Wie Werders Keeper das Spiel eröffnet

Pavlenkas Plan B

Vorhersehbar, langsam, leicht zu verteidigen: An den Flugbällen von Jiri Pavlenka scheiden sich die Geister. Doch es gibt triftige Gründe, warum Werder diese Art des Zuspiels einstreut. Ein Erklärungsversuch.
20.02.2019, 18:35
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Von Stefan Rommel
Pavlenkas Plan B
nordphoto

Neulich gegen den FC Augsburg, da hat es Pavlenka wieder besonders häufig getan. Meist nutzt Werders Torhüter einen Abstoß für einen dieser Bälle, die immer mal wieder für ein kleines Raunen sorgen unter den Bremer Fans. Augsburg nahm Werder im eigenen Pressing so früh wie nur wenige andere Mannschaften in dieser Saison in Empfang, im 5-2-3 der Gäste stellten die beiden Flügelangreifer Werders Innenverteidiger zu und der Zehner dahinter übernahm den Bremer Sechserraum.

Diese Art Manndeckung torpedierte Werders erste Idee, flach und mit einem kurzen Anspiel über die Innenverteidiger zu eröffnen. Also musste mal wieder der Alternativplan her und der wird initiiert von Pavlenka. Erste Adressaten sind dabei Ludwig Augustinsson und Theo Gebre Selassie, Letzterer wird auffällig häufig als Anspielstation gesucht. „Ich spiele ihn jedenfalls nicht nur deshalb an, weil wir Freunde oder Landsleute sind“, sagte Pavlenka lachend in einer Medienrunde am Mittwoch. „Es gibt immer einen Plan, wie wir in solchen Situationen spielen.“ Genaue Einzelheiten wollte er nicht verraten, doch die Abstöße sind eben eine klare Vorgabe des Trainerteams, das den Torhüter aufgrund des zu erwartenden hohen Pressings einiger Gegner im Vorfeld explizit instruiert.

Nicht lehrbuchmäßig, aber effektiv

Dass die Zuspiele des Keepers alles andere als flach, vertikal oder scharf sind, so wie es im Handbuch jeder ordentlichen Spieleröffnung steht, ist dabei ein Nachteil, den Werder offensichtlich gerne in Kauf nimmt. Auch dass der Gegner bereits bei Pavlenkas Anlauf merkt, was gleich passieren wird, erscheint nicht als großes Problem. Werder muss und will damit – vereinfacht formuliert – das Pressing des Gegners relativ risikolos überspielen und von einer Zone aus weiter nach vorne kommen. Klingt banal oder einfallslos, ist es aber nicht. Zum einen schickt Pavlenka ja nicht irgendwen ins Kopfballduell, sondern mit Augustinsson und vor allen Dingen Gebre Selassie zwei durchaus kopfballstarke Spieler. Besonders der Tscheche ist nicht nur sprunggewaltig genug, sondern hat auch das entsprechende Timing, um sich gegen die in der Regel nicht ganz so kopfballstarken gegnerischen Außenverteidiger durchzusetzen.

In Werders 4-3-3 kann der Ball dann im besten Fall zu einem der Flügelangreifer verlängert werden, kommt Max Kruse noch dazu und schieben der ballnahe Achter und der Sechser nach, ist die Mannschaft im Kampf um einen möglichen zweiten Ball auch recht gut aufgestellt.

Kaum Risiko bei Ballverlusten

Bei langen, hohen Zuspielen in die Spitze wäre die Gefahr, den Ball zu verlieren, deutlich größer: Werder hat keinen echten Keilstürmer, der sich gegen die Innenverteidiger im Luftkampf durchsetzen könnte, eine Verlängerung ist also nur schwer möglich und vor allem: Wird der Ball im Zentrum verloren, ist der Weg zum eigenen Tor in der Regel ungleich kürzer als nahe der Seitenauslinie auf Höhe der Mittellinie. Pavlenkas vorbereitender (offensiver) Pass ist also schon der erste Grundstein der Konterabsicherung.

Andere positive Nebeneffekte: Der Außenverteidiger schaut quasi ins Spielfeld und sieht den einen seitlich anlaufenden Gegenspieler – hinter ihm kann ja kein Gegenspieler mehr im Rücken auftauchen. Der Anlauf ist entsprechend zum Ball hin ausgerichtet und einfacher. Und: Geht das alles schief, wird der Ball nicht nach vorne verlängert oder im Spiel gehalten, sondern geht ins Seitenaus, dann ist das Spiel unterbrochen und es bleibt genug Zeit, sich zum Ball zu stellen und den Gegner beim Einwurf zuzustellen.

Erst wenn das flache Herausspielen und der Flugball auf einen der Außenverteidiger unmöglich sind, weil alles zugestellt ist oder es anderweitige Probleme gibt, greift die letzte Möglichkeit: Ein neutraler Ball von Pavlenka, hoch und weit ins Zentrum gespielt. Die Chance ist dabei allenfalls 50:50. Eher sogar weniger als das. Dann doch lieber Plan B. Und ganz so schlecht hat der bis jetzt ja auch nicht funktioniert.

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