Stürmerstar ist zurück bei Werder Pizarro als Botschafter und Mentor

Wenn die Tür aufgehen würde zur Werder-Kabine, was wäre dann da zu sehen? Viele junge Leute wären da zu sehen. Junge Leute, das ist der Werder-Weg.
08.09.2015, 00:00
Lesedauer: 6 Min
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Pizarro als Botschafter und Mentor
Von Olaf Dorow

Wenn die Tür aufgehen würde zur Werder-Kabine, was wäre dann da zu sehen? Viele junge Leute wären da zu sehen. Junge Leute, das ist der Werder-Weg. Was brauchen junge Leute? Jemanden, der sie führt, der sie anleitet. Der ihnen Hilfe gibt, der ihnen erklärt, worauf es ankommt. Der ihnen im Bedarfsfall die Nervosität nimmt. Der ihnen kleine und große Tricks verrät, der sie aufmuntert oder stärkt, der ihnen sagt: Das wird schon. Der eine Orientierung oder einen Halt geben kann. Von dem sich sagen oder wenigstens denken lässt: Gut, dass er da ist.

Claudio Pizarro ist jetzt da. Wieder da, um genauer zu sein, denn jeder weiß, dass zu seinen inzwischen bald zwei Jahrzehnten als Fußball-Profi bislang auch sechs Werder-Jahre zählten, aufgeteilt in zwei Phase. Jetzt folgt Phase drei. Sein siebtes Werder-Jahr. Er hat am Montag einen Vertrag bis zum 30. Juni 2016 unterschrieben. Dass mal jemand sagen wird, dass es ein verflixtes siebtes Jahr ist, das kann man nicht wissen. Das kann passieren. Eine solche Skepsis war aber nicht das, was den Start in Phase drei ausgemacht hat.

An diesem Montag fand der Fan-Auftrieb vom Abend zuvor, als der bald 37-jährige peruanische Stürmer am Flughafen wie ein verlorener Sohn empfangen wurde, seine Fortsetzung in einem gewaltigen Medien-Auftrieb. Und in einem Auftritt, der Bremens Fußball-Herz das schenkte, was das Herz haben wollte an diesem Tag: dieses schelmische Strahlen von Pizza, wie ihn die meisten nennen.

Für das Strahlen braucht sich der nun dreifache Werder-Claudio – anders als andere – nicht anzustrengen. Das ist nicht die Hülle, in die er schlüpft, wenn er vor die Tür tritt. Das ist einfach nur das äußere Merkmal eines nun endgültig ganz besonderen Werder-Profis. Die Rolle, die er in seinem dritten Bremer Engagement übernimmt – wenn man das zweite mit seinem anfänglichen Leih- und erst späteren Vertrags-Status mal als ein Ganzes begreift – scheint dabei klarer definiert als je zuvor.

Über seine ersten beiden Werder-Kapitel sagt Aufsichtsratschef Marco Bode, der zwischen 1999 und 2001 noch zusammen mit Pizarro spielte: „Er war eines der größten Talente, die ich je wahrgenommen habe“. In der ersten Phase sei der Peruaner so wild wie treffsicher gewesen. In der zweiten erfahren und clever. „Jetzt hoffe ich, dass er uns in seiner dritten Phase, der reifen Phase, auf verschiedene Arten helfen wird“, sagt Bode. Pizarro ist nun nach außen eine Art Werder-Botschafter und nach innen eine Art Werder-Mentor.

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Er, der ausländische Rekord-Torschütze der Bundesliga, der sechsfache Deutsche Meister, er will seine Erfahrungen an die Jungen weitergeben. Das habe er zuletzt schon in der Bayern-Kabine gemacht. „Man muss das machen“, sagt er, „in dieser Rolle bin ich jetzt.“ Clemens Fritz, Werders bald 35-jähriger Kapitän, ist da in einer ganz ähnlichen Rolle. Und ist überzeugt, dass es jungen Spielern hilft, wenn die älteren etwas zu sagen haben.

