Experte zu Fußball-Krawallen im Viertel

„Rolle des Aggressors wird linken Ultras zugeschoben“

Nach den Krawallen im Viertel spricht Fanforscher Jonas Gabler im MEIN-WERDER-Interview über den Konflikt zwischen linken Ultras und rechten Hooligans. Und er kritisiert die Bremer Polizei scharf.
22.12.2017, 14:28
Lesedauer: 6 Min
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„Rolle des Aggressors wird linken Ultras zugeschoben“
Von Patrick Hoffmann
„Rolle des Aggressors wird linken Ultras zugeschoben“

Reaktion auf die Auschreitungen nach dem Mainz-Spiel: Fans präsentieren in der Ostkurve des Weserstadions ein Banner.

Mein Werder

Herr Gabler, am vergangenen Wochenende hat es nach dem Spiel zwischen Werder und Mainz eine heftige Auseinandersetzung zwischen Ultras und Hooligans im Bremer Viertel gegeben. Vorab vielleicht die Frage für all jene, die nicht so sehr im Thema stecken: Was genau ist der Unterschied zwischen Ultras und Hooligans?

Die Hooligans sind eine Art der Fußballfankultur, die es schon viel länger in Deutschland gibt als die Ultras, nämlich seit den späten Siebzigerjahren. Der Begriff Hooligans bezeichnet ursprünglich Menschen, die zum Fußball gehen und deren zentrales Interesse die körperliche Auseinandersetzung rund um das Spiel ist. Das hat sich über die Jahre etwas verändert. Mittlerweile sind Hooligans nicht mehr unbedingt bei den Spielen anzutreffen. Die körperlichen Auseinandersetzungen haben sich verlagert, weg von den Stadien, zunächst auf die Anfahrtswege und seit Anfang der 2000er-Jahre immer stärker hin zu Drittort-Auseinandersetzungen, heißt: zu Treffen auf der Wiese. Da wird deutlich, welchen Stellenwert Gewalt in solchen Gruppen hat.

Und Ultras?

Ultras sind in Deutschland in den Neunzigerjahren entstanden. Als die Hooligans in den Stadien von der Bildfläche verschwunden sind, sind die Ultras zur prägenden Fankultur geworden. Das Phänomen kommt ursprünglich aus Südeuropa, vor allem aus Italien. Bei den Ultras geht es in erster Linie um die Unterstützung des Vereins, bei jedem Spiel dabei zu sein, sichtbar zu sein, eine möglichst laute Kurve zu organisieren. Dazu kommt häufig fanpolitisches Engagement, teilweise auch soziales und karitatives Engagement. Und auch bei Ultras hat es schon früh körperliche Auseinandersetzungen gegeben, aber der zentrale Unterschied zu Hooligans ist: Ich kann in einer Ultra-Gruppe Mitglied sein und die eigene Beteiligung an Gewalt ablehnen. Das ist bei einer Hooligan-Gruppe nicht möglich, dann werden Sie dort nicht als vollwertiges Mitglied anerkannt.

Es ist oft die Rede von linken Ultras und rechten Hooligans. Ist diese politische Einordnung in links und rechts zutreffend?

Pauschal kann man das nicht sagen. Es gibt auch rechte Ultra-Gruppen und linke Hooligans. Aber grundsätzlich gibt es in der Hooligan-Szene schon eine Reihe von Anknüpfungspunkten für rechte Ideologien. Das gilt teilweise genauso für die Ultras. Zur Ultra-Kultur gehören aber auch Elemente, die für Linke attraktiv sein können. Zudem gibt es eine Reihe Ultra-Gruppen, die links einzuordnen sind, sich zum Beispiel gegen jegliche Form von Diskriminierung und Sexismus engagieren.

Die Hooligans wurden in den Neunzigerjahren aus den deutschen Fankurven verdrängt, auch in Bremen. Ist der Konflikt zwischen Ultras und Hooligans ein Kampf um die Kurve oder ein politischer Konflikt?

Zunächst mal muss ich sagen, dass es nicht überall solche Konflikte zwischen Ultras und Hooligans gibt. Aber da, wo es sie gibt, zum Beispiel in Bremen, da geht es sehr häufig um unterschiedliche politische Auffassungen. Das wird von den Hooligans gerne verneint, die dann sagen: Uns geht es nicht um Politik, die wird nur von den Ultras ins Stadion gebracht, und das wollen wir nicht, das ist nur Fußball. Aber das sind vorgeschobene Argumente. Denn die unterschwelligen Botschaften, die von Hooligans ausgehen, durch diskriminierendes Verhalten, sind auch Ausdruck einer politischen Haltung, und zwar einer, die rechts zu verordnen ist.

Tatsächlich wurden in den Neunzigerjahren noch antisemitische Gesänge in der Bremer Ostkurve angestimmt oder der Hitlergruß gezeigt. Das ist heute zum Glück nicht mehr der Fall. Ist das das Verdienst von linken Ultra-Gruppen?

Nicht ausschließlich. Vorreiter waren sicherlich antirassistische Faninitiativen, die es vor den Ultras gab. Aber die Ultras haben diese Ansätze der Faninitiativen dann aufgegriffen und – auch dank ihres Stimmungsmonopols – rassistische und antisemitische Gesänge nicht mehr angestimmt beziehungsweise unterbunden. Sie haben ihre Gestaltungskraft im Stadion genutzt und so einen zentralen Beitrag geleistet, dass rechte Parolen heute kaum noch zu hören oder zu lesen sind. Ich würde Bremen und auch den FC Bayern als Musterbeispiele von Fanszenen nennen, die in den Neunzigerjahren noch ganz anders tickten und wo ein Turnaround gelungen ist. Jedoch muss auch anerkannt werden, dass viele Vereine und die Verbände sich seit der Jahrtausendwende stärker in diesem Thema engagiert haben.

