Für Werders Profis geht es auch um ihr Gehalt

Die Millionenspiele

In der zweiten Liga würden die Verträge aller Spieler anders aussehen, bestätigt Werder-Boss Klaus Filbry, der um das Vertrauen in die Geschäftsführung kämpft. Derweil gibt es bei Werder eine neue Zielsetzung.
30.06.2020, 17:40
Lesedauer: 4 Min
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Von Jean-Julien Beer und Christoph Sonnenberg
Die Millionenspiele

"Wenn gewünscht, steht diese Geschäftsführung weiter zur Verfügung": Werder-Boss Klaus Filbry.

nordphoto

Grüße von der Geschäftsführung gehen bei Fußballprofis gerne links rein und rechts raus. Vor den Relegationsspielen gegen Heidenheim wird so mancher Werderspieler nun aber aufgehorcht haben, zumindest erwartet Vereinsboss Klaus Filbry das. Mit einer am Osterdeich selten gehörten Deutlichkeit empfahl Filbry den Spielern, mal in ihre Verträge zu schauen – um dort schwarz auf weiß zu sehen, dass es auch für sie nun um sehr viel Geld geht. Denn in der zweiten Liga würden die meisten Bremer Profis 30 Prozent ihres jetzigen Gehaltes einbüßen, einige sogar bis zu 50 Prozent. „Alle Spieler hätten gültige Verträge für die zweite Liga, zu deutlich reduzierten Bezügen, weil wir eine weitsichtige Kostenplanung beim Kader betrieben haben“, bestätigt Filbry im Gespräch mit dem WESER-KURIER und bekräftigt mit Blick auf mögliche Abwanderungsgedanken einzelner Spieler im Abstiegsfall: „Wir haben das Heft des Handelns deshalb in jedem Szenario in der Hand. Aber klar ist auch, dass im Abstiegsfall nicht alle Spieler bleiben würden.“

Auch wenn Werder als Favorit in die beiden Entscheidungsspiele gegen den Tabellendritten der zweiten Liga geht, sieht keiner der Entscheider im Verein diese Relegation schon als gewonnen an. Damit in der Mannschaft ebenfalls keine andere Meinung entsteht, kommt jede Motivation recht. Doch nicht nur deshalb wurden sämtliche Spielerverträge von der jetzigen Geschäftsführung so gestaltet, es ging dabei auch um Werders Zukunftsfähigkeit: Nur wenn der Kader bei einem Sturz in die Zweitklassigkeit nicht zur Kostenfalle wird, lässt sich auch dort seriös wirtschaften. Die erheblichen Mindereinnahmen (allein 30 Millionen Euro weniger Fernsehgeld) würden durch die Gehaltseinbußen der dann zweitklassigen Spieler deutlich kompensiert.

KfW-Darlehen soll helfen

Wenn Werders Geschäftsführung, durch den sportlichen Absturz stark unter Druck geraten, darauf verweist, dass nicht alles in den vergangenen drei bis vier Jahren schlecht war, dann meint sie damit auch dieses vorausschauende Kostenbewusstsein. Im harten Bundesligageschäft gibt es Vereinsführungen, die das anders machen – und dann im Abstiegsfall einen Scherbenhaufen hinterlassen mit zu hohen Kosten oder mit Spielern, die plötzlich ablösefrei gehen können. Auch wenn der Abstieg nicht das Ziel war, verhindert diese Absicherung, dass es Werder wirtschaftlich zerreißen würde. Parallel hat der Verein zumindest ein wenig Eigenkapital ansammeln können. Wegen der Coronakrise und einbrechender Einnahmen in den Bereichen Sponsoring und Ticketing in zweistelliger Millionenhöhe bliebe die wirtschaftliche Situation dennoch herausfordernd, unabhängig von der Spielklasse. Das beantragte KfW-Darlehen soll deshalb bei Liquiditätsengpässen helfen.

