Claudio Pizarro verabschiedet sich von Werder Bremen Pizarro hinterlässt nur Andeutungen

Bremen. Bei seinem Abschied von Werder hat Stürmer Claudio Pizarro rührende Worte über seine Zeit in Bremen gefunden. Hinter der sportlichen Zukunft des Peruaners stehen allerdings noch viele Fragezeichen.
18.05.2012, 05:00
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Pizarro hinterlässt nur Andeutungen
Von Olaf Dorow

Bremen. Öffentlich erlaubt sich Klaus Allods selten Sentimentalitäten, aber jetzt ließ er das mal zu. Er wüsste das noch wie heute, sagte Werders Manager. Dann erzählte er, wie er die Unterschrift von Claudio Pizarro bekam, damals im August 1999.

Man saß am Abfertigungsschalter der Lufthansa in Lima. Der Flieger zurück über den Atlantik war längst aufgerufen, gleich sollte er starten, und da endlich unterzeichnete der umworbene Stürmer die notwendigen Papiere. Es begann ein Kapitel, das zwar lange unterbrochen wurde, das aber länger dauerte als so viele andere grün-weiße Kapitel. Es trug Werder 89 Bundesliga-Tore, einmal eine fette Ablösesumme, einen Titel und großartige Momente ein. Am Donnerstag endete es.

Am Donnerstag flog Claudio Pizarro nach Lima. Noch nicht in den Urlaub, weil Peru Anfang Juni in der WM-Qualifikation noch gegen Kolumbien und Uruguay spielt. Aber für Bremen spielt er nie wieder. Am Mittwochabend streifte er anlässlich des Freundschaftsspiels in Cuxhavenein letztes Mal das Werder-Trikot über.

Schon aus der Ferne war zu hören, dass man sich trotz steifer Brise beim Bezirksligisten FC Eintracht Cuxhaven 01 auf einen großen Fußballabend freute. Um nicht zu sagen: Auf einen Pizarro-Abend. Laut dröhnte die Partymusik, der Mann am Mikrofon mühte sich redlich, die Zuschauer einzustimmen. Die Werder-Profis taten dann auf dem Platz alles, um den scheidenden Star in Szene zu setzen.

Und so kam es, wie es kommen sollte: Pizarro schoss zwei letzte Tore für Werder Bremen. Das erste nach einer halben Stunde, das zweite kurz nach Wiederanpfiff in der 46. Minute. 180 Sekunden später war die Ära Pizarro dann vorbei. Unter warmem Applaus der rund 4000 Zuschauer klatschte "Pizza" noch ein letztes Mal Mannschaft und Trainer ab, ließ sich von Klaus Allofs drücken – und lief quer über den Platz Richtung Kabine.

Es passte zu diesem kalten und daher letztlich wohl auch etwas trostlosen Abend, dass auch der Ehrengast nicht mehr sehr gesprächig war, als er zum Mannschaftsbus schlurfte. Er habe doch bereits am Morgen alles gesagt. "Diese Woche war ein bisschen traurig", gab er noch zu Protokoll. "Ich verlasse viele Freunde, aber es geht auch weiter."

Am Morgen hatte er in Bremen ein letztes Mal trainiert und eine letzte Pressekonferenz gegeben. Wer gekommen war, um den neuen Verein des 33-jährigen Torjägers zu erfahren, ging leer aus. Der deutete an, dass es noch dauern könnte, bis er es bekannt geben wird. Für die Entscheidung pro oder kontra Werder waren zuletzt mehrere Monate draufgegangen.

Pizarros letzter öffentlicher Auftritt in Bremen gestaltete sich ähnlich zackig wie so viele zuvor. Was das angeht, blieb er sich auch zum Abschied treu. Ausgeleuchtet von x-fachem Kameralicht lächelte er vieles mit seiner Fröhlichkeit und Listigkeit weg. Das Frage-Antwort-Spiel war oftmals ein Stakkato in bemerkenswerter Knappheit und Geschwindigkeit.

Lag es daran, dass Werder die Europa League verpasst hat, dass er absagte? "Das war ein wichtiger Faktor. Aber es gibt auch andere Faktoren." Welche? "Andere." Gibt es Angebote aus der Bundesliga? "Ja." Wie wichtig ist es ihm, weiterhin international zu spielen? "Sehr wichtig."

Immerhin erklärte Pizarro aber, dass Spanien oder Italien eher nicht infrage kämen für ihn. Er spricht spanisch und hat italienische Vorfahren. "Aus Respekt vor den anderen Mannschaften" wollte er nicht mehr verraten über seinen zukünftigen Arbeitgeber. Nur indirekt verriet er etwas. Er habe lange genug beim FC Bayern gespielt, um den Konkurrenzkampf und das Gerangel um Spieleinsätze bestens zu kennen. Er hätte kein Problem damit, zu einem solchen Verein zu wechseln, wo ihm ein namhafter Stürmerkollege vor der Nase beziehungsweise im Nacken sitzt.

Aus all dem Gesagten ergab sich kein klares Bild, höchstens eine Wahrscheinlichkeit. Klubs wie Bayern, Dortmund oder erst recht Schalke und Gladbach sind wohl längst noch nicht aus dem Rennen. Es könnte durchaus genau das eintreffen, was Klaus Allofs sich nicht wünscht. "Ich hoffe, dass Claudio die richtige Entscheidung trifft und noch ganz viele Tore schießt. Aber hoffentlich nicht gegen Werder Bremen und hoffentlich in einer anderen Liga", hatte Allofs gesagt.

Artig und mit entsprechendem Pathos sagte Pizarro, und zwar gleich mehrfach, dass er "eine große Liebe" für Werder spüre. Er bedankte sich bei den Fans und sagte nur Gutes über Werders weitere Aussichten. Werder sei immer ein Klub gewesen, der zu den besten fünf der Bundesliga zählt, und nun werde Werder bestimmt "viele gute Spieler finden", die den Klub in die Ligaspitze zurückbringen würden.

Das mag sein. Derzeit sind erst mal nicht so viele Top-Stürmer da. Bekannt ist vorerst nur, dass Werder Nils Petersen in München loseisen will. Derzeit besteht die Lücke nicht nur daraus, dass eine fußballerische Qualität verlustig geht. Mit Pizarro geht auch ein Typ. Einer, den die Gegner bewundern oder fürchten, und einer, der zwar auch seine Formschwächen und Auszeiten hat, der aber oft genug in brenzligen oder gar ausweglosen Situationen eine Lösung gefunden hat. Einer, zu dem junge Profis aufblicken können. Werders Kader besteht aus einer stattlichen Reihe von Jungprofis.

"Nun müssen andere die Rolle übernehmen"

"Für uns war das (Pizarros Absage, d. Red.) ein trauriger Tag. Er hat so eine positive Ausstrahlung", sagte Allofs am Mittwoch auf der Pressekonferenz. Nun müssten andere diese Rolle übernehmen. Führungsspieler sind seit dem Abgang von Wiese, Marin und nun Pizarro nicht eben im Überfluss da.

Er werde gerne besuchsweise wieder nach Bremen kommen, sagte Pizarro noch. Mit einem Anflug von Pathos hatte Allofs davon gesprochen, dass es Werder dreimal gelungen sei, den Superstürmer zu holen, einmal aus Lima, zweimal aus London. Ein viertes Mal sei das leider nicht gelungen. Jetzt will man den verdienten Angreifer möglichst "in einem großen Rahmen, vielleicht mit einem Saisoneröffnungsspiel" verabschieden. Vielleicht klappt das aber auch nicht.

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