2:2 gegen Darmstadt 98 Pizarro verhindert das komplette Werder-Debakel

War das knapp! Anstatt des erhofften Heimsiegs stand Werder Bremen gegen Darmstadt 98 kurz vor der nächsten Heimpleite - bis Claudio Pizarro seinem Team kurz vor Schluss zumindest einen Punkt sicherte.
27.02.2016, 17:30
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Pizarro verhindert das komplette Werder-Debakel
Von Thorsten Waterkamp

Ein Endspiel für Werder sollte es sein, diese Partie gegen Darmstadt 98. Eine Wende zum Guten. In der letzten halben Stunde, es stand 1:1, kämpfte Werder um die drei Punkte, rannte an, suchte jedes Duell und nahm die Härte des Abstiegskampfes an.

Doch Abstiegskampf kann gnadenlos sein, und so wurde es in der 82. Minute plötzlich totenstill im Weserstadion. Keine Pfiffe, keine Rufe – einfach nur lähmendes Entsetzen. Aytac Sulu, der Darmstädter Kapitän, der eigentlich zwei Minuten zuvor mit Gelb-Rot vom Platz gemusst hätte, traf zum 2:1 für die Gäste. Es war nicht der Schlussakkord in einem Drama an diesem Sonnabend – für den sorgte Werder. Zum 2:2 (1:1)-Endstand köpfte Claudio Pizarro ein. Doch das Unentschieden ist zu wenig für die Bremer, die weiterhin zu Hause nicht gewinnen können und auf dem Relegationsplatz bleiben.

Werders Anhänger in der Ostkurve hatten schon vor dem Anpfiff angekündigt, dass auch ihre Leidensfähigkeit endlich ist: „Unsere Geduld ist nicht grenzenlos“, war Grün auf Weiß auf einem mehrere Meter breiten Banner zu lesen. Trainer Viktor Skripnik, dem diese Botschaft wohl auch galt, versprach wenig später: „Wir kämpfen bis zum Geht-nicht-mehr.“ Ob er noch lange mitkämpfen darf? Skripniks Mannschaft tat sich sehr schwer im ersten Abschnitt, bewies aber im zweiten Abschnitt: Das Team lebt. Am Ende wird Aufsichtsratschef Marco Bode ebenso wie Skripnik durchgeatmet haben, dass zumindest der eine Punkt an der Weser blieb. Bode hatte im NDR-Interview schon vor dem Spiel bekannt: „Ich habe keine Angst vor dem Abstieg. Aber wir dürfen auch nicht blauäugig sein.“

Skripnik hatte wie erwartet die Mannschaft umgestellt und versucht, im Vergleich zur Niederlage in Ingolstadt die spielerische Seite seiner Mannschaft zu betonen. So rückten Zlatko Junuzovic und Neuzugang Sambou Yatabaré in die Startelf, der Skripnik zudem das offensivere Rauten-System verpasste. Ohne Überraschung aber blieb die Aufstellung auch dieses Mal nicht: Als Sechser trat erstmals Florian Grillitsch an, der auf der für ihn ungewohnten Position eine gute Partie machen sollte.

Skripnik geht volles Risiko

Das Bremer Konzept aber ging zunächst…nicht auf. Spielerische Akzente blieben aus, dazu kam Werder mit der aggressiven Gangart der Gäste nicht zurecht und fand nicht zu der nötigen defensiven Sicherheit. Es war, konstatierte der verletzt fehlende Kapitän, „ein nervöses Spiel“. Chancen? Die hatten plötzlich die Darmstädter: Sandro Wagner (13.) und Jerome Gondorf (25.) zielten jedoch zu hoch, gegen Konstantin Rausch rettete Felix Wiedwald (22.). Die Führung der Bremer, die sich bis dahin noch keine ernsthafte Gelegenheit erspielt hatten, kam angesichts dieser Chancenverteilung überraschend: An der linken Eckfahne setzte sich Junuzovic durch, dessen Flanke köpfte Yatabaré vom langen Pfosten zu Anthony Ujah – und der Nigerianer schob aus der Drehung ein (33.).

