Zurückgeblättert: 16. August 1969 „Optimismus bei 15 Mannschaften“

Seit 1963 spielt Werder in der Bundesliga, mehr als fünf Jahrzehnte, in denen sich im Fußball, bei Werder und in der Berichterstattung viel verändert hat. Wir zeigen die Originaltexte und Zeitungsseiten.
16.08.2019, 08:34
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Von (wkf)

Am 16. August 1969 schrieb der WESER-KURIER:

Wer wird Meister? Natürlich BayernMünchen oder Borussia Mönchengladbach. Wer steigt ab? Höchstwahrscheinlich 1860 München und der MSV Duisburg. So einfach ist das also — legt man die Ergebnisse der Umfragen zugrunde, von denen auch vor Beginn der siebten Bundesligasaison kaum ein Prominenter verschont blieb. Doch da in den vergangenen Jahren der tatsächliche Endstand kaum einmal den vorherigen Prophezeiungen entsprach, ist mit ziemlicher Sicherheit anzunehmen, daß die Tabelle auch nach dem letzten Spieltag der Saison 1969/70 nicht so aussehen wird, wie es mehr als 90 Prozent der Befragten diesmal vorhersagten. Weder Werder Bremen im Jahre 1965 noch anschließend 1860 München, Eintracht Braunschweig, 1. FC Nürnberg und Bayern München waren Favoriten gewesen, ehe sie dann auf imponierende Weise den Titel gewannen. — Warum also sollte nicht auch im nächsten Jahr eine Mannschaft gekürt werden, von der es heute noch keiner erwartet? Heute, am ersten Tag der siebten Saison, lassen sich nur Prognosen stellen, die sich vorwiegend auf zwei sehr unsichere Faktoren stützen: auf die Leistungen in den Probespielen und auf das vermeintliche Können der Neuen.

Vorbereitungstreffen sind, wie jeder Fachmann weiß, kein verbindlicher Maßstab, und die mit viel Vorschußlorbeeren bedachten „neuen Stars" der Vereine haben in der Vergangenheit schon mehr als einmal für große Enttäuschungen gesorgt. Dafür gibt.es gerade in Bremen ein noch sehr junges Beispiel: Bernd Rupp erfüllte erst in den letzten Wochen seiner zweijährigen Werder-Zugehörigkeit alle Erwartungen. Hinge die Stärke einer Mannschaft nur von den Neueinkäufen ab, dann müßte ein Verein mit zu den Favoriten gerechnet werden, der in keiner Prophezeiung genannt wurde: Hertha BSC Berlin, der Krösus der Bundesliga, nahm fast eine komplette Mannschaft - neun Spieler, neu unter Vertrag Und darunter sind mit Patzke, Horr, Gayer und dem früheren ungarischen Nationalmittelstürmer Varga vier Spieler, denen man internationales Format bescheinigen kann.

Trainer Kronsbein hat 23 Lizenzspieler zur Verfügung — das kann im Hinblick auf die Strapazen der 34 Punktkämpfevon Vorteil sein, das kann sich aber auch nachteilig auf die Stimmung innerhalb der Mannschaft auswirken, denn immerhin ist bei Hertha BSC die Ersatzbank stärker besetzt als das Spielfeld. Nur Borussia Dortmund mit 24 verpflichteten Fußballern, Aufsteiger Rot-Weiß Essen (23) und der 1. FC Kaiserslautern (22) können auf ein ähnlich starkes Aufgebot zurückgreifen, die meisten Vereine dagegen beschränken sich auf einen Lizenzspielerkreis von knapp 20 Leuten. Mit dem kleinsten Aufgebot, nämlich 17 Lizenzspielern, kommt Werder Bremen aus, was man im Weser-Stadion jedoch nicht für ein Manko hält: „Ein größeres Aufgebot würde uns finanziell zu sehr belasten und brächte auch sportlich keine Vorteile. Zu viele Ersatzspieler sorgen für Unfrieden in der Mannschaft", behauptet Trainer Fritz Rebell und weiß sich dabei einer Meinung mit seinem Vorstand.

Im übrigen rechnet sich der 64jährige Rebell gute Chancen aus: „Die Bundesliga ist so ausgeglichen besetzt; daß jeder jeden schlagen kann. Und wenn wir dabei etwas Glück haben, können wir durchaus im oberen Drittel landen!„ Um die erforderlichen Tore ist dem Werder-Trainer dabei nicht bange: „Mit Görts, Lorenz und Windhausen besitzen wir drei Sturmspitzen, die mit ihrem Schwung und ihrer Athletik mancher Hintermannschaft Probleme bereiten werden. Windhausen und Lorenz sind so kopfballstark, daß wir auch unser Angriffsspiel etwas umstellen können: Hohe Flanken, die sonst immer eine Beute des Gegners wurden, bieten künftig gute Chancen!“ Fritz Rebell ist jedoch nicht der einzige Bundesligatrainer, der mit Optimismus in die neue Saison geht: Bis auf Vorgänger Fritz Langner, der seinen neuen Schützlingen bei 1860 München bestenfalls Chancen auf den Klassenerhalt zubilligt, sowie den Betreuern der beiden Neulinge, Ady Preißler (Oberhausen) und Herbert Burdenski (Essen), die ebenfalls mit dem 16. Tabellenplatz zufrieden wären, glauben die meisten der hochdotierten Trainer, gut gerüstet zu sein: „Man wird sich noch über uns wundern„, prophezeite zum Beispiel der Duisburger „Zapf“ Gebhardt, der mit Gecks und Manglitz zwei seiner Stützen verlor und bereits großen Ärger mit der einzigen prominenten Neuerwerbung hatte: Koulmann blieb dem ersten Training fern.

Nicht viel besser als beim MSV Duisburg, der vorwiegend auf den hoffnungsvollen Nachwuchs baut, scheint die Situation in Frankfurt und Aachen zu sein, wo man mangels finanzieller Masse ganz auf bekannte Neuerwerbungen verzichtete. Mit einem tiefen Griff in die strapazierte Kasse dagegen glaubte man woanders, die Chancen auf ein erfolgreiches Abschneiden wesentlich verbessern zu können: In Hamburg (Zaczyk, Hof), Köln (Rupp, Manglitz), Braunschweig (Lorenz), Hannover (Cebinac) und Mönchengladbach (Ludwig Müller,
Sieloff, le Fevre) versicherte man sich der Dienste international bewährter Kicker, obwohl es um die Kassenläge des Klubs nicht zum besten bestellt ist. Mit weitgehend unbekannten Leuten dagegen scheint Rudi Gutendorf in Gelsenkirchen einen guten Griff getan zu haben: Der Alsenborner Wüst und der Österreicher Pirkner sind zwei Stürmer, die den Angriffsschwung der Westdeutschen beträchtlich zu beleben versprechen. Doch auch für die Gelsenkirchener gilt dasselbe wie für ihre 17 Konkurrenten: Abgerechnet wird erst in einem knappen Jahr. Und nur, wer diese Zeitspanne ohne große Formschwankungen übersteht, kann sich
Chancen auf eine gute Plazierung ausrechnen.

Das hochauflösende PDF der originalen Zeitungsseite von damals gibt es hier (bei iOS den Link länger gedrückt halten).

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