Niederlage gegen Hoffenheim in der Analyse Schon wieder ein bizarres Spiel

Hoffenheim und Werder beraubten sich gegenseitig ihrer großen Stärken, die Defensivkonzepte dominierten. Trotzdem fielen fünf Tore und am Ende waren es individuelle Aussetzer, die Werder um den Lohn brachten.
25.08.2019, 13:42
Lesedauer: 5 Min
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Von Stefan Rommel

Werder-Trainer Florian Kohfeldt nahm im Vergleich zum Düsseldorf-Spiel nur eine personelle Änderung vor: Für den verletzten Milot Rashica begann wie erwartet Niclas Füllkrug. Allerdings veränderte Kohfeldt die Grundordnung seiner Mannschaft und ließ wie schon in der vergangenen Saison gegen Hoffenheim mit einer Dreier- beziehungsweise Fünferkette verteidigen.

Bei Ballbesitz setzte Werder auf ein 4-4-2 mit Mittelfeldraute, hatte der Gegner den Ball wurde daraus ein 5-2-2-1. Theo Gebre Selassie, Ömer Toprak, Niklas Moisander und Marco Friedl bildeten die Viererkette, Nuri Sahin spielte auf der Sechs sowie Maximilian Eggestein und Davy Klaassen auf den Achterpositionen davor. Yuya Osako übernahm die Rolle des Zehners, während Füllkrug und Johannes Eggestein als Angreifer agierten. Wenn die Bremer verteidigten, ließ sich Sahin zwischen die Innenverteidiger fallen.

Die Gastgeber griffen in einem 3-4-2-1 an, Werder spiegelte also den Gegner und konnte immer wieder Mannorientierungen herstellen. Das Bremer Pressing variierte in der Anlaufhöhe, ab und an rückte die Mannschaft hoch ins Feld, in der Regel aber empfingen die Gäste den Gegner ab Höhe der Mittellinie. Mit der 2-1-Konstellation in der ersten Linie sollten die Zuspiele in die Halbräume erschwert werden. Johannes Eggestein und Osako postierten sich etwas versetzt hinter Füllkrug und stellten die direkten Passwege auf die Hoffenheimer Flügelangreifer und die beiden Sechser zu.

Verriegelte Halbräume

Die von Hoffenheim gerne genutzten diagonalen Zuspiele in den Halbraum konnte Werder so gut verhindern, das Heimteam musste entweder über einen abkippenden Sechser spielen oder gleich den Weg über die Flügel suchen. Dort nahmen Werders Flügelverteidiger die Hoffenheimer Flügelverteidiger in Empfang und konnten die Angriffe relativ weit weg vom eigenen Tor ausbremsen. Die Bremer verriegelten also die Halbräume und das Zentrum und damit die bevorzugten Anlaufstellen im Hoffenheimer Offensivspiel. Die Idee, mit direkten Zuspielen Ihlas Bebou zu suchen, um dann mit Ablagen auf die dynamisch nachstoßenden Flügelangreifer für Gefahr zu sorgen, machte Werder damit ebenfalls größtenteils zunichte.

Außerdem kam die Mannschaft durch die direkten Zuordnungen zu vielen Zweikampfsituationen - was angesichts der körperlichen Unterlegenheit des Hoffenheimer Mittelfelds mit eher schmächtigen Spielern wie Sebastian Rudy, Dennis Geiger oder Christoph Baumgartner gerade in der ersten Halbzeit ein klares Plus aus Bremer Sicht war. Nach einer Viertelstunde musste Kohfeldt allerdings erneut stark positionsfremd umstellen: er beorderte Gebre Selassie nach Topraks Ausfall auf die Halbverteidigerposition und Maximilian Eggestein spielte Rechtsverteidiger. Der eingewechselte Kevin Möhwald übernahm Eggesteins Rolle im Mittelfeld. Später änderte sich auch das Pressing noch ein wenig, Osako blieb im 5-2-1-2 hinter den eng aneinanderstehenden Füllkrug und Johannes Eggestein auf der Zehn und kümmerte sich etwas mehr um Hoffenheims Sechserraum.

Während Werders Spiel gegen den Ball ziemlich gut funktionierte, haperte es im eigenen Ballbesitz doch sehr. Hoffenheim verteidigte quasi wie Werder, stellte im etwas höheren Pressing Bebou gegen Sahin - ob auf der Sechs oder abkippend zwischen den Innenverteidigern - und rückte mit den Sechsern auf die Achter heraus, während sich die Flügelpärchen neutralisierten. Nur vereinzelt durchdrang Werder dieses Dickicht. Wenn Hoffenheim etwas angelockt wurde und die Sechser auf dem Sprung zu Möhwald und Klaassen waren, zogen die Gäste die drei Angreifer eng zusammen, um mit kurzen Kombinationen oder der Jagd auf den zweiten Ball in die Tiefe zu kommen.

