Oldie trifft und denkt ans Weitermachen

Pizarro in seiner Paraderolle

Nicht erst seit dem Tor zum 2:2 gegen Dortmund wünschen sich viele Fans, dass Claudio Pizarro noch eine Saison bei Werder spielt. Die Entscheidung darüber falle in Kürze, erklärte Trainer Florian Kohfeldt.
05.05.2019, 13:04
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Von Christoph Bähr
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Einmal Claudio Pizarro sein, zumindest für ein paar Sekunden. Davon träumen viele. Kevin Möhwald hat es erlebt. Er weiß jetzt, wie sich der große Held der Werder-Fans fühlt, wenn ihm ein ganzes Stadion huldigt. Möhwald und Pizarro wurden beim Heimspiel gegen Dortmund nämlich beide in der 60. Minute eingewechselt. Vorher joggten sie gemeinsam vom Aufwärmen hinter dem Tor zur Ersatzbank, und die Fans im Weserstadion taten das, was sie immer tun, wenn sich Pizarro zum Einsatz bereit macht: Sie drehten durch. „Es war für mich ganz gut, dass ich zur Einwechslung gelaufen bin und das Stadion gejubelt hat. Ich habe es dann auf mich projiziert“, scherzte Möhwald später.

So ganz nebenbei hat Pizarro mit seiner besonderen Aura also auch noch dafür gesorgt, dass Möhwald beschwingt ins Spiel ging und kurz nach seiner Einwechslung das 1:2 erzielte. Den ganz großen Auftritt aber hatte natürlich der Altmeister selbst. Nachdem Ludwig Augustinsson dem Dortmunder Verteidiger Manuel Akanji den Ball abgeluchst hatte, stand Pizarro da, wo er am liebsten steht: zentral vor dem Tor. Dort ist sein Revier, sein natürliches Jagdgebiet. Dort macht ihm keiner etwas vor, auch nicht der 17 Jahre jüngere Abdou Diallo. Einen Tick eher als sein Gegenspieler war Pizarro am Ball und markierte mit einem eleganten Volleyschuss den 2:2-Endstand (75.). „Wenn ich mit 40 Jahren mein Bein noch so hoch heben könnte, dann wäre ich sehr glücklich“, staunte Teamkollege Maximilian Eggestein.

Es versteht sich von selbst, dass das Weserstadion nach diesem Treffer den Lärm bei der Pizarro-Einwechslung noch einmal um ein Vielfaches übertraf. „Es ist immer etwas Besonderes für mich, wenn die Leute hier jubeln“, sagte Pizarro nach der Partie. Als der Peruaner diese Worte im Interview mit dem TV-Sender Sky aussprach, jubelten die Leute auf der Tribüne ihm schon wieder zu. Pizarro schaute kurz hoch und setzte dieses schelmische Pizarro-Lächeln auf, das ihm jedes Mal ganz Bremen zu Füßen liegen lässt.

Die Fans und die Sturmlegende waren am Sonnabend gleichermaßen froh: Endlich hatten es mal wieder einen dieser speziellen Pizarro-Momente gegeben. Nachdem er im Februar beim Ligaspiel in Berlin und beim Pokalspiel in Dortmund wichtige Treffer erzielt hatte, war es zuletzt etwas ruhig um den Peruaner geworden. Eine Oberschenkelverletzung setzte ihn zwischenzeitlich außer Gefecht, doch er kann im Saisonendspurt wieder ein entscheidender Faktor sein, das hat das Dortmund-Spiel gezeigt.

Rekord ausgebaut

Pizarro kam rein und streichelte den Ball, behauptete den Ball, verteilte den Ball. Nur nach zwei Flanken erwischte er das Spielgerät jeweils nicht richtig mit dem Kopf, sonst wäre sogar ein Pizza-Doppelpack möglich gewesen. Um seinen bereits bestehenden Rekord auszubauen, reichte Pizarro aber auch der eine Treffer, sein 150. Tor für Werder: Nun ist er mit 40 Jahren und 213 Tagen der älteste Torschütze der Bundesliga-Geschichte.

In der laufenden Saison kommt Pizarro auf vier Tore und zwei Torvorlagen in 24 Liga-Einsätzen, die zumeist relativ kurz waren. Eine bemerkenswerte Quote. Dazu macht der Angreifer auch seine Mitspieler besser. Nimmt man nur die Minuten, in denen Pizarro auf dem Platz stand, kommt Werder auf ein Torverhältnis von 22:11. „Das ist mein Job, wenn ich reinkomme: Ich versuche immer, die Leute mitzunehmen und das Team zu ermutigen, Fußball zu spielen“, schilderte Pizarro.

So viel lässt sich also schon vor dem Saisonende sagen: Dass Werder dem Oldie noch einmal eine Chance gegeben hat, hat sich ausgezahlt. „Es ist schön, dass er das immer wieder bestätigt“, sagte Sportchef Frank Baumann. „Aber wir wissen das ohnehin, sonst wäre er nicht hier und würde nicht eingewechselt werden. Wir sind froh, dass wir ihn haben.“ Es gibt wohl nur sehr wenige Menschen in Bremen, die nicht froh wären, wenn Werder den 40-Jährigen auch in der kommenden Saison noch im Kader hätte.

„Bisher gibt es keine Verhandlungen. Wir setzen uns in Ruhe zusammen und schauen, wann der richtige Zeitpunkt ist“, sagte Baumann. Wichtig sei in dieser Frage auch, wie der Kader für die neue Saison aussehe und ob Werder international spiele und daher ein großes Aufgebot benötige. Klar ist aber: Wenn Pizarro wirklich noch ein Jahr weitermachen will, dürfte der Verein ihn kaum vom Hof jagen. Und der Stürmer betonte nach dem Dortmund-Spiel: „Ich habe immer noch Lust auf Fußball.“ Das klingt nicht nach Karriereende.

Entscheidung vor Leipzig-Spiel

Ob es im Weserstadion tatsächlich noch eine weitere Saison mit diesen ganz speziellen Pizarro-Momenten gibt, entscheidet sich in Kürze. Trainer Kohfeldt grenzte den Zeitraum ein und erklärte: „Wenn es seine letzte Saison ist, werden wir es vor dem letzten Heimspiel gegen Leipzig wissen. Dann wird er so verabschiedet werden, wie es einer Legende gebührt. Aber das ist noch nicht entschieden.“

Konkreter wollte Kohfeldt nicht werden, er witzelte lieber: „Vielleicht will ich ihn ja auch loswerden.“ Hintergrund: Der Trainer muss sich sogar mit Claudio Pizarro befassen, wenn er mal einen Tag frei hat. Der Peruaner ist der Lieblingsspieler seiner Tochter. „Sie möchte, dass ich ihn nach Hause einlade. Sie ist dreieinhalb Jahre alt und kennt nur Pizarro“, sagte Kohfeldt lachend und fügte hinzu: „Für einen Vater ist es hart, wenn man nicht die Nummer eins ist.“ Kohfeldt kann sich aber trösten. Pizarro ist in Bremen inzwischen kaum noch mit menschlichen Maßstäben zu messen. Er ist eher ein Superheld wie Batman oder Superman, schließlich hat er die Gesetze des Alterns außer Kraft gesetzt. Und Superhelden finden Kinder nun einmal seit jeher toll.

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