Die Leiden eines Profis – Teil 5

Psycho-Test auf grünem Rasen

Nicht nur Verletzungen können Sportler ausbremsen, sondern auch der Leistungsdruck. Welche Rolle spielt die Psychologie im Fußball und wie geht Werder damit um?
07.07.2018, 18:00
Lesedauer: 5 Min
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Psycho-Test auf grünem Rasen
Von Malte Bürger
Psycho-Test auf grünem Rasen
nordphoto

Ein falscher Schritt, ein böses Foul – schon ist sie da, die Verletzung. Auch der Laie erkennt dann schnell, dass es für den Profi des Lieblingsklubs erst einmal nicht mehr weitergeht. Im schlimmsten Fall sogar für mehrere Wochen. Das sorgt für Verärgerung, aber eben auch für Verständnis. Anders sieht es aus, wenn plötzlich der Kopf nicht mehr mitspielt.

Per Mertesacker hat vor wenigen Monaten für Aufsehen gesorgt. Der ehemalige Werder-Profi hatte öffentlich beschrieben, dass man im Fußball schnell erkenne, „dass alles eine Belastung ist, körperlich und mental. Dass es null mehr um Spaß geht, sondern dass du abliefern musst, ohne Wenn und Aber“. Sogar die Gesundheit des Weltmeisters von 2014 litt unter dem enormen Leistungsdruck, Durchfall und Erbrechen seien nicht selten gewesen. Besonders schlecht habe er sich aufgrund der hohen Erwartungshaltung während der WM 2006 im eigenen Land gefühlt, das vorzeitige Ende des „Sommermärchens“ kam beinahe einer Erlösung gleich. „Klar war ich auch enttäuscht, als wir gegen Italien ausgeschieden sind, aber vor allem war ich erleichtert“, sagte Mertesacker mit Blick auf das damalige Halbfinale. „Ich weiß es noch, als wäre es heute. Ich dachte nur: Es ist vorbei, es ist vorbei. Endlich ist es vorbei.“

Seither ist viel geredet worden über den Faktor Psychologie im Fußball. Mal polemisch, mal differenziert. Manchmal wurden aber auch viel zu übereifrig Verbindungen zu anderen Fällen gezogen. Zu Robert Enke beispielsweise. Der ehemalige Torhüter von Hannover 96 nahm sich 2009 das Leben, der Fußball war dabei nachweislich jedoch nur ein Teilaspekt des Ganzen. Vorrangig litt der Keeper jahrelang an Depressionen, die auch aus anderen Gründen resultierten. Und doch dient sein Schicksal immer gerade dann als Exempel, wenn im Fußball Moral bewiesen werden muss. So wird in den Medien und im Fanlager allwöchentlich kritisiert, geschimpft und bewertet – ehe dann wenig später genau dies verurteilt wird. Der scheinheilige Konsens lautet meist schnell: Kritik ja, aber der Ton muss stimmen. Und dann wird weiter debattiert und diskutiert. Alles hochkorrekt und mit erhobenem Zeigefinger natürlich. Die eigene Meinung steht dann am Ende doch immer irgendwie über der eines anderen.

Die Fälle Ulreich und Karius

Das war erst kürzlich wieder gut zu sehen, nämlich bei den beiden Torhütern Sven Ulreich und Loris Karius. Die Keeper des FC Bayern München beziehungsweise FC Liverpool hatten beide in wichtigen Champions-League-Spielen folgenreich gepatzt, zur Niederlage ihrer Teams beigetragen und dafür zum Teil erheblichen Spott geerntet. Wenig überraschend tauchte dann beinahe reflexartig auch schnell wieder der Name Robert Enke auf. Immerhin: Dass ein Zusammenhang hergestellt wird, zeigt, dass mittlerweile zumindest in Ansätzen über das innere Wohlbefinden der Profis nachgedacht wird. Wirklich akzeptiert ist ein psychisches Unbehagen aber immer noch nicht, ein Beinbruch ist da für viele Fans und Journalisten im fußballerischen Sinne deutlich einfacher hinzunehmen.

