Leipzig-Coach im Interview Rangnick: Würde Selke wieder verpflichten

Trainer und Sportdirektor Ralf Rangnick spricht im Interview über die Perspektiven von Ex-Werder-Spieler Davie Selke bei RB Leipzig, Videoanalysen und einen Kaffee an der Seitenlinie.
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Rangnick: Würde Selke wieder verpflichten
Von Andreas Lesch

Trainer Ralf Rangnick spricht im Interview mit Andreas Lesch über Davie Selkes Perspektiven bei RB Leipzig, den Wert von Videoanalysen und einen Kaffee an der Seitenlinie.

Sie treten mit RB Leipzig am Freitag in Wildeshausen zu einem Benefizspiel gegen Werder Bremen an. Dieses Spiel liegt Ihnen sehr am Herzen, oder?

Ralf Rangnick: Ja, das stimmt. Es hat einen ganz tragischen Verkehrsunfall gegeben…

…bei dem zwei Angestellte einer Wildeshausener Kunstrasenfirma schwer verletzt wurden und einer starb. Sie hatten enge Beziehungen zu dieser Firma.

Genau. Die Mitarbeiter sind auf der Fahrt von Wildeshausen nach Leipzig kurz vor Halle bei einem Fahrbahnwechsel auf einen vor ihnen fahrenden Lkw aufgefahren. Ich hab‘ noch am gleichen Tag abends durch den Chef des Unternehmens davon erfahren – und sofort Thomas Eichin gefragt, ob er sich vorstellen könne, dass unsere Klubs für die Angehörigen ein Spiel machen. Er hat spontan zugesagt.

Ihr Einsatz ist nicht selbstverständlich.

Aber er ist mir wichtig. Das Spiel macht zwar den Fahrer nicht mehr lebendig, aber die Einnahmen daraus geben seiner Familie mit ihren drei Kindern ein bisschen Rückendeckung. Der Spieltag wird ein Tag sein, an dem man des Toten gedenken kann. Es kommt fast der ganze Ort zusammen. Deswegen habe ich mich auch dafür eingesetzt, dass wir in Wildeshausen spielen – dort, wo die Familie des Verstorbenen wohnt.

Wie sehr werden Sie die Gedanken an das Schicksal der Familie beim Spiel im Hinterkopf haben?

Während des Spiels werde ich coachen. Aber vor und nach dem Spiel wird es natürlich Berührungspunkte und Begegnungen geben. Ich werde das Gespräch mit der Familie suchen.

Ihr Angreifer Davie Selke wird am Freitag nicht dabei sein, er ist mit der U21-Nationalmannschaft unterwegs. Trotzdem interessiert natürlich alle Bremer, wie Sie seine Entwicklung beurteilen.

Bei ihm ist noch jede Menge Luft nach oben, aber sein Weg stimmt. Man muss sich doch nur mal die Hardware anschauen, die er mitbringt: 1,92 Meter groß, überdurchschnittlich schnell, gute Sprungkraft, gutes Kopfballspiel, guter Abschluss mit dem rechten Fuß. Jetzt geht es darum, diese Hardware mit der richtigen Software zu kombinieren und ihm immer wieder zu erklären, wo seine Stärken sind. Das haben wir oft gemacht.

Erzählen Sie mal!

In den ersten Wochen hatte Davie die Tendenz, sich weit entfernt vom Ball aufzuhalten und eher am Flügel anzubieten. Also haben wir ihm gesagt: Schau, du bist unsere zentrale Spitze, wir brauchen dich mit deinen Stärken mittig, als zentraler Stürmer, du sollst deine Schnelligkeit immer wieder direkt an der Abseitsgrenze einsetzen, dann machst du auch mehr Tore.

Wie ist dieses Gespräch abgelaufen?

Nach dem 1:1 gegen Heidenheim haben wir eine ganz persönliche Sitzung mit ihm gemacht, über eine Stunde lang. Da waren unsere beiden Videoanalysten dabei, meine beiden Assistenztrainer – Davie und ich.

Wie hat er auf Ihre Anregungen reagiert?

