Mit Rekordtor zum Punktgewinn

Pizarro-Wahnsinn in Berlin

Es war die große Chance, um mal wieder ein Zeichen im Kampf um Europa zu setzen. Werder hat diese Gelegenheit fast verstreichen lassen, am 22. Spieltag gab es bei Hertha BSC dann doch noch ein 1:1 (0:1).
17.02.2019, 07:36
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Pizarro-Wahnsinn in Berlin
Von Malte Bürger
Pizarro-Wahnsinn in Berlin
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In den vergangenen Tagen war die Bremer Welt nicht nur grün-weiß, sondern regelrecht rosa-rot gewesen. Es gab viel zu feiern, einen Geburtstag ebenso wie schöne Siege. Doch jede Party hat ein Ende, für Werder gab es fast einen Stimmungskiller in Berlin. Erst Claudio Pizarro sorgte für die Rückkehr der guten Laune. „Das war sehr wichtig für uns, denn so bleiben wir dran“, sagte Florian Kohfeldt erleichtert. Enthusiastisch freuen wollte sich der Bremer Coach über das späte 1:1 (0:1) aber nicht. „Ich bin heute nicht so euphorisch, weil wir einfach nicht so gut gespielt haben.“

Doch der Reihe nach: Im Grunde war es eine Randnotiz, für Werder-Verhältnisse war es dennoch außergewöhnlich. Wenn es bislang nämlich bei der Aufstellung eine Konstante gab, dann war es die der Inkonstanz. Egal, wie der Gegner auch hieß, Florian Kohfeldt hatte stets mindestens auf einer Position gewechselt. Seit September ging das so – bis jetzt. Erstmals vertraute Kohfeldt der gleichen Startelf wie zuvor. Aber warum hätte er auch etwas verändern sollen? Das 4:0 gegen Augsburg war schließlich Argument genug. Fehlte also noch ein vergleichbares Ergebnis.

Zähe Auftaktphase

Dass es kein Selbstläufer werden würde, war vorher klar. Beide Teams wollten dringend raus aus dem tristen Mittelfeld, hinein in den spannenden Kampf um die europäischen Plätze. Diese Bedeutung der Partie war deutlich zu spüren. Ein richtiger Spielfluss kam kaum zustande, auf beiden Seiten wirkten die Aktionen recht zerfahren. Werder war spürbar darum bemüht, den Weg nach vorne zu finden, während die Berliner fast ausschließlich genau dies zu verhindern versuchten.

Es war also Geduld gefordert. Erst nach 21 Minuten gab es die erste Torchance – aber die hatte es dann gleich in sich. Herthas Davie Selke war frei vor Jiri Pavlenka aufgetaucht, doch der Ex-Bremer setzte den Ball an den Pfosten. In dieser Szene hatten die Gäste zweifelsfrei Glück, ansonsten war jedoch auch viel Pech im Spiel. Schiedsrichter Sören Storks pfiff gleich mehrmals nicht zu Gunsten der Bremer, obwohl klare Vergehen der Hauptstädter vorlagen. Sogar eine Gelb-Rote Karte wegen wiederholten Foulspiels für Niklas Stark wäre nicht utopisch gewesen. Doch es kam anders.

Selke trifft gegen den Ex-Klub

Für Werder kam es sogar richtig dick, denn Selke traf dann doch noch (25.). Ein steiler Pass hatte die Bremer Defensive ausgehebelt, Salomon Kalou legte auf seinen Sturmpartner ab, der sicher vollendete. Da tröstete es auch nicht sonderlich, dass Selke aus Respekt vor seinem früheren Arbeitgeber auf überschwängliche Jubelarien verzichtete.

Die Kohfeld-Elf hatte an diesem Rückstand spürbar zu knabbern. Die Verhältnisse verschoben sich, nun waren es die Herthaner, die den Ball besser laufen ließen. Als dieser dann ausnahmsweise ruhte, trat Ondrej Duda zum Freistoß an. Der Slowake verpasste nur hauchdünn seinen elften Saisontreffer, weil dieses Mal die Latte dem 2:0 im Wege stand (38.). Werder blieb dagegen erschreckend harmlos, im ersten Abschnitt gelang nicht ein einziger vernünftiger Torabschluss.

Werder erschreckend harmlos

Es war eine Erkenntnis, die so gar nicht in Werders bisherigen Saisonverlauf passen wollte. Die Bremer hatten bislang als einziges Team der Liga in jedem Spiel mindestens ein Mal getroffen. Das hielt die Hoffnungen für die zweite Halbzeit am Leben, zugleich musste Werder aber auch fraglos mehr zeigen, wenn es zumindest noch ein Unentschieden geben sollte. Immerhin: Den ersten Torschuss gab Milot Rashica dann doch recht zügig ab, wenngleich dieser nichts einbrachte (46.).

Trotzdem, Werder wirkte jetzt aktiver. Das Problem: Die ganz große Gefahr wurde noch immer nicht verströmt. Anders die Berliner, die durch Duda erneut vor dem Bremer Tor auftauchten, doch Sebastian Langkamp klärte gerade noch zur Ecke (59.). So richtig rund wollte es also auch weiterhin nicht laufen, Florian Kohfeldt reagierte deshalb und brachte Altmeister Claudio Pizarro für den enttäuschenden Johannes Eggestein (61.).

Geniestreich der Sturmlegende

Der erwünschte Effekt ließ jedoch auf sich warten. Werder gelang es einfach nicht, sich eine vielversprechende Chance zu erspielen. Die Hertha tat nicht mehr als nötig, erledigte sauber die eigenen Defensivaufgaben und hatte letztlich nicht allzu viel Mühe dabei, die Führung zu halten. Das war vielleicht nicht immer schön, aber eben erfolgreich. Jeglichen Bremer Schwung ließen die Berliner so erst gar nicht aufkommen. Kohfeldt versuchte es deshalb in der Schlussviertelstunde noch mit Josh Sargent und Kevin Möhwald als letzte Optionen für das Offensivspiel.

Der rote Faden, er wollte auch mit diesem Doppelwechsel nicht ins Bremer Spiel zurückkehren. Wo in den vergangenen Wochen mitunter begeistert wurde, fehlte dieses Mal der Esprit. Werders Auftritt wirkte mitunter mut- und ideenlos, der Willen allein genügte nicht, um für einen angenehmen Abend zu sorgen. Die Heimelf verbarrikadierte sich in den finalen Minuten am eigenen Strafraum, was es den Gästen noch schwerer machte, gefährlich zu werden. Was auch immer Werder versuchte, es gab kein Durchkommen. Das lag an einem disziplinierten Gegner – aber vor allem an der eigenen zähen Darbietung.

Und dann kam die Nachspielzeit: Werder bekam einen Freistoß an der Strafraumgrenze zugesprochen. Nicht etwa Max Kruse trat an, sondern Claudio Pizarro höchstpersönlich. Und der Peruaner fand tatsächlich die Lücke in der Berliner Mauer, traf per abgefälschtem Schuss zum umjubelten Ausgleich und krönte sich selbst zum ältesten Bundesliga-Torschützen aller Zeiten, indem er Werders einstigen Kapitän Mirko Votava ablöste. „Claudio kann sicher keine englische Woche mehr durchspielen„, meinte Maximilian Eggestein, “aber heute hat man mal wieder gesehen, für was er immer noch gut ist.“ Da dürfte ihm so schnell niemand widersprechen. Schon gar nicht an einem Abend, an dem es eigentlich so gar nicht nach guter Laune aussah.

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