Bayern reagiert bissig auf Eichin-Kritik Puck gegen Provokation

Um kurz nach halb zwölf stand es 2:0 für Thomas Eichin. Dabei hatte Werders Sportchef nur auf die Frage nach seiner körperlichen Versehrtheit geantwortet, als Replik auf einen Einwurf Matthias Sammers zuvor.
13.03.2015, 06:43
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Puck gegen Provokation
Von Thorsten Waterkamp

Um kurz nach halb zwölf stand es 2:0 für Thomas Eichin. Dabei hatte Werders Sportchef nur auf die Frage nach seiner körperlichen Versehrtheit geantwortet, als Replik auf einen Einwurf Matthias Sammers am Abend zuvor – der Münchner Kollege hatte dem Ex-Eishockey-Manager eher plump per Ferndiagnose Spätfolgen durch einen Pucktreffer am Schädel attestiert. „Also, ich habe tatsächlich schon mal einen Puck an den Kopf bekommen. Das stimmt“, sagte der Ex-Eishockey-Manager Eichin bierernst und schob trocken die medizinischen Konsequenzen der Hartgummibehandlung hinterher: „Heute morgen habe ich unseren Doc dazu befragt: Der hat mir gesagt, dass daraus tatsächlich Folgeschäden entstehen können...“ Volltreffer.

Wirklich ernst zu nehmen ist die Wiederaufnahme verbaler Scharmützel zwischen Nord und Süd auf Boss-Ebene zwar nicht. Sie ist ein Kulissenspiel, zur Freude von Medien und Fans. Einerseits. Aber sie ist auch eine kalkulierte Provokation Eichins, der am Mittwoch über den WESER-KURIER seine Botschaft in die Republik gesendet hatte. Und die ist angenommen in der Hauptstadt der Bayern – das war Eichins 1:0. Davon zeugen die Puck-Reaktion des Bayern-Sportvorstandes Sammer und auch die Retourkutsche des Münchner Vorstandsvorsitzenden Karl-Heinz Rummenigge gegen Eichin: „In der Schule hätte ich gesagt: In die Ecke und schämen.“

Ziel der Attacke allerdings waren die Bayern gar nicht, beteuert Eichin, als die von ihm losgetretene Medienlawine am Donnerstag so richtig ins Rutschen kam: „Ich habe das Verhalten der Schiedsrichter kritisiert.“ Bei denen genössen die Bayern einen Bonus, interpretiert Eichin zahlreiche strittige Pfiffe von Unparteiischen zugunsten Münchner Profis. „Es wird“, wiederholte Eichin gestern Mittag seine Grundkritik, „manchmal mit zweierlei Maß gemessen.“

Eichin trifft Bayerns Selbstbild

Allerdings registrierte Werders Sportchef sehr wohl – und mit großen Wohlgefallen –, dass er damit weniger die deutsche Schiedsrichtergilde als viel mehr das Münchner Selbstbild vom „Mia san mia“ traf. „Die heftige Reaktion zeigt doch, dass etwas Wahres dran ist“, sagt Eichin mit unschuldigem Blick, als könne er doch nichts dafür, dass sie jetzt in München toben. Er fühlt sich augenscheinlich pudelwohl in seiner Rolle als einsamer Kämpfer für die Gerechtigkeit auf deutschem Bundesliga-Rasen. Er nimmt nichts zurück – warum auch?

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Vielleicht wegen einer denkbaren Reaktion der Schiedsrichter, die nun Werder auf dem Kieker haben könnten? Es ist eine viel diskutierte Frage, ob der Angriff Eichins nicht zu einem Bremer Eigentor werden könnte. So insistierte als Erster Matthias Sammer: Die Unparteiischen sollten sich „das sehr gut merken, was dieser Mann gesagt hat, weil es ja unterschwellig bedeutet, dass sie manipulieren“, befand der Sportvorstand. Womit Sammer nichts anderes tat als Eichin zuvor: zu versuchen, Einfluss zu nehmen auf die Unparteiischen.

Deren Vertreter wiederum versuchen alles, Gelassenheit und Unparteilichkeit zu wahren. „Die Schiedsrichter werden sich durch diese Diskussion in ihrer Neutralität nicht beeinflussen lassen“, sagte der Vorsitzende der DFB-Schiedsrichterkommission am Donnerstag auf „bild.de“, nachdem er tags zuvor noch ganz hatte schweigen wollen. Herbert Fandel weiter: „Darüber hinaus lasse ich die getätigten Aussagen unkommentiert, denn sie sprechen für sich.“
Schwierig wird es auch so für den Unparteiischen, der die Partie der Bayern am Sonnabend in Bremen unter diesem Druck leiten muss. Er wurde gestern vom DFB benannt: Thorsten Kinhöfer soll es richten, er ist einer der erfahrendsten deutschen Referees. Der 46-jährige ehemalige FIFA-Schiedsrichter, ausgestattet mit der Erfahrung von weit mehr als 200 Bundesligaspielen, leitete in dieser Saison je eine Partie der Bayern (gegen Stuttgart) und Werders (in Berlin) – jeweils fehlerlos. Seine Nominierung ist auch ein Signal – die Schiedsrichterkommission will nach dem Theater in Bremen nichts anbrennen lassen.

Medien und Fans sind weniger diplomatisch im Umgang mit dem Thema. Das erkannte auch derjenige, der das ganze Ballyhoo und die öffentliche Erregtheit regelrecht verabscheut: Viktor Skripnik. Werders Trainer pflichtete im Interview mit dem WESER-KURIER seinem Sportchef zwar bei (wir berichteten) – aber über die Frage, was der „Schlagabtausch“ denn für das Spiel bedeuten würde, regte er sich auf: „Welcher Schlagabtausch? Bei mir gibt’s keinen Schlagabtausch. Wir wollen vernünftig Fußball spielen, aber uns nicht mit irgendwelchen Sprüchen beschäftigen. Das können die Fans gerne machen.“

Die tun es ausgiebig. Das Thema ist ja auch zu schön. Und es erinnert an früher, an die guten alten Zeiten, als sich Werder und die Bayern auf Augenhöhe bekriegten. Die Lust am Lästern ist wieder da, der Reiz des Reizens bis aufs Blut, die ungenierte Freude am Anblick hochroter Münchner Mienen. Um dann für ein halbes Jahr Frieden zu schließen – frei nach dem Motto: Puck schlägt sich, Puck verträgt sich.

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