„Ich hab’ doch früher auch in der Kabine gesessen und die Ohren gespitzt, wenn die erfahrenen Spieler geredet haben“, sagt Fritz. Er findet, Pizarro könne eben nicht nur auf dem Platz, sondern auch in der Kabine eine Hilfe sein. Da sei er „in seiner lockeren und zugänglichen Art eine Bereicherung für die Jungs.“ Fin Bartels, mit 27 auch schon einer der älteren Spieler im Bremer Kader, stellt sich „eine gute Wechselwirkung“ vor zwischen dem neuen alten Star-Stürmer und der Mannschaft Werder Bremen. Pizarro sei einerseits einer, der „weiß, wo die Kiste steht“.

Was Pizarro geleistet habe, sei sensationell, sagt Bartels. Andererseits sei der Mann mit dem großen Namen „aber ja auch abhängig von uns“. Man würde das neudeutsch wohl als Win-win-Situation beschreiben: Pizarro kann Werder helfen, Werder kann Pizarro helfen. Auf die Mischung zwischen Jung und Alt käme es an, sagt er. Die Jungen sollen von ihm lernen, er will auch von den Jungen profitieren. Er hatte sich zuletzt mit Waldläufen fit gehalten. „Ich muss auf den Platz, das ist das was ich brauche“, sagt er. An diesem Dienstag wird er das erste Mal seit rund zwei Monaten wieder zusammen mit einer Mannschaft trainieren. Ob es bereits für den Sonntag, fürs Auswärtsspiel in Hoffenheim reicht, müsse man sehen. Auszuschließen sei das nicht, sagt Werders Sportchef Thomas Eichin. Die Mitspieler sind da sehr gespannt, der Trainer auch, und Pizarro selbst auch.

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Der Montag war nicht der Tag für eine Prognose über den ersten Pizarro-Einsatz. Es war der Tag, die Gewissheit brachte, dass da demnächst ein Mann namens Pizarro zum Einsatz kommen wird. „Insgesamt soll er ähnlich wirken, wie damals Julio Cesar“, sagt Bode. Der brasilianische Innenverteidiger kam vor 16 Jahren als 36-jähriger Dortmunder Alt-Star, um für ein Jahr mit seiner Routine Fortschritte auf dem Platz zu bewirken. „Und Julio hat die anderen Spieler um sich herum besser gemacht“, erinnert sich Bode. An Cesars Seite taute damals unter anderem ein gewisser Ailton allmählich auf und fühlte sich ein gewisser Pizarro sauwohl.

Die Rolle als grün-weißer Botschafter ist der übers rein Sportliche hinausgehende zweite Aspekt der Pizarro-Verpflichtung. Es ist jetzt noch einer mehr, den man mitdenkt, wenn man Werder denkt. Einer, der dem, was man gern als Werder-Gen bezeichnet, ein Gesicht verleiht. Das ist ein Pfund, mit dem man wuchern kann in einer Zeit, in der es nicht leicht geworden ist, sich auf dem Markt zu behaupten. Wer auf dem Markt nicht als gesichtslose Fußball-Unternehmung wahrgenommen werden will, hat dadurch schon mal einen Vorteil. Mit einer Figur wie Bode an der Firmenspitze hatte sich Werder im vergangenen Jahr eine Kontur gegeben, ebenso mit den Trainern Viktor Skripnik und Torsten Frings an der Spitze ihres Sportbetriebs.

Claudio Pizarro passt gut in diese Reihe, als Identifikationsfigur auf dem Platz. Auch in dieser Hinsicht sieht es nach einer Win-win-Situation aus. Pizarro gehört zu Werder. Werder gehört zu Pizarro. „Ich bin kein Spieler, der in vielen Vereinen spielt“, sagt er, „ich identifiziere mich mit dem Verein.“ Solche Sätze stärken die Marke Werder und lassen die grün-weiße Seele durchatmen.