Müssen Sven Ulreich, Loris Karius oder all ihre Kollegen also einfach aushalten, was da auf sie einprasselt? „Akteure des Leistungssports werden gesellschaftlich gerne zu Titanen unserer Zeit emporstilisiert. Sie dürfen keine Probleme mit ihrer Tätigkeit haben, dürfen keine Gefühle zeigen und am besten sind sie hart und unzerstörbar“, hat Andreas Marlovits beobachtet. Der Sportpsychologe hat eine Professur an der BSP Business School Berlin und ist ein gefragter Mann, wenn es um dieses Thema geht. Unter anderem ist er bei Werder Bremen im Einsatz – „übrigens ist er immer dabei, nicht nur wenn es schlecht läuft“, wie Cheftrainer Florian Kohfeldt zuletzt betonte. Marlovits weiß nur zu gut, dass es in einem Profi anders aussieht als im Idealbild skizziert, weshalb er nach den Mertesacker-Äußerungen ausführlich auf der Internetseite der Berliner Hochschule Stellung zum Thema Druck im Fußball bezogen hat. „Solange Menschen Leistungssport betreiben, werden sie auch an ihrer Leidenschaft nicht nur Freude und Erfüllung erfahren, sondern auch leiden.“

Berufsrisiko, könnte man entgegnen, ein bestens entlohntes obendrein. Schließlich dürften Fußball-Profis ihren Job in den meisten Fällen freiwillig gewählt und die Konsequenzen zumindest halbwegs bedacht haben. Sie leben in einer Welt, die noch immer dem Traum vieler Kinder und Jugendlicher entspricht. Natürlich wissen aber auch sie, dass sie sich auf diesem Niveau im Grunde nicht den Hauch einer Schwäche erlauben dürfen. Dafür ist der Fußball in der Gesellschaft in vielerlei Hinsicht einfach zu wichtig. Emotional. Medial. Finanziell. Das erhöht den Druck, sorgt für zusätzlichen Stress. Über Jahre hinweg.

Marlovits sucht das Gespräch

Und genau in diesem Moment kommt der Psychologe ins Spiel. Es muss gar nicht immer erst ein schwerwiegender Fehler im Spiel passieren, manchmal reicht schon – neben all den privaten Sorgen, die ein Mensch mit sich herumträgt – eine kleine Unzufriedenheit mit der eigenen Leistung. Die wachsende Furcht, vielleicht aus dem Team zu rutschen, der eigenen Karriere womöglich einen langwierigen Knacks zu verpassen. Marlovits wartet daher nicht nur, dass ein Spieler auf ihn zugeht, auch er selbst sucht immer wieder das Gespräch. Insgesamt, so glaubt er, könnten viele Vereine in Sachen Psychologie noch mehr tun, andererseits sei eine Entwicklung zu erkennen. „Die Arbeit von Sportpsychologen macht an dieser Stelle des Leistungssports besonders viel Sinn“, ist der 52-Jährige überzeugt. „Im Rahmen einer umfassenden Ausbildung werden sie dazu befähigt, Menschen in extremen Drucksituationen zu begleiten und hilfreiche Umgangsformen zu entwickeln, die den Genuss und die Freude an der Leidenschaft am Leistungssport erleben lässt.“

Dass die Vereine inzwischen vermehrt auf solche Angebote setzen, ist fraglos ehrenwert. Allein es bleibt die Frage, wie viele Sportler davon wirklich Gebrauch machen. Wer wagt es, vielleicht nicht öffentlich, aber zumindest vereins- oder teamintern eine Schwäche zu offenbaren? Umso wichtiger ist es deshalb, dass die Trainer und die psychologische Abteilung die richtige Balance finden. Sie müssen das hinbekommen, was in der Gesellschaft nicht funktioniert: Das Zugeben einer Schwäche als Stärke anzuerkennen anstatt den Menschen danach zu bemitleiden oder gar abzuwerten. „Ich bin Per Mertesacker dankbar, dass er mit dem Interview gerade jungen Spielern vielleicht ein Stück Kraft gegeben hat, sich zu öffnen“, sagte DFB-Präsident Reinhard Grindel, als der Rummel um den früheren Werderaner gerade besonders groß war. Auch Mertesackers ehemaliger Nationalmannschaftskollege Mats Hummels fand im Vorfeld der WM in Russland lobende Worte: „Ich finde es gut, dass Per sich getraut hat, so offen über den Druck im Fußball zu sprechen. Ich kann nachvollziehen, was er gesagt hat, was er gefühlt hat." Und: Mats Hummels wird nicht der einzige Profi in Deutschland sein, dem es so geht.

Die Serie

In dieser Serie beschäftigt sich MEIN WERDER mit der Frage, was der Körper eines Fußballers alles aushalten muss und wer ihm bei seiner alltäglichen Arbeit zur Seite steht. Neben diesem Teil, in dem sich alles um die Psychologie des Fußballs dreht, geht es um:

- Jungprofi Kevin Artmann und einen Werdegang voller Schmerzen

- Bundesliga-Größen, deren Karriere viel zu früh endete

- Den Chirurg, der Werder hilft, wenn es mal richtig wehtut

- Einen Neuzugang in Werders Medizinerteam

Die bisher erschienenen Teile gibt es hier:

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