Er hat sie sehr positiv aufgenommen und sich gleich nach dem nächsten guten, erfolgreichen Spiel…

…Ihrem 1:1 gegen Freiburg, bei dem er ein Tor erzielt hat…

…bei uns bedankt. Er hat gesagt, er fand’s klasse, es hat ihn weitergebracht.

Bewegt er sich jetzt so, wie Sie sich das vorstellen?

Es ist auf jeden Fall auffällig besser geworden. In den ersten Spielen haben wir ihn oftmals gar nicht gefunden. Da haben wir uns bei der Videoanalyse gefragt: Jetzt kommt ein Querpass rein, in die Mitte, in den Fünf-Meter-Raum – und wo ist Davie? Bis wir dann irgendwann festgestellt haben, dass er am linken Strafraum-Eck stand. Dann haben wir mal verfolgt: Wieso ist das so? Was war in der Aktion davor? Wie kam er da überhaupt hin?

Welche Antworten haben Sie gefunden?

Davie hat in Bremen fast immer in einem Zweier-Sturm gespielt und nicht als alleiniger Stürmer. Bei uns ist er eher so die Speerspitze. Umso wichtiger ist es, dass er seine Stärken richtig einsetzt. Was nützt ihm das Kopfballspiel vom Strafraumeck oder von außerhalb? Von außerhalb des Strafraums habe ich bislang selten jemanden ein Kopfballtor machen sehen (lacht). Genauso nützen ihm natürlich seine Schnelligkeit und sein Antritt, aber auch sein Speed auf Strecke nichts, wenn er sich jedes Mal seitlich vom Sechzehner freiläuft. Da kann er bestenfalls selber eine Flanke schlagen. Aber wer köpft die dann bei uns rein?

In den jüngsten drei Spielen hat Selke vier Tore erzielt.

Ja, seine Formkurve zeigt eindeutig nach oben. Davie ist ein Junge, der großes Potenzial hat und bei dem momentan auch noch nicht so richtig abzusehen ist, wo das mal endet. Aber deswegen haben wir uns auch entschieden, diesen Transfer zu machen – obwohl der ja nicht gerade ein Schnäppchen war. Wir sind zufrieden, aber mit Sicherheit noch lange nicht da, wo ich mir Davie ganz am Ende vorstellen kann.

Wo sehen Sie noch Luft nach oben?

Überall. Taktisch auf jeden Fall. Und körperlich. Er ist ja eher ein schlaksiger, leptosomer Typ. Deswegen geht’s mir gar nicht so sehr darum, dass er sich Muskelmasse antrainiert; das wird bei dem Körperbautypen schwierig. Aber wir müssen gucken, dass wir die Qualität der Kraft erhöhen.

Wie schätzen Sie Selke charakterlich ein?

Er ist ein cooler Junge. Ein lockerer Typ, der immer gute Laune hat. Ein Strahlemann. Aber er ist auch ein Spieler, bei dem wir immer sehr eng und sehr nah dranbleiben müssen. Wir müssen mit ihm immer wieder besprechen: Zu welchem Zeitpunkt bin ich locker – und zu welchem Zeitpunkt bin ich ernst und muss mich voll und ganz auf meinen Job konzentrieren?

Sie haben mal gesagt, dass Sie bei jungen Spielern auf Dinge achten wie seinen Blick und seinen Händedruck. Was hat Sie bei Selke überzeugt?

Er hat einen guten Händedruck, und er schaut einem in die Augen. Wir wissen natürlich aus Hoffenheim, dass es Phasen gab, in denen er sich schwer getan hat, wenn Mitspieler auf dem Platz mal eine andere Idee hatten als er. Aber schon in Bremen gab es ja wenige Szenen, in denen er sich kopfschüttelnd abgewendet hat. Und der entscheidende Auslöser, ihn zu holen, war ein persönliches Treffen mit ihm, mit seinem Berater und seinem Vater. Da hatte ich ein gutes Gefühl.

Sind Sie in Sachen Selke zuerst auf Werder zugegangen? Oder hat Werder Selke aktiv auf dem Markt angeboten, wie es mal gerüchteweise hieß?

