damals in meiner Zeit. Hinten heraus fehlen die Resultate. Doch ich glaube, irgendwann wird der HSV wieder aufsteigen, so wie der VfL Bochum irgendwann auch abgestiegen ist, um in dem oben genannten Vergleich zu bleiben.

Wie beurteilen Sie die Entwicklung beim nächsten Gegner Werder?

Nach dem Abstieg stellten sich den Bremern viele Aufgaben. Lange Zeit war nicht sicher, welche Spieler bleiben werden, die finanziellen Sorgen kamen hinzu. Werder hat diese Aufgaben sehr positiv gelöst. Mit der Verpflichtung von Ole Werner als Trainer haben sie nochmals Qualität gewonnen. Für mich besitzt Werder den besten Kader und somit auch die beste Startelf, wenn alle Stützen dabei sind. Eine Mannschaft, die auch von der Erfahrung profitiert. Wenn man sich mal anschaut, wie viele Spiele in der 1. Liga die meisten Stammspieler absolviert haben, steckt in der Mannschaft alles drin, um den Aufstieg zu schaffen.

Also ist Werder favorisiert im engen Rennen um den Aufstieg?

Werder schafft es, Werder ist für mich der Topfavorit.

Und wer steigt aus Ihrer Sicht noch auf? Neben Bremen mit Schalke und Nürnberg zwei weitere Traditionsvereine? Oder ein Kultclub wie St. Pauli?

Ich würde es mir wünschen. Doch Moment mal, es fehlt ein Verein. Darmstadt macht es richtig gut, für mich die stabilste Mannschaft momentan, die nicht vergessen werden darf. Sie haben bei uns glänzend gespielt und hätten in dem engen Spiel auch als Sieger vom Platz gehen können. Das Wochenende wird wieder heiß: Darmstadt hat im Heimspiel gegen Schalke eine Riesenmöglichkeit, ich traue der Mannschaft einen Sieg zu. St. Pauli indes ist zuletzt doch recht wankelmütig. Abwarten, wie sich alles entwickelt.

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Letzte Frage: Ihr Trainer Robert Klauß ist bundesweit bekannt geworden durch ein Video, in dem er eine Frage nach der Taktik für viele recht kompliziert und abgehoben beantwortet hat. Haben Sie mit ihm darüber als routinierter Kollege gesprochen und Ratschläge gegeben?

Ganz im Gegenteil. Ich habe den anfänglichen Shitstorm nicht verstanden, der in den sozialen Netzwerken lief, ehe sich das Blatt gewendet hat. Viele haben nur den besagten kurzen Ausschnitt dieser Pressekonferenz gesehen und sich nicht die Mühe gemacht, das ganze Statement von Robert Klauß anzuschauen. Es war gefühlt die zwölfte Frage, alle vorherigen hatte unser Coach sehr souverän und normal beantwortet. Als spezifisch nach dem Matchplan gefragt wurde, hat er so reagiert. Ich fand das nicht so dramatisch, wie es von vielen dargestellt worden ist, die nur diese Sequenz gesehen haben.

Das Gespräch führte Hans-Günter Klemm.

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