Rashicas Tempo fehlt

Genau dies blieb aber auf beiden Seiten das ganz große Manko: Hoffenheim hatte zwar in den ersten 20 Minuten rund 70 Prozent Ballbesitz, blieb aber nur in völlig ungefährlichen Zonen und bekam überhaupt keine Tiefe ins Spiel. Werder war einen Hauch gefährlicher, aber ohne Rashicas Tempo und dessen Tiefenläufe fehlte ein wichtiges Stilmittel. Da auch Hoffenheim das Spiel durch den Halbraum fast komplett blockierte, gab es kaum einmal die typischen Bremer Abläufe im Aufbau. Stattdessen wurde vergleichsweise oft Füllkrug mit einem hohen Ball gesucht, um diesen festzumachen oder zu verlängern.

Da dies kaum einmal nach Wunsch funktionierte und Werder aus der theoretischen nummerischen Überlegenheit mit den beiden Achtern plus Osako gegen Hoffenheims Sechser im Zentrum trotz zunehmender Spielkontrolle kein Kapital schlagen konnte, gab es bis kurz vor der Pause keine nennenswerten Torszenen auf beiden Seiten. Stattdessen leisteten sich beide Mannschaften erstaunlich viele technische Fehler und Abstimmungsfehler, die den zarten Spielfluss immer wieder störten. Der erste richtig vernünftige Bremer Angriff führte zu einer Überzahlsituation, die allerdings schlecht ausgespielt wurde. Die folgende Ecke verwandelte Füllkrug dann zur Bremer Führung. Hoffenheim hatte in der Zuordnung beim Standard ganz offensichtlich einen Spieler zu wenig abgestellt.

Mit dem ersten Schuss aufs Bremer Tor - bezeichnenderweise ebenfalls nach einem Standard - glich Hoffenheim nach dem Wechsel schnell aus. Werder hatte im Anschluss zwei, drei ordentliche Angriffe, machte sich diese gute Phase aber selbst schnell wieder kaputt. Auf einen zunächst abgewehrten Ball rückte die Mannschaft nicht entschlossen nach und ordnete auch nicht sauber zu, stattdessen schalteten die Spieler eher schon ab und Hoffenheim kam etwas glücklich zu einem freien Abschluss und zur 2:1-Führung.

In Unterzahl die bessere Mannschaft

Ein paar Minuten danach wechselten die Gastgeber den Ex-Bremer Florian Grillitsch ein, um auf der Doppel-Sechs noch mehr Ballsicherheit zu bekommen. Werder spielte jetzt ein klares 4-4-2 mit Raute bei Ballbesitz und versuchte, flach und direkt in die Spitze zu spielen. Heraus kam zunächst „nur“ der nicht gegebene Ausgleich durch Füllkrug. Mit dem Platzverweis für Johannes Eggestein stellte Werder auf 4-4-1 um und blieb trotzdem die bessere Mannschaft. Der entsprechenden Belohnung ging ein krasser Fehler im Hoffenheimer Aufbau voraus. Die Ball- und Spielkontrolle ging in dieser Phase an Werder.

Eigentlich war in einem Spiel auf überschaubarem fußballerischen Niveau mit dem 2:2 das gerechte Ergebnis erzielt, aber Werder schenkte den Gastgebern erneut nach einem Standard doch noch den Sieg: Gebre Selassie ließ Kaderabek aus den Augen, der den Ball ähnlich wie beim ersten Gegentor neben den nicht besetzten linken Pfosten setzte. Werder löste in den letzten Minuten die Sechserposition quasi auf, besetzte mit Füllkrug sowie den eingewechselten Martin Harnik und Claudio Pizarro die Angriffslinie und spielte den Ball lang nach vorne. Zu einer Torchance kam die Mannschaft aber nicht mehr.

Insgesamt legte Werder nach dem Düsseldorf-Spiel die nächste in Teilen bizarre Partie hin: Hoffenheim hatte aus dem geordneten Spiel heraus keine einzige echte Chance, erzielte letztlich aber trotzdem drei Tore - was eindeutig für die Bremer (Defensiv-)Idee und deren Umsetzung sprach. Das Verhalten bei gegnerischen Standards wird aber weiter von groben individuellen Patzern torpediert, das Offensivspiel stotterte zu lange. Gegen einen definitiv verwundbaren und nicht besonders eingespielten Gegner wie Hoffenheim ist dieses Ergebnis deshalb absolut ernüchternd aus Bremer Sicht.

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