Werder hatte parallel zur fußballerischen Krise also viele Hausaufgaben zu erledigen, um den Verein trotz der Pandemie am Laufen zu halten. Auch das wird zur Sprache kommen, wenn die Krisensaison nach der Relegation in den Vereinsgremien diskutiert wird. Idealerweise als Erstligist, im schlimmsten Fall als Zweitligist. Dass auf jeden Fall Tacheles geredet werden muss, steht für alle außer Frage, auch wenn Trainer und Geschäftsführung Verträge haben, die für beide Ligen gelten, übrigens ebenfalls mit deutlichen monetären Abzügen in der Zweitklassigkeit.

Personelle Konsequenzen?

„Dass wir Fehler gemacht haben und diese aufarbeiten, reflektieren und daraus Schlüsse ziehen und dann auch überzeugende Lösungen erarbeiten und präsentieren, das gehört dazu“, räumt Filbry ein, „nach jeder Saison gibt es eine offene Aufarbeitung, nach dieser Saison ist das aber ganz besonders wichtig.“ Jeder Fehler soll deutlich benannt und für die Zukunft ausgeschlossen werden, bei der Kaderplanung, bei der Betreuung der Mannschaft und im Umgang mit der lange absehbaren Abstiegsangst. Entwicklungen während der Saison, für die keiner etwas kann, sollen in den Analysen zwischen Geschäftsführung und Aufsichtsrat sauber getrennt werden. Das Ergebnis ist offen und kann – unabhängig von der Spielklasse – mit einem personellen Neuanfang in der Vereinsführung enden. Es muss aber nicht so kommen. „Müssen Konsequenzen immer personeller Natur sein?“, fragt Filbry und betont: „Jede Entscheidung, die hier in den vergangenen Monaten getroffen wurde, war am Ende des Tages immer sehr eng mit dem Aufsichtsrat abgestimmt.“

Der Umgang mit Transfereinnahmen

Wenn es gewünscht sei, sagt Filbry, „dann steht diese Geschäftsführung weiter zur Verfügung, es macht sich hier keiner vom Hof.“ Das gilt unabhängig vom Ausgang der Relegation und auch unabhängig davon, dass Filbry und seine Kollegen Frank Baumann und Hubertus Hess-Grunewald vertraglich an Werder gebunden sind. „Es wäre aber das falsche Zeichen, nur aufgrund von vertraglichen Verpflichtungen mit den handelnden Personen weiterzumachen“, betont Filbry, „es muss schon die Überzeugung da sein, dass es die richtigen Personen sind.“

Die Vereinsführung muss nach dieser desaströsen Saison mit vielen Fehleinschätzungen Vertrauen zurückgewinnen, das haben sie bei Werder verstanden. Viel Zeit bleibt dafür nicht, denn das Fußballgeschäft geht in jeder Liga schnell weiter. Milot Rashica ist als Millionenverkauf in jedem Fall fest eingeplant, weitere Spieler werden je nach Angebot folgen. Die Transfereinnahmen kann Werder nicht wieder komplett in neue Spieler investieren, dafür sind die coronabedingten Löcher in der Kasse zu groß. Auch bei einem Abstieg soll der Kader aber so verstärkt werden, dass man nicht nur vom Budget her zu den Top-3 der zweiten Liga gehören würde, sondern auch von der Qualität der Mannschaft. „Nach einem Abstieg könnte es für Werder Bremen nur das Ziel Wiederaufstieg geben“, versichert Filbry, „deshalb müssten alle bei Werder die neue Liga und diese neue Aufgabe vom ersten Tag an mit Haut und Haaren annehmen, damit die Rückkehr in die Bundesliga dann auch gelingen kann.“

Erst einmal Basis-Ziele erreichen

Bei Klassenerhalt soll sich die neue Zielsetzung der Realität anpassen. Filbry macht das deutlich: „Es ist für einen Verein wie Werder Bremen wichtig, sich erst einmal Basis-Ziele zu setzen. Wenn die erreicht wurden, kann man mehr anstreben. Nicht anders herum.“ Der Traum von der Rückkehr in den Europapokal und von entsprechende Mehreinnahmen darf also künftig gerne wieder gelebt werden. Aber erst, wenn der Klassenerhalt in der jeweiligen Saison erreicht wurde.

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