Interview Wirtschaftsexperte Hickel: "Werder Bremen braucht einen Investor"

Der Bremer Wirtschaftswissenschaftler Rudolf Hickel spart im Interview nicht mit Lob für die Verantwortlichen bei Werder Bremen, sorgt sich aber dennoch um die Zukunft des Bundesligisten.
08.12.2022, 17:48
Lesedauer: 5 Min
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Von Björn Knips

Sportlich und auch finanziell hat der SV Werder Bremen nach einer schweren Krise die Wende geschafft. Das freut auch Prof. Dr. Rudolf Hickel. Der renommierte Bremer Wirtschaftswissenschaftler spart deshalb nicht mit Lob für die Verantwortlichen, sorgt sich aber dennoch um die Zukunft des Bundesligisten. Im Interview mit unserer Deichstube warnt Hickel vor dem riskanten Geschäftsfeld „Spieler-Casino“ und hält den baldigen Einstieg einer Investorengruppe für überlebenswichtig.

Herr Hickel, was würden Sie Werder eher zu Weihnachten schenken – eine Spardose, um weiter zu sparen, oder eine Kette, damit Niclas Füllkrug nicht weggekauft wird?

Rudolf Hickel: Ganz klar eine Kette – und das nicht nur aus sportlichen Gründen. Füllkrugs Marktwert liegt bei zehn Millionen Euro, er hat aber auch eine Ablöse von etwas über sechs Millionen Euro gekostet. Also beschert er der Bilanz eine „stille Reserve“, die beim Verkauf vier Millionen Euro bringen würde. Das würde nicht die finanziellen Probleme lösen und gleichzeitig würden die besten Beine fehlen, um weiter auf dem Platz erfolgreich zu sein. Dieses Risiko ist mir zu groß.

Und ab welcher Ablösesumme müsste Werder aus ökonomischer schwach werden?

Wenn man diese 14 Millionen Euro negatives Eigenkapital durch den Transfer komplett wegbekommen könnte, wäre das schon sehr reizvoll, weil Werder dann die Restüberschuldung los wäre.

Es blieben aber noch die Schulden von 38 Millionen Euro durch Kredite und die Anleihe.

Diese Schulden dürfen eigentlich kein Anlass sein, um Füllkrug zu verkaufen. Die Anleihe wird bis 2026 abgewickelt, die durch das Land verbürgten Kredite entsprechend bedient. Dadurch hat die Geschäftsführung mit Klaus Filbry an der Spitze aus der riesigen Finanzkrise das Überleben Werders mit nicht für möglich gehaltener Kraft für die nächsten Jahre gesichert.

Aber im Verkaufsprospekt der Anleihe steht, dass die 2026 anstehende Rückzahlung der 18 Millionen Euro möglichst durch Transfereinnahmen erwirtschaftet werden soll.

Das sorgt allerdings für einen Widerspruch zwischen sportlichem Anspruch und ökonomischer Wirklichkeit. Ich kann doch nicht immer gleich meine besten Spieler verkaufen müssen. Das „Spielervermögen“ des SVW muss eben auch mal für eine Zeit stabilisiert werden.

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Aber Werder hat sich doch schon immer aus Transfers finanziert.

Ich weiß, aber das allein kann es in der heutigen Zeit nicht mehr sein. Der Verein darf nicht nur davon abhängig sein, Füllkrugs am laufenden Meter zu produzieren, um sie schnell zu verkaufen und dadurch finanziell zu überleben. Das Geschäftsfeld „Spieler-Casino“ wäre sportlich und finanziell viel zu riskant. Der sportliche Erfolg und damit auch weitere Einnahmemöglichkeiten durch Ticketing und Marketing wären bedroht. Deshalb muss zwischen Sport und Ökonomie eine Balance vorhanden sein.

Wie kann Werder die erreichen?

Erst mal rate ich dazu, die Anleihe 2026 zu verlängern, um diese rationale Finanzierung weiterhin zu nutzen. Das ist auch überhaupt kein Problem, sie ist mit einer Verzinsung von 6,5 Prozent sehr gut im Markt angenommen worden. Die breit gestreuten Investoren auf den Finanzmärkten nehmen auch keinen direkten Einfluss auf den Konzern SVW. Fakt ist allerdings: Mit dem derzeit passenden Geschäftsmodell kann Werder zwar das normale Fußball-Geschäft bewältigen, aber es fehlt jegliches Kapital für Investitionen in die Werder-Zukunft. Da fällt einem natürlich sofort das Leistungszentrum ein. Aber es gibt da noch viele andere Bereiche wie zum Beispiel die Digitalisierung. Ein paar Jahre geht das noch gut, aber auch bei solider Geschäftsführung ist das Modell Werder nicht zukunftsfähig.

Was kann Werder da retten?

