Analyse zu Werder Bremen Pizarro macht Werder das Leben schwer

Bremen. In der Hinrunde hat ihm das Publikum noch zu Füßen gelegen. Inzwischen sind immer mehr Werder-Anhänger sind von Pizarros Zögern genervt. Und der Sportlichen Leitung erschwert die Hängepartie den Neuaufbau der Mannschaft.
15.05.2012, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Pizarro macht Werder das Leben schwer
Von Marc Hagedorn

Bremen. Seit Ende März ist es die Frage, die alle Werder-Fans beschäftigt: Bleibt Claudio Pizarro in Bremen? In der Hinrunde schoss der Peruaner Tor um Tor, und das Publikum lag ihm zu Füßen. Inzwischen ist die Stimmung gekippt. Immer mehr Werder-Anhänger sind von Pizarros Zögern genervt. Und der Sportlichen Leitung erschwert die Hängepartie den Neuaufbau der Mannschaft. Eine Betrachtung.

Jetzt also Borussia Dortmund. Oder doch Schalke 04. Das Fachblatt "Kicker" hat am gestrigen Montag von entsprechenden "Gerüchten" berichtet. Neue und belastbare Fakten zur Zukunft des Werder-Stürmers gibt es schon seit Wochen nicht mehr. Wenn Claudio Pizarro sich nicht bald entscheidet, dann wird das jetzt jeden Tag so weitergehen. Pizarro nach Tottenham. Oder nach Mailand. Zum AC? Zu Inter? Oder doch zu den Bayern? Dort hatte er laut "Münchner Merkur" vor vier Wochen schon so gut wie sicher einen Vertrag unterschrieben. Und? Und nichts ist passiert. Inzwischen fragt man sich: Gibt es überhaupt ernsthafte Angebote für Pizarro?

Die Fans finden das Pokerspiel um und mit Werders Top-Stürmer inzwischen nicht mehr lustig. Als die Online-Redaktion dieser Zeitung vor vier Wochen fragte, ob Claudio Pizarro in Bremen bleiben solle, hielt das schon damals nur gut die Hälfte der fast 3000 Befragten für eine feine Sache. Als die Frage gestern – vor dem Hintergrund der Schalke- und Dortmund-Spekulationen – erneut ins Netz gestellt wurde, fiel das Ergebnis noch eindeutiger aus: Über 90 Prozent klickten auf den Button für die Antwort: "Die andauernde Ungewissheit nervt".

Claudio Pizarro ist dabei, mit seiner zögerlichen Art sein Image zu beschädigen. Werders Fans lieben ihn. Für seine Tore. Für seine Schlitzohrigkeit. Für seinen Charme. Pizarro muss aufpassen, dass sie ihn nicht bald einen Abzocker nennen. Ist Pizarro noch ein Werderaner? Ja, das ist er ganz bestimmt. Werder war seine erste Station als Fußballprofi in Europa, seine Gastfamilie sozusagen, in der er schnell zum Liebling wurde. Von Bremen aus startete er seine Karriere, die ihn auf internationales Top-Niveau führte. Und als er nach sieben Jahren in der Ferne, sprich München und London, in der Sackgasse steckte, kehrte er zurück nach Hause. Sollte er die Stadt tatsächlich bald verlassen, wird er sagen, dass er Werder immer in seinem Herzen trage und den Menschen hier sehr dankbar sei. Pizarro ist ein Gentleman.

Pizarro ist aber auch ein abgezockter Profi. Fußball spielen ist sein Beruf. Zwei, allerhöchstens drei Jahre wird er noch auf hohem Niveau spielen können. Deshalb geht es für ihn jetzt auch um einen letzten, fetten Vertrag. Werder ist bereit, ihm den zu geben. Für zwei Jahre und angeblich 4,2 Millionen Euro pro Saison. Trotzdem mag Pizarro nicht unterschreiben.

Weil er sich Fragen stellt: Hat er Lust darauf, Teil eines Bremer Neuaufbaus zu werden, der zwei, drei Jahre dauern kann? Ohne Garantie dafür, dass der Umschwung auch wirklich stattfindet? Oder will er zum Abschluss nicht lieber noch einmal in der Champions League spielen? Andererseits: Würde es Spaß machen, beim FC Bayern oder bei Borussia Dortmund in 30 von 50 Pflichtspielen hinter Mario Gomez oder Robert Lewandowski von der Bank zu kommen, wenn seine Mannschaft 3:0 führt gegen Teams wie Freiburg, Augsburg oder Mainz?

Das alles will wohl überlegt sein. Aber braucht man dafür acht Wochen? Oder zehn? Oder zwölf? Der Stürmer Claudio Pizarro hat im Strafraum des Gegners nie lange gezögert, er ist seinem Instinkt gefolgt und hat den Ball mit Hacke, Spitze, Kopf oder Brust ins Tor befördert. Das macht seine Klasse aus, dafür lieben ihn die Fans.

Schlecht ist Pizarros Zögern für den Verein, für seinen angeblich so heiß geliebten SV Werder. Von Pizarros Gehen beziehungsweise von seinem Verbleib hängt im Prinzip die komplette Bremer Zukunftsplanung ab. Braucht Werder nur einen neuen Stürmer (wenn Pizarro bleibt)? Oder zwei (wenn Pizarro geht)? Wie viel Geld steht für den Umbau zur Verfügung? Viele Millionen (wenn er geht)? Oder eher wenige (wenn er bleibt)?

Soll Werder doch einfach sein Angebot zurückziehen und Pizarro vor die Tür setzen, sagen inzwischen viele. Wenn es doch so einfach wäre. Obwohl er bald 34 wird und mit diesem Alter nur bedingt als Symbolfigur für einen Neuanfang taugt, braucht Werder ihn mehr denn je. Thomas Schaaf und Klaus Allofs müssen jetzt schon einen Ersatz für Markus Rosenberg finden. Und dann auch noch für Pizarro? Gesucht wird ein Stürmer, der im Idealfall a) ablösefrei ist beziehungsweise nicht allzu viel kostet, der b) seine Klasse längst unter Beweis gestellt hat, und der c) auch bei seinem neuen Klub, also in Bremen, auf Anhieb 15, 16 Tore schießt. Für so viele Tore wäre Pizarro auch im nächsten Jahr bestimmt noch gut. Gibt es so einen Pizarro-Erben?

Pizarro lässt Werder zappeln. Er weiß, dass er im Moment ein paar Nerven strapaziert und schlimmstenfalls die Sympathien der Fans aufs Spiel setzt. Aber dieses Risiko geht Pizarro, der alte Fuchs, ein. Er denkt: Sobald er kommende Saison seine ersten Tore im Werder-Trikot erzielt, werden ihn die Menschen wieder lieb haben. Damit könnte er sogar recht behalten.

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