Dass Werder Selke angeboten hat, das stimmt überhaupt nicht. Vor Weihnachten, nach Werders Sieg gegen Dortmund, haben wir angefangen, uns intensiv mit Davie zu beschäftigen. Mitte Januar habe ich dann Thomas Eichin angerufen und ihn mit meiner Idee konfrontiert. Er hat mir dann nach Rücksprache mit seinen Vorstandskollegen ein paar Tage später gesagt: Okay, ab einer bestimmten Summe würden wir darüber nachdenken.

Letztlich hat Selke acht Millionen Euro Ablöse gekostet. Hatten Sie je den Eindruck, dass diese Summe ihn belastet?

Nein, gar nicht.

Ist er sein Geld wert?

Ich würde den Transfer wieder machen. Wenn man einen jungen Spieler, der unter Vertrag steht, verpflichtet, egal wo auf der Welt, dann zahlt man immer mehr als den Marktwert, den er zum Zeitpunkt seiner Verpflichtung eigentlich hat. Dann ist nur die Frage: Hat er so viel Potenzial und hat man selbst als Verein die Fantasie, den Jungen so weiterzuentwickeln, dass er seinen Marktwert steigert?

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Sie haben ihn als eine Art Anlage-Objekt geholt?

Wir haben ihn nicht geholt, um im nächsten Sommer Geld mit ihm zu verdienen. Aber Davie hat in dieser Saison in neun Spielen sechs Tore gemacht. Wenn er diesen Schnitt hält, dann hat er am Ende der Saison rund 20 Tore gemacht. Ein 20-jähriger, 1,92 Meter großer Stürmer, der in der Zweiten Liga über 20 Tore macht – da würde es mich wundern, wenn das den englischen Scouts entgehen würde. Und wenn man bedenkt, was da dieses Jahr schon für Summen geflossen sind und dass im nächsten Jahr der neue, milliardenschwere englische Fernsehvertrag greift – dann bin ich überzeugt, dass wir ein Vielfaches der Summe, die wir jetzt bezahlt haben, wieder hereinbekommen würden.

Sind 20 Saisontore für ihn machbar?

Ich halte das für möglich, dass Davie Selke am Ende dieser Saison 20 Tore geschossen hat. Ich sage das aber nicht, um ihn damit unter Druck zu setzen. Ich halte das nur für eine realistische Quote – wenn er auf dem Feld an der richtigen Stelle steht. Ich habe ihm neulich gesagt: Wenn du an der Seitenlinie stehst, dann kannst du auch gleich mit dem Linienrichter Kaffee trinken! Von da draußen schießt du kein Tor (lacht).

Im Sommer hat Selke auf die Teilnahme an der U20-WM verzichtet. Über die Gründe kursierten verschiedene Versionen. Klären Sie uns auf: War es sein Wunsch oder der Wunsch von RB Leipzig?

Es war ganz klar und ausdrücklich sein Wunsch. Er wollte es sich nicht mit dem DFB verderben. Aber er hat mir klar gesagt, dass er vom ersten Trainingstag an hier bei uns dabei sein möchte, um die Spieler kennenzulernen und die Spielidee frühzeitig zu verinnerlichen. Hinzu kam: Obwohl er bei Werder absoluter Stammspieler war, wurde er nicht für die U21-EM nominiert, die auch im Sommer stattfand; dafür Philipp Hofmann, der bei Kaiserslautern in der Zweiten Liga nur auf der Bank saß.

Können Sie sich vorstellen, dass er mal A-Nationalspieler wird?

Wenn ich mir das nicht vorstellen könnte, hätten wir ihn nicht für diese Summe geholt. Wie viele Stürmer gibt’s denn noch, die körperlich so eine Hardware mitbringen wie er? So viele fallen mir da nicht ein in der nächsten und übernächsten Generation. Dieser Typus Klose, Gomez, Kuranyi, dieser reine, physisch starke, zentrale Stürmer, der schien ja schon fast ausgestorben zu sein in Deutschland. Jetzt ist Davie da.

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