Zurückgeblättert: 18. August 2009

„Pizza-Express aus London“

Seit 1963 spielt Werder in der Bundesliga, mehr als fünf Jahrzehnte, in denen sich im Fußball, bei Werder und in der Berichterstattung viel verändert hat. Wir zeigen die Originaltexte und Zeitungsseiten.
18.08.2019, 17:36
Lesedauer: 4 Min
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Von (wkf)
„Pizza-Express aus London“
Archiv WESER-KURIER

Der WESER-KURIER schrieb am 18. August 2009:

Gestern Abend, 22.14 Uhr. Der Lufthansa-Flug LH 350 aus Frankfurt ist in Bremen gelandet. Ein paar Minuten später steht der Passagier, über den so viel spekuliert worden ist in den vergangenen Wochen und Monaten, bereits am Kofferband. Ein riesiger Koffer, noch ein Gepäckstück im Großformat und ein paar kleine Taschen – dann schiebt Claudio Pizarro den Trolley über die Fliesen der Flughafenhalle. Pizarro ist zurück in Bremen.

Nun ist plötzlich alles ganz schnell gegangen nach der langen Wartezeit, nach den Mutmaßungen, ob er nun zurückkommt aus London oder doch nicht, nach den Spekulationen, wer die Alternativen wären für Claudio Pizarro. Gestern Abend nahm der Pizza-Express wieder seine Tätigkeit auf in Bremen – allerdings anders, als man es in der Vergangenheit verstanden hatte. Sonst lieferte der Peruaner Tore, diesmal lieferte er sich quasi selbst.

Gelandet ist der Stürmer, der (noch) zum FC Chelsea gehört, in Begleitung seines Beraters Carlos Delgado. An den verwies er denn auch prompt, als unsere Zeitung Details über die Rückkehr erfragen wollte. Doch auch Delgado war nicht viel zu entlocken. „Morgen, morgen können wir sprechen“, erklärte der Impressario, freundlich lächelnd, aber unerbittlich. Ob noch verhandelt werde am Dienstag? „Morgen sprechen wir.“ Ob Claudio Pizarro schon am Dienstag mittrainiere? „Morgen.“

Dass es mehr ist als nur ein Freundschaftsbesuch, dass erst mal noch lang verhandelt wird – das alles ist außerordentlich unwahrscheinlich. Die Freigabe seines Klubs – so viel steht fest – wird der 30-Jährige haben. Die Vereine wären sich damit einig. Klaus Allofs hatte sich schon am Sonntag im DSF-Doppelpass ungewöhnlich weit vorgewagt, als er klipp und klar sagte, wie das Geschäft laufen könnte. „Um den Gerüchten ein Ende zu machen: Wenn wir ihn holen, dann würden wir ihn kaufen. Und ich glaube, das ist auch die Idee, die Chelsea hat. Wir sind dort intensiv in Gesprächen und wir hoffen, dass wir bis zum 31. August Erfolg haben.“

Ganz so lange müssen sich die Fans nun nicht mehr gedulden, nachdem die bisherige Geduldsprobe schon hart genug war. Wie vor einem Jahr, als Pizarro erst spät als Leihgabe von der Themse zurück an die Weser kam, dauerte es auch diesmal fast bis zum Ende der Transferperiode, ehe Werder die Rückkehr des Angreifers vermelden durfte.

In der Beraterszene war man sich ohnehin einig: Werder Bremen werde Claudio Pizarro in den nächsten Tagen unter Vertrag nehmen. „Wenn ein Verein wie Werder einen Stürmer haben will, der auch zu haben ist, dann werden sie ihn kriegen“, sagte Spielerberater Marc Schermann unserer Zeitung. Und Schermann muss es wissen: Er vertritt mit seinem Unternehmen Azzunto AG die Interessen von Top-Stürmer Marko Pantelic, der seinerseits auf der Suche nach einem neuen Klub ist und dabei selbst schon Richtung Bremen geschielt hat. „Werder wäre für Marko interessant“, sagte Schermann, „aber im Moment ist Pizarro dort die erste Option.“

Die Karriere von Pizarro war beim FC Chelsea ins Stocken geraten. Beim 2:1-Sieg der Londoner gegen Hull City zum Auftakt der Premier-League-Saison in England am Sonnabend zählte Pizarro nicht zum Kader der „Blues“, Trainer Carlo Ancelotti hatte ihn auf die Tribüne gesetzt. „Chelsea hat keine Verwendung mehr für ihn“, urteilte deshalb Schermann, „warum also sollten sie dann ab dem 31. August weiterhin vier Millionen Euro Gehalt für ihn zahlen?“

Vier Millionen dürfte Pizarro bei Werder zwar nicht verdienen, aber inzwischen ist Werder offenbar gewillt, um die 15 Millionen Euro in einen neuen Top-Stürmer zu investieren. Dass Werder trotz Rekordeinnahmen (über 25 Millionen durch DFB-Pokal, Champions League und UEFA-Cup plus 25 Millionen durch den Diego-Verkauf) nicht im Geld schwimmt, hatte Allofs vor dem Bayern-Spiel erklärt. „Wer bei unseren Erlösen berücksichtigt, dass wir auch Steuern zahlen müssen und die Gehälter für unsere Spieler, der weiß, dass wir mit einem spitzen Bleistift rechnen müssen.“

Nach dem Saisonstart im Schneckentempo (ein Punkt aus zwei Spielen) ist der Druck, handeln zu müssen, in Bremen aber nicht eben kleiner geworden. Im Fall von Pizarro fiele eine Ablösesumme (um die vier bis fünf Millionen Euro) plus Gehalt für drei oder vier Jahre an. Was Werder für dieses geschätzte Paket von um die 15 Millionen Euro bekommt, ist klar: einen äußerst zuverlässigen Torlieferanten. In der vergangenen Saison hatte der bald 31-Jährige 17 Bundesligatreffer in 26 Spielen erzielt, dazu fünf im DFB-Pokal und sieben in den internationalen Wettbewerben.

Mit der bevorstehenden Verpflichtung von Pizarro ist auch klar, dass Werder sich in den nächsten Tagen noch von einem anderen Stürmer trennen dürfte. In Frage kommen nur zwei der vier Angreifer im Kader: Hugo Almeida und Boubacar Sanogo. Almeida würde, das sagte er schon während des Trainingslagers in Bad Waltersdorf, einem Transfer zustimmen, wenn dieser finanziell für Werder und ihn selbst akzeptabel wäre. Sanogo dagegen würde zwar bleiben wollen – doch für den Ivorer liegt ein Angebot der AS St.-Etienne vor. Markus Rosenberg (derzeit verletzt) und der gerade erst ausgeliehene Marcelo Moreno dagegen scheiden als Verkaufsobjekte aus.

Für Claudio Pizarro kam der Abschied aus London schnell – ein Pizza-Express eben. Gestern Vormittag hat er noch beim FC Chelsea trainiert. Als er am späten Abend dann seine Koffer und die seines Beraters Delgado vor dem Bremer Flughafen im Taxi verstaute, beantwortete der neue alte Werderaner doch noch eine Frage – ob seine gestrige Früheinheit in London auch seine letzte für die „Blues“ gewesen wäre. Etwas abwesend, aber kurz und knapp antwortete Pizarro: „Ja.“

Das hochauflösende PDF der originalen Zeitungsseite von damals gibt es hier (bei iOS den Link länger gedrückt halten).

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