Der Seele ging es vor ein paar Wochen nicht so gut. Da verkündete der Top-Stürmer Franco Di Santo erst, wie dicht er vor einer Vertragsverlängerung mit Werder stehen würde, um dann am Tag der Fans seinen Wechsel zum FC Schalke bekanntzugeben. „Scheiß Söldner“, schrieb Werders Promi-Fan Jan Delay in der ersten Erregung, ehe er sich für die Entgleisung entschuldigte. Am Montag twitterte Delay zur Pizarro-Verpflichtung: „Jaaaaaaa! wenn ihr ein feuerwerk über hamburg seht, das bin ich. bin vor freude explodiert!!“

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Im Fan-Shop am Weserstadion war das Heim-Trikot mit dem Pizarro-Namenszug schon bald ausverkauft, ein Mitarbeiter meinte: „So einen Andrang hatten wir noch nie.“ Vielleicht hatte er vergessen, dass es im September 1999 auch schon einen solchen Hype um ein Trikot gab. Grund: ein junger Stürmer namens Pizarro, gerade von Alianza Lima verpflichtet, hatte in nur einer Woche in drei Pflichtspielen für Werder sechs Tore geschossen. Und ein weiteres vorbereitet.

Als er Ende Juni von der Copa América nach München zurückgekehrt ist, wo man seinen Vertrag nicht noch einmal um ein weiteres Jahr verlängern wollte, hätten ihm mehrere Angebote vorgelegen, berichtete Pizarro am Montag. Das Richtige sei aber nicht dabeigewesen. Die Anfrage aus Bremen, die sei dann aber sehr interessant gewesen. In Bremen hatten Sportchef Eichin und Sportdirektor Rouven Schröder unterdessen gebetsmühlenartig wiederholt, dass Pizarro kein Thema sei. Reine Strategie, wie Eichin am Montag zugab. „Claudio war natürlich immer ein Thema, deswegen haben wir das Thema zu keinem Thema gemacht“, sagte er. In München ging derweil der Umworbene mit seiner Familie in Klausur. Thema Bremen. Seine Kinder hätten immer noch viele Freunde in der Stadt, auch seine Frau hätte sich hier immer sehr wohl gefühlt, erzählte er auf der Pressekonferenz im Weserstadion. Auch hier eine Form von Wechselwirkung: Der Vater musste seine Familie nicht erst überzeugen, die Familie nicht erst den Vater.

Der führte in der vergangenen Woche ein langes Telefonat mit Thomas Eichin. Beeindruckt sei er hinterher gewesen, sagte Eichin. Beeindruckt davon, wie Pizarro sich seine Rolle in der Bremen-Phase drei so vorgestellt hatte in diesem Telefonat. Für ihn, sagte wiederum Pizarro, habe es keinen unwesentlichen Einfluss gehabt, dass in Bremen jetzt Leute das sportliche Sagen haben, mit denen er eine Menge anfangen kann. Trainer Viktor Skripnik und Co-Trainer Torsten Frings waren damals wie Marco Bode seine Mitspieler. Ob er schon mal einen Ex-Mitspieler zum Trainer gehabt hätte, wurde Pizarro am Montag gefragt. Nein, hatte er nicht. „Aber ich denke, das passt“, sagt er da und hat wieder dieses einnehmende Strahlen im Gesicht.

Als er nach dem Telefonat wieder mit seiner Familie sprach, schien der Weg frei für den Weg nach Bremen. Inklusive Hund, wie er schlagfertig anmerkt, werde die gesamte Familie nun von München nach Bremen umziehen. Der erste Fan-Empfang am Sonntagabend auf dem Flughafen habe ihm sehr gefallen, so etwas habe er nicht erwartet, sagte der neue alte Werder-Star. Es habe ihn berührt. Denn: „Ich bin ein herzlicher Mensch.“ So beschrieb er sich am Montag. Mehr Herz geht zur Zeit kaum im Werder-Land. Jetzt muss Claudio Pizarro nur noch Tore schießen für Werder. 89 hat er schon.

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