Werders Lazarett: Die Reihen lichten sich

Rashica mit dem schnellsten Comeback?

Die Suche nach Gründen für die vielen Verletzten geht bei Werder weiter. Immerhin ist Land in Sicht: Bei Milot Rashica und Ömer Toprak sieht es bereits gut aus. Bei Fin Bartels hingegen ist Geduld gefragt.
10.09.2019, 09:10
Lesedauer: 4 Min
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Von Jean-Julien Beer
Rashica mit dem schnellsten Comeback?
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Wenn Florian Kohfeldt seine Spieler an diesem Dienstag (15 Uhr) wieder zum Mannschaftstraining neben dem Weserstadion versammelt, muss er sie nicht überreden, draußen gemeinsam Sport zu treiben. „Es ist nicht so, dass ein Spieler nicht mehr raus will, damit er sich nicht verletzt. Die Jungs haben Vertrauen, in sich und in ihren Körper“, betont der Trainer. Trotzdem ist wegen der vielen Verletzten bei Werder so mancher psychologische Kniff gefragt, damit die Stimmung im Team nicht kippt. „Dass die Mannschaft darüber redet, das ist doch klar“, weiß auch Kohfeldt, „aber es ist auch viel erklärbar für den Einzelnen. Deshalb ist es kein so großes Thema.“

Nun ja: Hier ein paar Knie-Operationen, dort ein paar beschädigte Muskelfasern oder Sehnen, ein gebrochener Knochen oder eine fiebrige Sommergrippe – Kohfeldts Auftritte bei Pressekonferenzen hatten zuletzt mehr von einem Dozenten an der Medizinischen Hochschule als von einem Fußballtrainer. Doch nicht nur für die Öffentlichkeit, auch vor seinen Spielern muss er das sensible Thema moderieren. Deshalb stellt der Trainer in diesen Tagen gerne die positiven Beispiele in den Vordergrund. Etwa Niclas Füllkrug, bei dem man nach drei Knorpelschäden in beiden Knien eine schwierige Startphase bei Werder befürchten konnte, der aber dank einer ausgeklügelten Trainingssteuerung schon nach wenigen Spieltagen eine wertvolle Verstärkung ist.

Moisander als gutes Beispiel

„Die letzten eindreiviertel Jahre hatten wir nicht nur sehr wenige Verletzungen“, erklärt Werders Cheftrainer, „sondern wir haben es auch geschafft, Spieler, die verletzt zu uns kamen, sehr stabil zurückzubringen und sie auch auf ein hohes Niveau zu heben.“ Als prominentes Beispiel führt er seinen jetzigen Kapitän Niklas Moisander an: „Als Niklas zu Werder kam, hatte er Probleme am Sprunggelenk und dies und das, und wir haben ihn hier auf ein ganz stabiles Niveau gebracht. Das heißt: Einen Grundzweifel an unserer Herangehensweise haben wir nicht. Und trotzdem suchen wir natürlich nach Lösungen für das, was gerade passiert.“

Natürlich haben auch die Verantwortlichen bei Werder daran gedacht, den Hybridrasen zu hinterfragen, diese moderne Mischung aus Natur- und Kunstgräsern. Bei genauerer Betrachtung scheint das aber sinnlos: Dieser Untergrund wird von den Werder-Profis schon im dritten Jahr benutzt, es gab aber nie zuvor Probleme; zudem sind die meisten Verletzungen gar nicht auf Hybridrasen entstanden. Auch wurden von Werder in einzelnen Fällen die besten Mediziner in Deutschland oder in Europa hinzugezogen, sei es für Knie oder für muskuläre Probleme; manche Spieler waren mehrfach und länger zu Spezialisten unterwegs. Doch auch das brachte kein zufriedenstellendes Ergebnis. Kohfeldt sieht diese deprimierende Saisonphase mit den vielen Ausfällen deshalb „als Herausforderung“. Er habe weder schlaflose Nächte noch verspüre er größeren Druck. „Aber was uns wirklich beschäftigt, das sind die Hintergründe: Wir betrachten jede Verletzung als Einzelfall ganz detailliert und hinterfragen uns extrem kritisch, auch auf Seiten der Trainingssteuerung. Es geht dabei auch um sonstige externe Faktoren, die Einfluss haben könnten. Das ist etwas, was du in einer Phase, in der du nicht so viele Verletzte hast, natürlich in der Form nicht machst.“

