Werders Unentschieden in der Taktikanalyse Schwarz' Änderungen drehen das Spiel

Werder gibt leichtfertig zwei wichtige Punkte ab, weil die Mannschaft sich offenbar zu sicher fühlte und nicht wie gewünscht auf die Mainzer Umstellungen reagieren konnte.
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Von Stefan Rommel

Florian Kohfeldt musste auf Grund der kurzfristigen Ausfälle von Max Kruse und Zlatko Junuzovic seine Startelf umbauen. Insgesamt tauschte Kohfeldt auf drei Positionen im Vergleich zum Leverkusen-Spiel: Robert Bauer, Philipp Bargfrede und Ishak Belfodil rückten für Lamine Sané, Ole Käuper und Kruse in die Mannschaft. Kohfeldt kehrte trotz der Ausfälle der Offensivspieler zum 4-3-3 zurück, das in den Heimspielen unter seiner Regie bisher gesetzt war. Vor Jiri Pavlenka verteidigten Milos Veljkovic und Niklas Moisander das Zentrum der Viererkette, Bauer und Ludwig Augustinsson die Außenbahnen. Bargfrede übernahm die Sechs, Maximilian Eggestein und Thomas Delaney die Achterpositionen. Theo Gebre Selassie (rechts) und Florian Kainz (links) waren zumindest auf dem Papier die Flügelangreifer, Belfodil die zentrale Spitze im Angriff.

Mainz musste konträr zu Werders Offensivsorgen mit großen Problemen in der Defensive kämpfen. Mit Stefan Bell, Jean-Philippe Gbamin und Suat Serdar fehlte das stabile Defensiv-Dreieck der letzten Wochen. Trainer Sandro Schwarz änderte auf insgesamt vier Positionen und stellte seine Mannschaft in einem flachen 4-4-2 auf den Platz.

In der für beide Mannschaften enorm wichtigen Partie übernahm Werder sofort die Initiative und schloss die erste Umschaltbewegung nach 83 Sekunden mit dem Führungstor ab. Ein Treffer, der als Sinnbild gelten durfte für die komplette erste Halbzeit. Werder hatte ein gutes Gegenpressing und ein schnelles Umschaltspiel und war wach, aggressiv, bissig und verteidigte teilweise extrem nach vorne. Die Mannschaft wechselte ihre Pressinghöhe und -intensität und beschäftigte Mainz damit auf unterschiedliche Art und Weise.

Entweder zog sich Werder in einem 4-1-4-1 zurück, ließ Mainz anspielen und griff dann erst ab der Mittellinie an, um so alle Passoptionen ins Übergangsdrittel zu versperren, oder Kohfeldts Mannschaft rückte heraus und setzte auf ein hohes 4-4-2-Pressing mit schnellem Anlaufen. Meist war es Delaney, der aus seiner Position weit herausrückte und neben Belfodil störte. Mit dem frühen zweiten Treffer zog sich Werder etwas weiter zurück und überließ Mainz immer mehr den Ball. Die Intensität in den Zweikämpfen behielt Bremen aber bei.

Zielspieler Belfodil

Im Spiel mit dem Ball waren ohne Kruse, Bartels und Junuzovic andere Abläufe gefragt und mit Belfodil ein Spieler auf dem Platz, der anders angespielt werden kann. Werder suchte den Algerier mit flachen und hohen Zuspielen aus der Abwehr als Zielspieler zumeist in vorderster Front und Belfodil wurde für die Gäste schnell zu einem echten Problem, weil er mit seinem Körper hervorragend arbeitete, die Bälle gut abschirmte und auf die Kollegen weiterleitete oder sich so in den Gegenspieler fallen ließ, dass er sich mit einer zweiten Bewegung um den Mainzer Spieler winden konnte.

Mainz ging Werder in diesen kurzen Sequenzen immer wieder in der Art auf den Leim, dass die Mannschaft zu früh zugreifen wollte und Belfodil doppelte, im Gegenzug aber nicht sauber durchschob und so keine gute Absicherung hatte. So konnte Werder Angriffe über Belfodil immer wieder gut auflösen und fand genügend freie Räume vor.

Im Positionsspiel war die etwas asymmetrische Anordnung mit einem deutlich höher postierten Augustinsson auf der linken Seite im Verbund mit Kainz‘ Einrücken und den dynamischen Läufen von Delaney aus dem Zentrum nach außen ein probates Mittel, um in den Rücken von Rechtsverteidiger Giulio Donati zu gelangen. Teilweise wirkte es fast so, als würde Delaney als zweite Spitze auflaufen.

Und weil das Zweikampfverhalten und das Umschaltspiel auf konstant hohem Niveau blieben und Mainz auch in der Konterabsicherung weiterhin große Löcher offenbarte, blieb Werder bis zur Pause stets gefährlich.

