Werders nächster Gegner Ingolstadt Schlicht und gefährlich

Der FC Ingolstadt wirkt auf den ersten Blick alles andere als furchteinflößend. Werders nächster Gegner ist jedoch besonders bei ruhenden Bällen nicht zu unterschätzen, wie die Taktikanalyse zeigt.
20.04.2017, 17:02
Lesedauer: 6 Min
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Von Stefan Rommel

Der FC Ingolstadt wirkt auf den ersten Blick alles andere als furchteinflößend. Werders nächster Gegner ist jedoch besonders bei ruhenden Bällen nicht zu unterschätzen, wie die Taktikanalyse zeigt.

Der FC Ingolstadt hat die Turbulenzen nach dem missglückten Experiment mit Markus Kauczinski längst in den Griff bekommen und sich dank einer Neun-Punkte-Woche mit drei Siegen gegen die unmittelbare Konkurrenz aus Mainz, Augsburg und Darmstadt wieder zurück ins Rennen um den Relegationsplatz gekämpft.

Zu Beginn der Saison war in Ingolstadt eine hin- und hergerissene Mannschaft zu sehen. Das Personal war zu großen Teilen immer noch auf den Fußball von Kauczinskis Vorgänger Ralph Hasenhüttl ausgelegt: Es war eine Hasenhüttl-Mannschaft, die über Jahre hinweg Hasenhüttl-Fußball spielte. Also: mit hohem, aggressivem Angriffs- oder Mittelfeldpressing, mit vielen schnellen Umschaltmomenten und schnörkellosen, vertikalen Passagen in der Offensive, mit intensivem Gegenpressing und einem körperbetonten, athletischen Spielansatz in der Defensive.

Kauczinski kam aus Karlsruhe mit anderen Ideen, mit einem gemächlicheren 4-2-3-1-Plan im Gepäck, mit tiefem Pressing, schnellem Fallen nach Ballverlust in die Grundordnung, weniger Risiko, dafür aber mehr Kreativität im Spielaufbau. Erst machte der Trainer Kompromisse, dann setzte er seine Konzepte durch - beides brachte nicht die nötigen Ergebnisse. Im Spätherbst war deshalb auch schon wieder Schluss für Kauczinski.

Die Rückkehr zu alten Tugenden

Der eher unbekannte Maik Walpurgis übernahm und Walpurgis liefert seitdem, was zu erwarten war: die Rückkehr zu den Ingolstädter Tugenden mit einer unkonventionellen Grundordnung, viel Kampf und Tempo und überragend guten Standards.

Im Spiel gegen den Ball ist Ingolstadt wie in der abgelaufenen Saison mittlerweile wieder richtig unangenehm für den Gegner. Die seltene Grundordnung der Schanzer macht es Mannschaften mit wenigen spielerischen Lösungen schwer, zu kontrolliert herausgespielten Chancen zu kommen. In der 5-4-1-Ordnung mit teilweise hohem Mittelfeldpressing liegt der Fokus auf der Kontrolle des Zentrums. Eine Spezialrolle nehmen dabei die eigentlichen äußeren Mittelfeldspieler ein, die sich gegen den Ball gerne eher zum Zentrum hin orientieren und die beiden Sechser in den Halbspuren unterstützen.

Überraschende Pressingmomente

Auf „halber Strecke“ zwischen Zentrum und Seitenlinie bringt das einige Vorteile mit sich: Pascal Groß und Sonny Kittel, die diese Rollen in der Rückrunde gut ausfüllen, können im Pressing die Passwege in die Halbräume sauber versperren oder aber zum schnellen Doppeln auf den Flügel eilen. Situativ sieht man beide auch auf Höhe der einzigen Spitze agieren. Ingolstadt streut diese aggressiven Pressingmomente gerne mit ein, um den Gegner auch mal zu überraschen.

Die Außenverteidiger der Fünferkette schalten sich mit Tempo ins Pressing ein, wenn der Gegner sauber nach außen gelenkt wurde und versperren das Zuspiel die Linie entlang. Dann verheddert sich der Gegner beim Pass ins Zentrum in der Ingolstädter Überzahl, wo auch die altbewährte Manndeckung zum festen Repertoire gehört. Dass diese durchaus mutige Defensivstrategie anfällig sein kann, beweist das erste Gegentor gegen Wolfsburg am vergangenen Wochenende, als sich der VfL aus einer Pressingsituation gut befreite und zum Abschluss kam.

