Osnabrücks Torwarttrainer Rolf Meyer

„Werder sollte gewarnt sein“

„An der Bremer Brücke ist alles möglich“, sagt Rolf Meyer, der Torwarttrainer des Drittligisten VfL Osnabrück. Im Interview blickt er voraus auf das Spiel gegen Werder im DFB-Pokal am Samstag.
03.08.2021, 18:24
Lesedauer: 5 Min
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Von Hans-Günter Klemm
„Werder sollte gewarnt sein“

„An der Bremer Brücke ist alles möglich“, sagt Osnabrücks Torwarttrainer Rolf Meyer mit Blick auf das Spiel gegen Werder im DFB-Pokal.

Nico Paetzel via www.imago-images.de

„An der Bremer Brücke ist alles möglich“, sagt Rolf Meyer, der Torwarttrainer des Drittligisten VfL Osnabrück. Der 65-Jährige mit Bremer Vergangenheit erinnert an die Saison 2009/2010, als die Niedersachsen zum Pokalschreck avancierten. Meyer, 1955 in der Hansestadt geboren und von 1974 bis 1978 als Torwart bei Werder aktiv, hätte nichts dagegen, wenn es in der aktuellen Saison wieder so läuft. Dafür müssten seine Osnabrücker am Samstag allerdings seinen Ex-Club Werder in der ersten Runde des DFB-Pokals bezwingen. Im Interview mit unserer Deichstube erklärt Meyer, wie das gelingen könnte – und warum es in Bremen für ihn einst nie zur Nummer 1 gereicht hat.

Herr Meyer, was war Ihr erster Gedanke, als Thomas Broich für die erste Pokalrunde das Los „Werder Bremen“ gezogen hat?
Rolf Meyer: Als gebürtiger Bremer und ehemaliger Werder-Spieler habe ich mich natürlich riesig gefreut. Wir Osnabrücker wollten einen attraktiven Gegner, und wir haben ihn bekommen. Das Los Werder ist super für uns. Ein Nord-Derby, besser geht es doch nicht!
Wie sehen Sie denn die Aussichten, Bremen auszuschalten und eine Runde weiterzukommen?
Im Pokal ist alles möglich, und der Satz ist keine Floskel! In Osnabrück haben wir schon einige Überraschungen in diesem Wettbewerb geschafft.

Woran denken Sie speziell?
An unseren Siegeszug in der Saison 2009/2010. Wir sind bis ins Viertelfinale gekommen und dort erst an Schalke 04 gescheitert. Zuvor hatten wir Borussia Dortmund, damals mit Kloppo als Trainer, sensationell geschlagen, und in den ersten Runden den HSV nach Verlängerung sowie Hansa Rostock rausgeworfen. Also: An der Bremer Brücke ist einiges möglich. Werder sollte gewarnt sein.

Der VfL ist im bezahlten Fußball zu einer Fahrstuhlmannschaft geworden.
Leider.

Wie konnte es zum Abstieg in die 3. Liga kommen?
In der Relegation haben wir es vermasselt, weil wir in Ingolstadt beim 0:3 unterirdisch gespielt haben. Diese Leistung entsprach nicht unserem wahren Leistungsvermögen. Zuhause haben wir noch mal alles versucht. Es sah auch gut aus bis zur 2:0-Führung, ehe uns ein doofes Gegentor endgültig den Stecker gezogen hat.

Die Saison war aber schon eher verkorkst, oder?
Richtig. Am letzten Spieltag hatten wir noch die Chance, mit einem Sieg in Aue den Klassenerhalt perfekt zu machen. Aber auch diese Möglichkeit haben wir leichtfertig verpasst.
Dabei war der Saisonstart gar nicht so schlecht. Osnabrück stand zu Beginn in der Spitzengruppe.

Was führte zum Niedergang?
Wir sind gut gestartet und danach rapide nach unten gerauscht. Eine Statistik besagt alles: In 13 Heimspielen haben wir nicht einen Punkt verbucht, das muss man sich mal vorstellen. Tote Hose an der Bremer Brücke, der gefürchteten Arena, wo früher alle Gegner ungern angetreten sind! Natürlich fehlten in der Corona-Pandemie die Zuschauer, die bei uns schon immer wie der zwölfte Mann waren. Doch das darf keine Entschuldigung sein. Ein, zwei, drei Punkte in den Heimspielen – und wir wären noch in der 2. Liga, die gerade jetzt so interessant ist.

In Marco Grote stand im letzten Jahr lange ein früherer Werder-Nachwuchstrainer in der Verantwortung. Woran ist er gescheitert?
Es gab sicherlich viele Gründe, dass er freigestellt worden ist. Marco hat zunächst einen guten Job gemacht, er hatte einen guten Zugang zur Mannschaft. Dann blieben die Punkte aus und es kam immer mehr zu Diskussionen um seine Person, die zur Trennung geführt haben.

Auch sein Nachfolger Markus Feldhoff, ein ehemaliger Co-Trainer bei Werder, konnte den VfL nicht mehr retten.
Felle ist ein ganz anderer Typ als Marco, eher introvertiert. Er hat eine ordentliche Arbeit gemacht, konnte am Ende aber nichts mehr ausrichten. Doch mal ehrlich: Es lag nicht nur an den Cheftrainern. Wenn in 13 Heimspielen nicht gepunktet wird, dann haben alle ihren Anteil daran, dann muss sich jeder hinterfragen.