Kohfeldt will weiter souverän agieren

Im Oktober wird Kohfeldt nicht nur 37, er ist dann auch zwei Jahre als Chefcoach in der Bundesliga dabei. Er meisterte den harten Abstiegskampf, wurde vom DFB zum Trainer des Jahres gekürt und hätte diesen Sommer problemlos einen Klub in der Champions League übernehmen können. Es lief fast immer gut für ihn. Seinen SV Werder hat er in dieser kurzen Zeit vor allem intern mächtig auf Kurs gebracht. Hier will er den Verein weiter modernisieren und fit machen für die Zukunft, auch deshalb verlängerte er seinen Vertrag erneut vorzeitig, diesmal bis 2023. In den ersten Wochen dieser Saison aber muss er kräftig gegensteuern, ohne dass klar wäre, gegen was. „Ich weiß nicht, ob ich es als die schwierigste Phase für mich empfinde“, sagt Kohfeldt dazu, „aber es ist auf jeden Fall etwas, mit dem ich in der Form zum ersten Mal konfrontiert werde. Es ist sehr wichtig, in so einer Phase souverän zu sein. Ich habe immer noch eine Menge guter Spieler in der Kabine, deshalb ist es meine Aufgabe, Lösungen zu finden für die Ausfälle.“

Immerhin: Die Reihen im Werder-Lazarett lichten sich. Bereits in dieser Woche kehrten die beiden Jungprofis Benjamin Goller (Muskel- und Sehnenverletzung in der Wade) und Ilia Gruev (Muskelverletzung) ins Mannschaftstraining zurück. „Die beiden stehen in der Öffentlichkeit noch nicht so im vollen Fokus“, weiß Kohfeldt, „aber in der internen Betrachtung sind sie genauso wichtig wie die anderen, denn für uns geht es immer auch darum, bei der Trainingssteuerung Fehler zu erkennen oder zu vermeiden.“

Nach Rashica kommt Toprak zurück

Als nächster Spieler soll in dieser Woche Milot Rashica (Adduktorenverletzung) wieder mit der Mannschaft trainieren. Je nachdem, wie sein Körper auf die gesteigerte Belastung reagiert, könnte Rashica schon am Wochenende wieder im Kader stehen für das Auswärtsspiel bei Union Berlin. „Wir werden natürlich kein Risiko eingehen“, erklärt Kohfeldt, „wir machen das vom Verlauf der Woche abhängig.“ Schon danach steht die Rückkehr von Ömer Toprak auf dem Plan. Werders neuer Abwehrspieler, im August aus Dortmund gekommen, macht nach seiner Muskel- und Sehnenverletzung aus dem Spiel in Hoffenheim sehr gute Fortschritte. „Bei Ömer sieht es bereits deutlich verbessert aus“, berichtet der Trainer, „für Union ist er noch kein Thema, für die Woche darauf vielleicht.“ Läuft bei ihm weiter alles optimal, könnte Toprak im nächsten Heimspiel gegen Leipzig wieder ein Kandidat für den Kader oder sogar die Startelf sein. „Und danach kommen wir langsam in den Bereich, wo wir über Sebastian Langkamp und Milos Veljkovic nachdenken können“, meint Kohfeldt. Beide fallen nach diversen Komplikationen bereits den gesamten Sommer aus, Langkamp mit einer Muskel- und Sehnenverletzung an der Wade, Veljkovic nach einer Operation am gebrochenen Zeh.

Bei Bartels ist Geduld wichtig

Auch der Langzeitverletzte Philipp Bargfrede scharrt bereits wieder mit den Hufen und hat seine OP am Knie offenbar gut weg gesteckt; anders als in seinen früheren Zeiten bei Werder soll der wichtige Mittelfeldkämpfer aber nicht zu früh ins Bundesligagetümmel geschickt werden. Jede Woche gezielten Aufbaus erscheint bei ihm sinnvoll. Bei Fin Bartels machen Prognosen keinen Sinn, nach dem Riss der Achillessehne und einer OP am Knie braucht er Zeit, wieder in eine gute Verfassung zu kommen. Bei Ludwig Augustinsson (Knie-OP) steht ein Comeback wohl frühestens in der Adventszeit an, bei Kevin Möhwald (ebenfalls Knie-OP) erst 2020.

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