Ex-Bundesliga-Schiedsrichter Rafati ist zurück im Leben

Vor knapp drei Jahren hat Babak Rafati versucht, sich das Leben zu nehmen. Der Ex-Bundesliga-Schiedsrichter litt unter Depressionen. Heute, sagt er, sei er gesund. Am Sonnabend hat er im Weserstadion das Abschiedsspiel von Ailton geleitet.
07.09.2014, 17:00
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Rafati ist zurück im Leben
Von Marc Hagedorn

Vor knapp drei Jahren hat Babak Rafati versucht, sich das Leben zu nehmen. Der ehemalige Bundesliga-Schiedsrichter litt unter Depressionen. Heute, sagt er, sei er gesund. Am Sonnabend hat er im Weserstadion das Abschiedsspiel von Ailton geleitet. Er pfeift inzwischen wieder, weil es ihm Spaß macht, und weil er Aufmerksamkeit für das Thema Depression erregen will. Babak Rafati sieht sich als Aufklärer.

Plötzlich war ein Mann zu viel auf dem Spielfeld. Beim der ganzen Ein- und Auswechselei hatten die Ailton-Allstars doch tatsächlich den Überblick verloren und spielten nun schon eine ganze Zeit lang zu zwölft. Auch der Schiedsrichter hatte nichts bemerkt, so dass Stadionsprecher Christian Stoll irgendwann zum Mikro greifen und den Schiedsrichter auf die Überzahl der gelb gekleideten Mannschaft hinweisen musste. Der Schiedsrichter musste in diesem Moment selbst schmunzeln, machte den Spaß noch ein paar Augenblicke mit und bat erst dann den überzähligen Spieler, den Platz zu verlassen.

An einem normalen Bundesliga-Wochenende wäre diese Episode mindestens eine Erwähnung, vielleicht sogar eine Diskussion wert gewesen. Erst recht, wenn der Schiedsrichter, so wie am Sonnabend im Weserstadion, Babak Rafati gewesen wäre. Klar, das kann auch nur dem Rafati passieren, hätten seine Kritiker vielleicht gesagt und sich bestätigt gefühlt. An diesem Wochenende aber war keine Bundesliga, sondern es war Ailton-Abschied, und Babak Rafati ist auch schon lange kein Bundesliga-Schiedsrichter mehr.

Trotzdem ist es bemerkenswert, dass Babak Rafati vor über 40 000 Menschen wieder ein Fußballspiel geleitet hat. Nach einem ersten Einsatz in seiner Heimatstadt Hannover beim Abschiedsspiel von Steven Cherundolo, dem langjährigen 96-Kapitän, vor ein paar Wochen, war es erst der zweite Auftritt für den 44-Jährigen als Schiedsrichter seit jenem schicksalhaften 19. November 2011. Damals hatte Rafati die bundesdeutsche Fußballwelt erschüttert.

Wenige Stunden vor dem Bundesligaspiel 1. FC Köln gegen Mainz 05 hatten ihn seine drei Assistenten mit aufgeschnittenen Pulsadern in der Badewanne seines Hotelzimmers gefunden. Rafati, von Depressionen gequält, hatte sich selbst töten wollen. „Ich habe fast im Grab gelegen“, sagt er jetzt. Babak Rafati steht nach dem Ailton-Spiel frisch geduscht in der Schiedsrichterkabine des Weserstadions und spricht über sein Leben. Er nimmt sich viel Zeit dafür.„Ich bin ein Vorbild dafür, wie man es nicht macht“, sagt er.

Babak Rafati berichtet schonungslos offen, ja provozierend, er formuliert analytisch und benennt Abgründe so messerscharf, dass es beim Zuhören beinahe wehtut. Er erzählt, wie er kurz nach dem ersten Versuch ein weiteres Mal seinen Tod plante. Er berichtet, wie sehr er sich geschämt, wie schwach er sich gefühlt habe. Er listet auf, wie er sich von seinen Vorgesetzten beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) gemobbt, verletzt und allein gelassen gefühlt habe. Er nennt Namen: Herbert Fandel und Hellmut Krug, sie sind die wichtigsten Männer im deutschen Schiedsrichterwesen. Bis heute haben sie und Rafati nicht wieder zueinander gefunden. Babak Rafati sagt, es gehe ihm nicht darum, Schuldige zu benennen, er wolle keine Abrechnung, er wolle Frieden. „Ich bin mit mir im Reinen“, sagt er mehr als einmal. Mit der Zeit und mit Hilfe von Medikamenten, Gesprächen und der Unterstützung seiner Frau habe er den Weg zurück ins Leben gefunden. Er sagt, dass er jetzt gesund sei.

Deshalb kann er heute wieder Fußballspiele leiten. Der Druck auf dem Platz, das Johlen und die Pfiffe von 40 000, 60 000 oder 80 000 Zuschauern hätten ihm nie viel ausgemacht, sagt er. Auch dass ihn die Bundesligaprofis gleich vier Mal zum schlechtesten Schiedsrichter gewählt hatten, sei nie der Kern des Problems gewesen. Das Problem, sagt er, waren die Umgangsformen beim DFB.

Gern würde er wieder mit dem Verband zusammenarbeiten, in die Vereine gehen, Strategien vermitteln, damit so etwas wie mit ihm nie wieder passiert. „Aber da tut sich von DFB-Seite nichts“, sagt Rafati. So beackert er das Thema Depression auf seine Weise, nutzt gern eine Plattform, wie sie sich mit dem Ailton-Spiel geboten hat. Er hat ein Buch („Ich pfeife auf den Tod“) geschrieben, er hat in Talkshows gesessen und vor Managern in deutschen Top-Unternehmen Vorträge gehalten. Im Frühjahr 2015 wird eine Dokumentation im Fernsehen ausgestrahlt. In seinen gelernten Job als Bankkaufmann ist er bisher nicht zurückgekehrt, obwohl ihm sein Arbeitgeber die Stelle frei hält.

Stattdessen pfeift er wieder. „Ich war ein leidenschaftlicher Schiedsrichter“, sagt er, „und ich bin es jetzt wieder.“ Das beflügelt die Fantasie. Schiedsrichter im Ausland wäre er „unheimlich gerne“, in Deutschland dagegen „wird es einen Schiedsrichter Rafati nicht mehr geben. Dafür ist unsere Gesellschaft noch nicht so weit. Ob ich nun Bundesliga oder 4. Kreisklasse pfeifen würde, viele würden sagen: Na, dann gucken wir mal, ob er sich normal benimmt“. Solche Gedanken sind nicht mehr seine. Er sagt: „Das Leben ist zu schön, als dass man so einen Scheiß wie ich begeht.“

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