Im Laufe der ersten Halbzeit deuteten sich aber schon ein paar Probleme an, die dann im zweiten Durchgang noch schwerwiegender wurden. Das Gegenpressing nach Ballverlusten griff nicht immer zuverlässig, die Mannschaft machte sich das Leben durch einige leichte technische Fehler schwer und verteidigte am und im eigenen Strafraum nicht immer konsequent. Mainz hatte spielerische Ansätze immer dann, wenn sich De Blasis auf die Zehnerposition fallen ließ und so Werders zentrale Mittelfeldspieler binden konnte, um Platz für Danny Latza oder Fabian Frei zu schaffen oder selbst aus dem offensiven Mittelfeld heraus Angriffe zu initiieren. Oder wenn die schnellen Gerrit Holtmann oder Levin Öztunali Tempo aufnehmen konnten. Das war aber nur sehr selten der Fall. Die beiden Chancen der Gäste resultierten aus einem Fernschuss und einer schnellen Umschaltbewegung.

Schwarz stellt um

Schwarz reagierte zur zweiten Halbzeit mit einem personellen und ein paar taktischen Wechseln. Mit Emil Berggreen kam ein klarer zweiter Angreifer, dafür musste Innenverteidiger Leon Balogun runter. Frei rückte von der Sechs auf Baloguns Platz in der Abwehr und De Blasis dafür auf die Sechs.

Mit dem wuchtigen Berggreen hatte Mainz fortan die Option, mit langen Bällen in die Spitze zu spielen und diese dann auch behaupten zu können. Mit den klein gewachsenen De Blasis und Muto fehlte dieses Stilmittel in der ersten Halbzeit noch. Alle drei Personalrochaden sollten sich als wirkungsvoll erweisen: Frei agierte in der Viererkette weitaus vorausschauender als Balogun, antizipierte Bremer Angriffe sehr gut und lief einige Vorstöße der Gastgeber einfach ab. De Blasis verteilte gut die Bälle und konnte aus seiner tieferen Position mit Tempo besser an und in den Bremer Strafraum nachrücken oder auf die zweiten Bälle gehen. Und Berggreen beschäftigte Veljkovic in der Luft und am Boden ganz anders als der enttäuschende Muto.

Der musste nach einer Stunde runter und wurde durch Robin Quaison ersetzt - ebenfalls ein körperlich robuster Spieler. Jetzt wurde Mainz‘ Plan immer klarer. Die Gäste versuchten nicht mehr wie in der ersten Halbzeit, unbedingt über die Flügel zum Durchbruch bis zur Torauslinie zu kommen, sondern brachen ihre Angriffe ab, sobald der Ballführende isoliert war und verlagerten schnell auf die andere Seite.

Bargfredes Ausfall spielt Mainz in die Karten

Mit diesen Veränderungen einher ging Werders erster Wechsel, der die positiven Effekte der Mainzer noch verstärkte. Bargfrede musste nach 65 Minuten angeschlagen runter, was einem Bruch im Bremer Spiel, besonders gegen den Ball, gleich kam. Kohfeldt musste die Positionen durchtauschen und zog Delaney auf die Sechs zurück. Für Werders Intensität im Pressing ein entscheidender Nachteil, die Mannschaft verteidigte nun kaum noch nach vorne und rückte immer weiter zurück. Mainz kam zu mehr Spielanteilen und zum Anschlusstreffer durch Quaison nach Vorlage von Berggreen.

Beiden Mannschaften waren nun die Strapazen der englischen Woche anzumerken, bis zur Schlussphase hatte Werder zwei gute Chancen, um das Spiel doch zu entscheiden. Schwarz wechselte mit Alexandru Maxim den nächsten ballsicheren Ideengeber ein und stellte den Rumänen auf die Doppel-Sechs. Kohfeldts letzte Wechsel, Izet Hajrovic für Kainz (75.) und kurz vor dem Ende Sané für Belfodil, sollten dagegen weniger fruchten. Die sich bietenden Räume für Konter ließ Bremen ungenutzt, Hajrovic hatte dabei ein paar unglückliche Szenen.

Werder ließ bis in die Nachspielzeit immerhin nichts zu und stellte sich dann doch ziemlich ungeschickt an. Nach einem abgewehrten Einwurf verteidigte die Mannschaft im Raum, statt mit einer klaren Manndeckung den eigenen Strafraum zu sichern. Der aufgerückte Frei konnte sich so unbehelligt wegstehlen, dem abgewehrten Einwurf rückte Werder nicht entschlossen hinterher um die Flanke zu verhindern und Frei traf Bremen ziemlich überraschend ins Mark.

Werder wurde damit zum emotionalen Verlierer einer Partie, die schon gewonnen schien. Die Mannschaft konnte die Ausfälle ihrer wichtigsten Offensivspieler zwar bis zu einem gewissen Grad gut kompensieren, war nach Bargfredes Auswechslung und den eigenen Umstellungen, sowie den Änderungen im Mainzer Spiel aber nicht mehr so griffig und körperlich wie mental nicht mehr so frisch. Der Gegner konnte dreifach offensiv und qualitativ hochwertig wechseln, formulierte eine passendere Spielidee und hatte das notwendige Spielglück, um am Ende ein Remis zu schaffen. Und Werder damit zwei ganz wichtige Punkte zu klauen.

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