Werder braucht dringend private Investoren. Dass es durchaus Interessenten gibt, zeigt ein wenig der Kauf der Mittelstandsanleihe. Ich möchte da dem Verein auch ein Kompliment machen: Durch die jüngste Strukturveränderung, dass der Verein nicht mehr in der Geschäftsführung vertreten ist, wurde eine moderne Konzernverfassung auch zum Einstieg eines privaten Investors geschaffen. Da gebührt Hubertus Hess-Grunewald für seinen Rückzug als Geschäftsführer ein besonderer Dank.

Hess-Grunewald und Aufsichtsratschef Marco Fuchs, die den Einstieg eines Investors stets sehr kritisch gesehen haben, sind nun umgeschwenkt. Was bedeutet das?

Der Altverein Werder Bremen, der bereits vor dem Absturz stand, ist heute wieder attraktiv und entwicklungsfähig. Für den fiskalischen Erfolg und die Weiterentwicklung der Substanz auf dem Spielfeld verdienen die Geschäftsführer Klaus Filbry und Frank Baumann eine Senatsmedaille. Ich würde mir wünschen, dass diese Optimierungsarbeit gerade auch von Bremer Unternehmern anerkannt wird. Denn meine favorisierte Lösung wäre immer noch eine Investorengruppe aus Bremen und dem Umland mit einer Beteiligung im Normalfall von 24,9 Prozent, also unterhalb der Sperrminorität.

Aus der Bremer Wirtschaft wollte sich aber bislang niemand als Investor bei Werder engagieren, warum sollte sich das ändern?

Ich habe da tatsächlich immer mit mehr Lokalpatriotismus der Bremer Unternehmer gerechnet. Die könnten sich das auch leisten. In den vergangenen Jahren war den Unternehmern – durchaus nachvollziehbar – das Risiko wohl zu groß, weil Werder die Insolvenz drohte. Doch das ist aktuell kein Thema mehr. Werder ist jetzt im Aufwind, von dem sich auch Unternehmen bewegen lassen sollten. Die Kursentwicklung der Anleihe zeigt, dass die sonst so hysterisch kritischen Finanzmärkte ein Investment in Werder durchaus schätzen.

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Muss Werder proaktiv auf die Suche gehen?

Auf jeden Fall – und das zumindest auch bundesweit. Man kann sich leider nicht auf den Bremer Raum verlassen. Dazu bedarf es einer breiten Kampagne, innerhalb derer die jüngste Erfolgsgeschichte des Clubs erzählt wird. Ich habe Werder schon mitten in der Insolvenz gesehen, aber das ist verhindert worden – und das darf alles andere als selbstverständlich angesehen werden. Werder ist jetzt nach der Krise in der Transformationsphase zum zukunftsfähigen Fußballclub, wofür die Zuführung von Kapital erforderlich ist.

Viele Fans haben aber Angst vor einem Investor?

Das kann ich verstehen. Deswegen muss auch ein eindeutiger Anforderungskatalog erstellt werden, durch den solche „windigen“ Figuren wie ein Lars Windhorst explizit ausgeschlossen werden und durch den die Eingangstore ins Weserstadion für dubiose Finanzoligarchen verschlossen bleiben.

Werder-Präsident Hess-Grunewald erwartet, dass sich das Land Bremen beim Neubau des Leistungszentrums finanziell engagiert. Wäre das angesichts der aktuellen Krisen der Bevölkerung überhaupt vermittelbar?

Das wäre extrem schwer. Unter normalen fiskalischen Bedingungen könnte ich mir so ein Engagement durchaus vorstellen, weil Werder als Imagefaktor sehr wichtig für Bremen ist und es unter dem Stichwort Nachhaltigkeit um die Nachwuchsförderung geht. Aber durch die Corona- und Energiekrise sind die Kassen noch leerer als sonst, das Geld wird an anderen Stellen dringender gebraucht. Nehmen wir den Bremer Flughafen, der auf jeden Fall erhalten bleiben muss. Bremen muss öffentliches Kapital in den ökologischen Umbau lenken. Werder ist dazu verdammt, dies ohne eine Normalfinanzierung durch den Staat hinzubekommen – und das wiederum erhöht den Druck, schnell einen Investor oder eine Investorengruppe zu finden.

Im Sommer 2024 laufen bei Werder die Verträge von gleich zwei Geschäftsführern aus – Klaus Filbry und Frank Baumann. Wann muss ein Unternehmen da die Weichen stellen?

Spätestens Mitte 2023 – und ich würde sowohl mit Klaus Filbry als auch Frank Baumann verlängern. Ich habe Filbry früher kritisch gesehen, aber er hat die schwierige Phase wirklich gut gemeistert. Das gilt auch für Baumann, der sportlich den Verein aus dem Tal der Tränen herausgeführt und seine Arbeit erfolgreich fortgesetzt hat. Werder braucht dieses Erfolgsduo – und einen Investor!

Das Gespräch führte Björn Knips.

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