Verliert Werder wieder seine Topscorer? Der Fluch der guten Tat

Für einen Verein wie Werder Bremen ist es schwer, seine Topscorer zu halten. In den vergangenen Jahren gelang das nicht, und das könnte nun auch wieder bei Rashica und Klaassen passieren.
16.07.2020, 17:07
Lesedauer: 4 Min
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Von Stefan Rommel

Jede Transferperiode schafft irgendwann ihren ganz eigenen Moment der Klarheit. Meist hängt das mit dem einen großen Deal zusammen, entweder ist es ein Verkauf oder eben ein Zukauf und der bringt einige Dinge ins Rollen oder er schließt sie ab. Einige sehr wenigen Klubs der Bundesliga müssen nicht so sehr zweigleisig kalkulieren, weil sie die Abgabeseite fast voll selbst im Griff haben und sich darauf konzentrieren können, auf welchen Positionen frisches Personal dazu geholt werden soll.

Werder Bremen gehört leider nicht zu diesen Klubs, die sich über ihre Einkäufe definieren. Werder ist vielmehr ein Verkäufer-Klub. Und als solcher Jahr für Jahr davon abhängig, einen oder mehrere Spieler erst hochpreisig zu veräußern oder Spieler gehen zu lassen, die zu kostspielig im Unterhalt sind. Vor der letzten Saison war es Max Kruse, mit dem sich Werder nicht auf eine Weiterarbeit zu entsprechenden Bezügen für den Spieler einigen konnte. Im Jahr davor ging unter anderem Thomas Delaney für die Kompensationszahlung von 20 Millionen Euro zu Borussia Dortmund, im Jahr davor Serge Gnabry zu den Bayern. In diesem Sommer wird es Milot Rashica sein, der Werder verlässt und Frank Baumann damit die notwendigen Bordmittel verschafft. Die Auswirkungen der Coronakrise und das kratergroße Loch auf der Einnahmenseite des Klubs dürften den Effekt nochmals verschärfen.

Werder verliert ständig Topscorer

Die prominenten Bremer Abgänge folgen seit einigen Jahren dabei einer düsteren Logik: Die jeweils besten Torjäger und Vorbereiter verlassen den Klub. Gnabry, Delaney, Zlatko Junuzovic, sogar Claudio Pizarro, zuletzt eben Kruse, nun bald Rashica. Lediglich Fin Bartels, vor drei Jahren mit 17 Scorerpunkten in der Form seines Lebens, gehört weiter zum Werder-Inventar. Und wenn man sich nur diesen Trend vor Augen führt, dann ist auch Davy Klaassen durchaus ein Kandidat für einen baldigen Transfer. Der Niederländer war in der vorletzten Saison auf Platz drei der Bremer Scorer gelistet, mit jeweils fünf Toren und fünf Assists. In der jüngst beendeten Saison hat Klaassen den Weggang von Kruse quasi genutzt, um sich hinter Rashica auf Platz zwei vorzuschieben - was wiederum einiges über die Probleme der Bremer aussagt.

In einem ziemlich unrund komponierten Kader mit zu wenigen defensiven Mittelfeldspielern, aber gleich acht nominellen Angreifern plus den beiden Halbstürmern Johannes Eggestein und Yuya Osako, hat es kein einziger über die Zehn-Tore-Marke geschafft. Rashica war mit acht Treffern und sieben Vorlagen noch der gefährlichste Bremer Angreifer, dahinter klaffte zu Joshua Sargent mit je vier Toren und vier Assists schon eine beträchtliche Lücke. Wenig überraschend schaffte es deshalb Klaassen von der Halbposition im Mittelfeld aus auf Rang zwei. Der Niederländer sammelte sieben Tore und sechs Assists und steigerte damit die Zahlen seiner Premieren-Saison in Bremen noch einmal.

Klaassen half beim Kruse-Ersetzen

Wenigstens bei Klaassen ging der Plan auf, Kruses Abgang – und damit 22 verloren gegangene Scorerpunkte – durch den einen oder anderen Spieler intern aufzufangen. Während Klaassen vom Elfmeterpunkt doch einige Schwierigkeiten hatte, traf er aus seinen bevorzugten Spielsituationen einigermaßen zuverlässig: Mit seinem Nachrücken in den gegnerischen Strafraum kam er ohne direkten Gegenspieler einige Male in beste Schussposition und war dann auch einigermaßen effektiv im Abschluss. Die Tore gegen Frankfurt, Leverkusen, Hertha, Paderborn und Köln waren echte Klaassen-Tore. Dass aber auch der Ersatz-Kapitän als zweitbester Scorer eine längere Auszeit nehmen musste und mitten in der Saison in 14 Spielen nur einen mickrigen Assist, aber keinen einzigen Treffer vorweisen konnte, deutet auch die Unbeständigkeit in Klaassens zweitem Jahr in Bremen an.

Noch länger war die Wartezeit sogar bei Rashica, dem zwischen dem 16. und dem 33. Spieltag mehr als eine komplette Halbserie lang kein einziges Tor gelang, obwohl er dabei nur eine Partie wegen einer Sprunggelenksverletzung verpasste. Rashica litt zusehends unter der spielerischen Armut im letzten Spieldrittel, wollte irgendwann fast nur noch mit dem Kopf durch die Wand und verkrampfte. Im Nachholspiel gegen Frankfurt in der Endphase der Saison und in allerhöchster Abstiegsgefahr opferte ihn Kohfeldt sogar aus taktischen Gründen und ließ den spielfitten Rashica zunächst auf der Bank. Das hatte es davor zuletzt im Winter 2018 gegeben.

Leipzig und Ajax locken

Die Leistungen der Bremer Angreifer waren in der abgelaufenen Saison gelinde gesagt überschaubar, gleich vier von ihnen (Bartels, Pizarro, Davie Selke, Benjamin Goller) blieben trotz Einsätzen im jeweils zweistelligen Bereich ohne eigenes Tor. Und weil auch aus dem Mittelfeld nicht viel kam und von den Abwehrspielern lediglich die Außenverteidiger Theodor Gebre Selassie (zwei Tore) und Marco Friedl (ein Tor), die Innenverteidiger aber - etwa nach einem Standard - gar nicht trafen, waren weder die lediglich 42 erzielten Tore Zufall, noch die Tatsache, dass sich Milot Rashica nach einer unbeständigen Saison mit „nur“ 15 Scorerpunkten zum gefährlichsten Angreifer aufschwingen konnte.

Rashica steht nun trotzdem vor dem Sprung in die Champions League, er will bei RB Leipzig den nächsten Schritt machen und wird Werder einige Millionen in die leere Kasse spülen. Bei Klaassen deutet sich ebenfalls ein Wechsel an, bereits im vergangenen Jahr hätte er Werder verlassen können, damals lagen Angebote aus Italien vor. Werders Vize-Kapitän wollte aber nicht nach nur einem Bremer Jahr schon wieder weg, er sah sich moralisch verpflichtet, Werder etwas auf dem Platz zurückzuzahlen für das Vertrauen. Das ist ihm mit Toren und Vorlagen gelungen. Jetzt lockt ihn unter anderem sein Heimatverein Ajax Amsterdam.

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