Sind die Kurven heute frei von Nazis?

Nein. Das waren sie nie, und das werden sie auch nie werden. Denn das würde ja bedeuten, dass wir am Eingang eine Gesinnungskontrolle machen müssten. Es gibt nun mal Rechtsextremismus in unserer Gesellschaft, und der spiegelt sich auch im Stadion wider. Die zentrale Frage ist: Inwiefern lässt die Gesellschaft es zu, dass das dort offen ausgelebt wird? In den Neunzigerjahren sind rechtsextreme Haltungen durch Gesten und Äußerungen in den Fußballstadien wie unter einer Lupe sichtbar geworden, heute hat sich die Norm im Stadion der gesellschaftlichen Norm angenähert. Rechtsextreme halten sich heute in den Stadien eher zurück.

Sie haben das soziale und politische Engagement der Ultras erwähnt. Dennoch werden Ultras in der Öffentlichkeit häufig mit Randale in Verbindung gebracht und fühlen sich deshalb missverstanden. Können Sie das nachvollziehen?

Man muss hierbei verstehen: Ultras werden in der Öffentlichkeit mit vielen Vorurteilen konfrontiert. Da kommen wir zu Ihrer Einstiegsfrage zurück: Ich glaube, dass sehr viele Menschen immer noch Ultras und Hooligans vermischen. Dann heißt es: Ach so, ihr seid welche von diesen Schlägern und Randalierern. Das stimmt aber nicht. Das Bild, das von Ultras in der Öffentlichkeit existiert, ist ein vorwiegend negatives Klischeebild. Die positiven Aspekte werden weniger wahrgenommen. Ich muss aber auch sagen, dass bei Ultras die Gefahr besteht, dass sie sich in eine Opferrolle zurückziehen und nicht reflektieren, dass sie durch ihr Handeln immer mal wieder zu diesem Bild beitragen.

Nach den Ausschreitungen am vergangenen Wochenende in Bremen hieß es von der Polizei sehr schnell: Linke Ultras attackieren Fußballfans in Kneipe. Woher kommt es, dass die Beteiligung von linken Ultra-Gruppen sehr viel schneller von den Behörden benannt wird als das Mitwirken rechter Hooligans?

Das ist ein echtes Phänomen in Bremen. Der Konflikt zwischen linken Ultras und rechten Hooligans ist ja keineswegs neu. Deshalb nehme ich die Rolle der Polizei und des zuständigen Innensenats als problematisch wahr. Teilweise findet hier eine Entpolitisierung statt, wenn behauptet wird, dass der Konflikt zwischen Ultras und Hooligans nichts mit Politik zu tun habe, sondern eine Auseinandersetzung unter Fußballfans sei. Die Rolle des Aggressors wird in der Regel den linken Ultra-Gruppen zugeschoben. Wenn man aber die Bremer Geschichte kennt, mit dem Angriff auf den Ostkurvensaal vor zehn Jahren (im Januar 2007 hatten rechte Hooligans eine Feier im Ostkurvensaal des Bremer Weserstadions gestürmt und Partygäste der linken Ultra-Gruppe „Racaille Verte“ verprügelt; Anm. d. Red.), dann ist ziemlich eindeutig, von welcher Seite die Aggressoren kamen, nämlich von rechts. Dieser Überfall mit Verletzten ist aber nie erfolgreich juristisch aufgearbeitet worden. Da haben die Behörden inklusive Polizei und Staatsanwaltschaft versagt. Dieser Stachel sitzt sehr tief bei den Ultras. Und deshalb ist es auch problematisch, wenn die Polizei im Jahr 2017 bei Auseinandersetzungen zwischen Ultras und Hooligans nur von einer Schlägerei zwischen linken Ultras und anderen Fans spricht. Da muss die Polizei sensibler sein. Die eine politische Richtung zu nennen und die andere nicht, finde ich wirklich sehr problematisch.

Die Ultras weigern sich allerdings, bei der Polizei Aussagen über die Schlägerei am Wochenende zu machen. Ist das verständlich oder einfach nur unklug?

Dieses Verhalten ist typisch. Es ist eine goldene Regel unter Ultras, nicht mit der Polizei zu reden. Das ist bedauerlich. Allerdings haben die Ultras in Bremen nach dem Überfall auf den Ostkurvensaal auch keine gute Erfahrung mit den Behörden gemacht, das prägt die Szene. Und es kommt noch etwas anderes dazu: Wenn ich als Zeuge aussage, landet der Name am Ende auch bei den angeklagten Hooligans. Da weiß man nie, welchen Drohungen ein Ultra anschließend ausgesetzt ist, ob ihm zum Beispiel aufgelauert wird. Das sind ja keine Ammenmärchen. Das ist alles schon vorgekommen. Umso wichtiger ist es, dass die Polizei in diesem Konflikt sauber arbeitet.

Das Gespräch führte Patrick Hoffmann.

Jonas Gabler (36)

ist Mitbegründer der Kompetenzgruppe Fankulturen und Sport bezogene Soziale Arbeit (KoFaS) in Hannover. Zudem ist er deutscher Politikwissenschaftler aus Berlin. Zudem arbeitet er als freier Publizist zu den Themen Fankultur, Ultras, Diskriminierung und Antidiskriminierung. Durch sein 2010 veröffentlichtes Buch „Die Ultras – Fußballfans und Fankulturen in Deutschland“ bekam er bundessweite Aufmerksamkeit.

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