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Zur Sicherheit fanden die Bremer aber auch nach der Führung nicht. Werder wackelte weiter – und das nutzte Darmstadt noch vor der Pause per Foulelfmeter. Wagner verwandelte den Strafstoß mit aufreizender Lässigkeit, als er den Ball mittig ins Tor schob, während Wiedwald in die linke Ecke flog (44.). Schon in der Entstehung des Elfmeters hatten diese beiden die Hauptrollen inne gehabt: Wiedwald erwischte Wagner leicht am Sprunggelenk, nachdem Darmstadts Stürmer den Ball bereits an ihm vorbeigelegt hatte – Schiedsrichter Robert Hartmann pfiff sofort. Die fällige Rote Karte für Wiedwalds Notbremse allerdings ließ der Mann aus dem Allgäu stecken – er zeigte nur Gelb.

Hartmann verschont erst Wiedwald und dann Sulu

Auch deshalb konnte Skripnik nach der Pause volles Risiko gehen. Für Yatabaré kam nach einer guten Stunde Laszlo Kleinheisler – der Trainer wollte den Dreier. Der Mut der Verzweiflung? Werder jedenfalls warf alles nach vorn und kam tatsächlich zu Gelegenheiten. Eine der größten hatte im Doppelpack das Bremer Sturmduo Ujah/Pizarro: Doch den Schuss von Ujah fing Darmstadts Innenverteidiger Slobodan Rajkovic unmittelbar vor der Linie ab, der nachfolgende Versuch des hereinrutschenden Pizarro landete im Toraus (68.). Und auch Kleinheisler aus Distanz (74.) und Junuzovic (76.), dessen Schuss im letzten von Aytac Sulu abgeblockt wurde (76.).

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Keine 120 Sekunden später hätte die Partie für den bereits gelb-verwarnten Darmstädter Kapitän beendet sein müssen. In einem Zweikampf mit Ujah im Mittelfeld kam Aytac den Bruchteil einer Sekunden zu spät und trat dabei den Bremer Angreifer um. Unbeabsichtigt zwar, aber gelb-würdig. Doch Schiedsrichter Hartmann verzichtete auf den Karton, vielleicht auch – mit Blick auf Wiedwald – eine Konzessionsentscheidung. Andererseits eine Entscheidung mit Folgen: Denn es war Sulu, der Darmstadt wiederum zwei Minuten später per Kopf nach einem langgezogenen Freistoß bis kurz vor den Fünfmeterraum in Front brachte.

Dem Nackenschlag zum Trotz: Werders Profis gaben nicht auf. Erst fabrizierte Sulu fast ein Eigentor (87.), dann scheiterte Pizarro hauchdünn am glänzend parierenden Schlussmann Christian Mathenia, der den Ball zur Ecke abwehrte (89.). Den nachfolgenden Eckball nickte Pizarro schließlich ein. Kurios: Wie schon das Darmstädter 2:1 hätte es auch das Bremer 2:2 nicht geben dürfen. Bei seiner ersten Chance hatte Pizarro knapp im Abseits gestanden, statt Eckball für Werder hätte es Freistoß für die Gäste geben müssen.

Nach diesem Start in die englische Woche geht es für Werder am Mittwoch weiter: Um 19.30 Uhr treten die Bremer bei aktuellen Liga-Vierten Bayer Leverkusen an. Nur drei Tage später folgt im Weserstadion mit der Partie gegen Schlusslicht Hannover 96 das nächste Abstiegsduell. Und die Hannoveraner, die am Dienstag Wolfsburg empfangen, liegen nach ihrem 2:1-Sieg in Stuttgart mit nur noch vier Punkten Rückstand auf Werder urplötzlich in Schlagdistanz.

Spielstatistik: Werder Bremen - Darmstadt 98 2:2 (1:1)

Werder Bremen: Wiedwald - Gebre Selassie, Vestergaard, Djilobodji, Santiago Garcia - Grillitsch, Yatabare (58. Kleinheisler) - Bartels, Junuzovic - Ujah, Pizarro
Darmstadt 98: Mathenia - Jungwirth, Sulu, Rajkovic, Caldirola - Gondorf, Niemeyer - Heller (90. Platte), Rosenthal (90. Stroh-Engel), Rausch (46. Kempe) - Wagner
Schiedsrichter: Hartmann (Wangen)
Zuschauer: 40.396
Tore: 1:0 Ujah (33.), 1:1 Wagner (44./Foulelfmeter), 1:2 Sulu (82.), 2:2 Pizarro (89.)
Gelbe Karten: Santiago Garcia (7), Wiedwald (4), Yatabare (1)/Niemeyer (11), Rajkovic (3), Sulu (6)
Ballbesitz in %: 64,3 - 35,7
Torschüsse: 16 - 8
gew. Zweikämpfe in %: 48,9 - 51,1
Fouls: 24 - 23
Ecken: 4 - 2

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