Werders Gegner in der Analyse Schalker Kartenhaus

Werders-Gegner Schalke versinkt in Problemen, wirkt defensiv anfällig und offensiv ratlos. Es gibt viele strukturelle Komplikationen, die auch durch Personal- und Systemwechsel nicht behoben werden.
07.03.2019, 13:32
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Stefan Rommel

Das sind Schalkes Stärken:

Manchmal ist das so im Fußball, dass eine Stärke ebenso als eine Schwäche ausgelegt werden könnte und umgekehrt. Wohlwollend betrachtet bleibt also Schalkes Variabilität eine Stärke der Mannschaft und macht sie auch unberechenbar. Die Dreier- beziehungsweise Fünferkette im Spiel gegen den Ball ist ebenso gelernt wie die Viererkette, zuletzt versuchte es Schalkes Trainer eher wieder mit der Dreierkette, in den Wochen davor schien die Viererkette als gesetzt.

Schalkes Spielausrichtung ist im Grunde abwartend - gerade auch in Auswärtsspielen gegen eher spielstarke Gegner wie Werder - und eher auf Reaktion angelegt, das Spiel gegen den Ball gilt also immer noch als Grundlage aller Überlegungen. Wobei die Grundordnung für die Abläufe im Pressing eher nebensächlich ist. Und das Pressing ist auch in der momentan sehr prekären Lage der Mannschaft noch so etwas wie eine einigermaßen verlässliche Größe, gepaart mit einer gesunden Aggressivität und Härte - ein klares Plus. Mit Mannorientierungen im Angriffspressing bekommt die Mannschaft einen guten Druck auf den Ball und auf die potenziellen Passempfänger, die sich schnell in engen Spielsituationen wiederfinden.

Im Spiel mit dem Ball konzentriert sich derzeit vieles auf Einzelaktionen und damit automatisch auf die individuellen Fähigkeiten der Spieler - und die sind trotz Leistungsloch und der allgemein grassierenden Krise immer noch hoch genug, um Spiele auch zu entscheiden.

Schalke hat spielstarke Spieler (Nabil Bentaleb), gute Dribbler (Amine Harit, Yevhen Konoplyanka, Rabbi Matondo), Geschwindigkeit (Steven Skrzybski) und Mentalität (Weston McKennie). Und mit der Rückkehr von Guido Burgstaller nach langer Verletzung endlich auch wieder die gerne gewählte Option, mit einem langen Ball direkt in die Spitze zu spielen und nachzurücken oder auf den zweiten Ball zu gehen.

Das sind Schalkes Schwächen:

Die Mannschaft ist komplett verunsichert und längst mittendrin im tiefsten Strudel, was sich unmittelbar auf die herangehensweise auswirken dürfte. Das Team und sein Trainer spielen auf Bewährung, Tedesco hat so ziemlich alles schon ausprobiert in dieser Saison, aber keine nachhaltig erfolgreiche Formation und Aufstellung gefunden. Besonders auffällig: Selbst kleinste Negativerlebnisse sorgen für hängende Köpfe, die Verunsicherung ist förmlich greifbar - und ein Gegentor bringt das Kartenhaus in schöner Regelmäßigkeit auf der Stelle zum Einstürzen.

Die Defensivbewegung war in den letzten Wochen ein massives Problem. Das gilt sogar für die einstigen Königsdisziplinen Pressing und Restverteidigung. Gegen verschiedene Gegner mit komplett unterschiedlichen Ansätzen zeigte Schalke teilweise frappierende Löcher in der Defensive, wurde im Positionsspiel ausgehebelt oder in der Umschaltbewegung erwischt. Die Restverteidigung mit Jeffrey Bruma und Matija Nastasic in der Innenverteidigung genügt derzeit nicht Bundesligaansprüchen.

Und trotzdem sind das nicht die größten Schalker Probleme. Das Spiel mit dem Ball ist das Sorgenkind und es besteht kaum Aussicht auf Besserung. Schalkes Mannschaft wurde nach einer hervorragenden Saison mit klar strukturiertem Vernunft-Fußball im Sommer auf eine andere, offensivere, dominantere Linie getrimmt und der Kader mit entsprechenden Spielertypen umgebaut.

Fünf Niederlagen zu Saisonbeginn ließen Tedesco schnell wieder von der eigentlichen Zielsetzung abrücken und auf den Fußball der letzten Saison setzen - allerdings nun mit einem Personal, das dafür nicht gemacht ist. Dieses klassisches Phänomen abstiegsbedrohter Mannschaften schleift Schalke nun mit sich herum.

Im Spiel mit dem Ball ist das zentrale defensive Mittelfeld die ganz große Schwachstelle. Schalke hätte dafür an sich gute bis sehr gute Spieler (Sebastian Rudy, Benjamin Stambouli, Omar Mascarell, Bentaleb), aber ein strukturelles Problem: Bekommt der Gegner den oder die Sechser in den Griff, ist Schalkes Offensivspiel quasi abgeschaltet. Was bleibt, sind Aktionen über die Außenverteidiger oder gleich der lange Ball nach vorne. Ab und an auch ein Standard, aber selbst da hat die Mannschaft ihre Gefährlichkeit (Naldo) verloren.

Das ist der Schlüsselspieler:

Auf Benjamin Stambouli dürfte in den letzten Spielen der Saison eine ganze Menge zukommen. Der Vizekapitän ist in der Regel mittlerweile als Sechser eingeplant, also auf Schalkes neuralgischer Problemposition. Da Tedesco und Rudy offenbar nicht kompatibel sind und Bentaleb in der offensiven Zentrale für Akzente sorgen soll, kommt Stambouli die Mammutaufgabe im Spielaufbau fast alleine zu. Der Franzose ist als einer der Meinungsführer in der Mannschaft, die in Grüppchen zu zerfallen droht, gefragt und auf dem Platz in Abwesenheit von Ralf Fährmann als einer der wenigen, an der sich das Team aufrichten kann.

Die Umfrage zum Spiel gibt es hier:

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+