Die Bedingungslosigkeit, mit der die Ingolstädter in der abgelaufenen Saison verteidigten und förmlich blind dem Hasenhüttl-System vertrauten, ist aber deutlich aufgeweicht. Greifen frühes Pressing oder Gegenpressing nicht, fällt die Mannschaft schnell und verlässlich in ihre Grundordnung zurück. Heraus kommen dann viele Sequenzen im tiefen Abwehrpressing mit eng aneinander stehenden Ketten, die einen Durchbruch zur Grundlinie nur schwer zulassen.

Ingolstadt ist im Spiel gegen den Ball vergleichbar mit dem Hamburger SV. Auch die Schanzer setzen auf ein sehr körperbetontes Spiel, verwickeln den Gegner gerne in viele Zweikämpfe. Deshalb steht die Mannschaft schon bei 474 Fouls. Nur der HSV liegt in der Statistik noch vor Ingolstadt.

Für das Bremen-Spiel könnte sich im grundsätzlichen Defensivverhalten eine alternative Strategie anbieten. Mit Marvin Matip, Markus Suttner und Romain Brégerie fehlen gleich drei wichtige Glieder der Fünferkette wegen Sperren. Besonders Brégerie und Matip sind klare Stabilisatoren in der Innenverteidigung. Die Abläufe und die Abstimmung für ein riskantes Nach-vorne-Attackieren dürften deshalb deutlich gestört sein, sodass eher mit einem schnellen Fallen in die Grundordnung zu rechnen sein wird als mit vielen hohen Pressingsituationen gegen Werders variables Offensivspiel.

Fokus auf ruhende Bälle

Im Spiel mit dem Ball fokussiert sich vieles bei den Schanzern auf Standards. Keine andere Mannschaft der Liga ist bei ruhenden Bällen so gefährlich wie Ingolstadt. Schon 18 Mal trafen die Oberbayern nach Standards, das macht satte 58 Prozent aller Ingolstädter Tore aus.

Der Plan mit dem Ball ist dagegen recht simpel gestrickt. Die Innenverteidiger vermeiden fast immer riskante flache Anspiele ins Zentrum, dazu sind auch die beiden Sechser kaum in den Aufbau eingebunden. Allenfalls lässt sich der beste Kreativspieler Pascal Groß auf Höhe der Dreierkette fallen, um so etwas wie eine alternative Idee zu entwickeln. Meist wird über die äußeren Innenverteidiger ein langer Ball die Linie entlang geschlagen. Der Außenverteidiger und der äußere Mittelfeldspieler rücken aggressiv nach, um in der Zone neben der Seitenlinie den Ball zu behaupten oder schnell zurückzuerobern.

Die meisten Flanken der Liga

Im besten Fall hat Ingolstadt also in einer hohen Zone den Ball und versucht dann relativ schnell die Flanke ins Zentrum. Mehr als 300 Flanken hat die Mannschaft schon geschlagen, auch das sind mit Abstand die meisten in der Liga. Das Spiel auf den zweiten Ball ist ein oft gewähltes Stilmittel und führt letztlich zu einer unterirdischen Passquote von 66,5 Prozent, der schlechtesten der Liga.

So eindimensional Ingolstadt aus dem freien Spiel auch erscheint, so einfallsreich und hochwertig sind die Standards der Schanzer. Eckbälle werden direkt als Flanke geschlagen, kaum kurz ausgeführt. Dabei ist die Genauigkeit in der Ausführung beeindruckend: Fast jeden zweiten Eckball bringt Ingolstadt vor dem Tor auch zum eigenen Mitspieler.

Cohen trifft am häufigsten

Die Eckstöße werden vom Tor weg geschlagen, also von Rechtsfuß Groß von der rechten und Linksfuß Suttner von der linken Seite - um dann am ersten Pfosten den Ball auf den zweiten Pfosten zu verlängern. Die Stärke bei Standards führt zu der ungewöhnlichen Zwischenbilanz, dass Almog Cohen derzeit der gefährlichste Torschütze der Mannschaft ist. Sieben Tore hat der Israeli erzielt - als defensiver Mittelfeldspieler.

Der Ausfall von Suttner ist aus Bremer Sicht gleich doppelt erfreulich: Zum einen fehlt ein etatmäßiger Eckstoßschütze. Und zum anderen der Spieler, der in dieser Saison bereits vier Freistöße direkt verwandelt hat. Einen davon im Hinspiel in Bremen.

Der FC Ingolstadt erinnert in vielen Bereichen an den Hamburger SV. Die grundsätzliche Idee im Spiel mit dem Ball ist sehr ähnlich, im Spiel gegen den Ball soll der Gegner in viele Zweikämpfe verwickelt und aggressiv bearbeitet werden. In der Rückrundentabelle ist Ingolstadt übrigens immerhin Zehnter und hat jetzt schon vier Punkte mehr geholt als in der kompletten Hinrunde. Ein Zufall ist das nicht.

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