Nun folgt ein Neubeginn mit dem aus Paderborn geholten Trainer Daniel Scherning, einem ehemaligen Assistenten von Steffen Baumgart. Ihr erster Eindruck?
Er ist ein guter Trainer, der kaum Ähnlichkeiten mit seinem früheren Chef besitzt. Er hat eine gute Ansprache und klare Vorstellungen, wie er spielen lassen möchte. Aus meiner Sicht ist es ein guter Griff. Doch im Fußball ist es nun mal so: Auch Daniel Scherning muss liefern.

Wie bewerten Sie den Saisonstart?
Unser Auftaktspiel gegen Duisburg wurde wegen der Quarantäne beim Gegner leider abgesagt. In Saarbrücken am letzten Wochenende konnten wir überzeugen und haben trotz Unterzahl seit der vierten Minute mit 2:1 gewonnen.

Sie zählen schon zum Inventar in Osnabrück, sind seit 2003 im Club.
Dabei bin ich zu diesem Job gekommen wie die Jungfrau zum Kind. Ich habe nie angestrebt, nach meiner aktiven Zeit mein Geld als Torwarttrainer zu verdienen. Ich wollte als Repräsentant einer Sportartikelfirma im Außendienst arbeiten. Dann ist es anders gekommen. Ich bin in Osnabrück geblieben, habe hier schon fast alles gemacht. Torwarttrainer, Co-Trainer, zeitweise auch Chefcoach mit anderen Kollegen.

Zu Ihrer aktiven Laufbahn als Keeper: Auf den Stationen Bremen und Dortmund hatten Sie das Pech, jeweils einen namhaften Rivalen vor der Nase zu haben. Ärgert Sie das im Rückblick?
Bei Werder war ich zweiter Mann hinter Dieter Burdenski und habe im zweiten Jahr regelmäßig in der Reserve gespielt. In Dortmund war ich als Ersatz für Eike Immel eingeplant. Als dieser nach Stuttgart wechselte, sollte ich die Nummer 1 werden. Leider habe ich mich schwer am Finger verletzt und fiel drei Monate lang aus. Aus Duisburg kam Teddy de Beer, der gut hielt und daher zwischen den Pfosten blieb. Unglücklich gelaufen alles.

Besser gelaufen ist es für Sie zwischen den beiden Erstliga-Engagements beim Zweitligisten Osnabrück. Ihre beste Zeit als Profi?
Sicherlich, es lief super! Werner Biskup war Trainer, der beste, den ich je hatte. Ich habe auch gegen Werder gespielt, als die Bremer erstmals abgestiegen waren. Es lief gut, wir standen an der Spitze der 2. Liga Nord. Erst am Ende hat uns Werder überholt und 1981 den Aufstieg perfekt gemacht. Der VfL ist schließlich Sechster geworden, hat so die Qualifikation für die eingleisige 2. Liga geschafft.

Haben Sie heute noch Kontakt nach Bremen, zu Werder-Größen?
Augenblicklich etwas weniger, aber vor Jahren mehr, als die zweite Mannschaft der Bremer noch in der 3. Liga spielte. Ich war häufig auf Platz 11 für Spielbeobachtungen, habe Björn Schierenbeck, Thomas Wolter oder Thomas Schaaf getroffen. Das alte Vereinsheim steht immer noch da, alles wie früher.

Wer ist Ihrer Meinung nach in der 3. Liga in der Favoritenrolle?
Es wird eine spannende Spielzeit. Noch ist alles schwer einzuschätzen. Ich hoffe, dass wir oben mitmischen können. Braunschweig hat investiert, Türkgücü ebenso, und 1860 München und Duisburg muss man sowieso immer auf dem Zettel haben.

Und die 2. Liga? Kann Werder den sofortigen Wiederaufstieg verwirklichen?
Ich warte lieber mit einer Vorhersage ab, weil sich auf dem Transfermarkt noch viel tun kann. Für Werder ist ein guter Start wichtig. Die Bremer sollten sich auf diese neue Spielklasse schnell einstellen. Ich kann aus Erfahrung sprechen: Die 2. Liga mit den vielen früheren Erstligisten wie Schalke, Hamburg, Hannover und Nürnberg ist nicht zu unterschätzen.    

Das Gespräch führte Hans-Günther Klemm.

Zur Person

Rolf Meyer (65) ist seit 2003 als Torwarttrainer für den VfL Osnabrück tätig, für den er während seiner aktiven Laufbahn zwischen 1978 und 1983 insgesamt 184 Zweitligaspiele als Schlussmann bestritt. Für Werder war Meyer, der in Bremen geboren und in Weyhe-Melchiorshausen aufgewachsen ist, von 1974 bis 1978 aktiv, schaffte es in dieser Zeit aber nicht, sich den Stammplatz im Tor zu erkämpfen. Im Jahr 1983 wechselte er zu Borussia Dortmund und gehörte 1989 dem Aufgebot an, das den DFB-Pokal gewann – damals übrigens dank eines 4:1-Finalerfolgs gegen Werder.    

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