Lestienne, Herrmann und Co.

Sechs Kandidaten für Werders Flügel

Schon vor Fin Bartels' Achillessehnenriss sah es so aus, als stünde ein neuer Flügelspieler auf Werders Agenda. Wer könnte im Winter in Reichweite sein? Wir haben uns auf dem Transfermarkt umgeschaut.
29.12.2017, 13:35
Lesedauer: 5 Min
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Von Cedric Voigt

Es ist wieder so weit: Vom 1. bis zum 31. Januar öffnet der Transfermarkt seine Schleusen – und die Manager der Bundesliga haben alle Hände voll zu tun. Für Frank Baumann gilt dies ganz besonders: Nach dem Achillessehnenriss von Fin Bartels lautet die wohl drängendste der vielen Aufgaben des Sportchefs im Winter, einen neuen Flügelstürmer an der Weser vorzustellen.

Denn: Dass ein Spielertyp wie Bartels kein zweites Mal im Kader steht, hat Trainer Florian Kohfeldt bei allem Vertrauen in die vorhandenen Spieler mehrfach betont. Und auch mit Blick auf den Sommer scheint es notwendig, dass Werder in der Offensive nachrüstet: Einige Verträge laufen aus, schon im Sinne der Planungssicherheit würde eine weitere Option auf Stammelfniveau guttun.

Einen neuen Spieler zu holen, der ähnliche Eigenschaften wie Bartels mitbringt, ergibt kurz- wie langfristig Sinn. Der Spielermarkt im Winter gilt jedoch als schwierig. Dennoch dürften sich einige Konstellationen ergeben, die für Werder interessante Optionen eröffnen könnten. Wir haben die Gerüchtelage der letzten Wochen Revue passieren lassen und den Transfermarkt auf weitere Optionen untersucht.

Die Soforthilfe zur Leihe

Eine Alternative mit nachgewiesener Klasse wäre wohl die sicherste Bank, um Bartels‘ Ausfall kurzfristig zu kompensieren – und ist ein Kauf zu teuer, wird eine Leihe attraktiv. Der Name Patrick Herrmann etwa kursierte für kurze Zeit, ehe Berater Thomas Kroth gegenüber MEIN WERDER ein mögliches Bremer Interesse am 26-Jährigen zunächst dementierte. Aber: Mit Jonas Hofmann, Ibrahima Traore und besagtem Herrmann konkurrieren gleich drei Rechtsaußen von Bundesligaformat um einen Platz. Als schneller, technisch guter Tiefensprinter entspricht Herrmann zumindest auch dem angeforderten Profil.

Ähnliches lässt sich über André Schürrle sagen – doch dass dieser auf große Teile seines Gehalts verzichtet, nur, um in Bremen anzuheuern, wird wohl ein Traum bleiben. Grundsätzlich ist die in Bremen zu vergebende Spielpraxis mit Blick auf die kommende Weltmeisterschaft allerdings kein schlechtes Argument. Der Kroate Marco Pjaca etwa wechselte vor anderthalb Jahren zu Juventus Turin, nachdem er treffsicherer Flügelstürmer in der Heimat bei Dinamo Zagreb überzeugte. Bei Italiens Alter Dame konnte sich Pjaca nach Verletzungssorgen allerdings bislang nicht etablieren. In dieser Saison ist der 22-Jährige, der mit 1,86 Metern Körpergröße in der offensiven Dreierreihe jede Position spielen kann, noch ohne Einsatzminute. Will Pjaca im Sommer in Russland sicher dabei sein, muss im Winter ein geeigneter Leih-Klub her.

Die unerwünschten Hochbegabten

Maxime Lestienne wurde Anfang Dezember mit Werder in Verbindung gebracht. Der 25-Jährige belgische Linksaußen steht derzeit bei Rubin Kazan in Russland unter Vertrag. Noch vor anderthalb Jahren hat der Tabellenelfte der russischen Liga stolze 10 Millionen Euro für Lestienne gezahlt – heute verlangt Kazan nach Angaben der Nachrichtenagentur „Riafan“ weniger als die Hälfte und wäre bereit, den Flügelstürmer für etwa 4,5 Millionen Euro ziehen zu lassen. Vielleicht könnte die Summe noch schrumpfen: Der Spieler soll nicht mit ins Wintertrainingslager seines Vereins reisen, zudem ist Kazan finanziell angeschlagen und auf Verkäufe angewiesen.

Lestiennes Karriereverlauf verlief wenig geradlinig: Nachdem er mit Anfang 20 seinen Durchbruch beim FC Brügge feierte, wechselte der Flügelstürmer 2014 überraschend zu Al-Arabi nach Katar. Dort absolvierte Lestienne allerdings nie ein Spiel, sondern wurde zunächst zum FC Genua in die Serie A verliehen. In Italien fand Lestienne nie zu seiner Form. Ein Jahr später folgte eine Leihe zu PSV Eindhoven. Lestienne startete stark, war in fünf der ersten sieben Saisonspielen an einem Treffer beteiligt – dann jedoch warf den damals 23-Jährigen ein Schicksalsschlag aus der Bahn: Innerhalb weniger Wochen verstarben beide Elternteile des Belgiers. Auch in Russland gelang es Lestienne als Ergänzungsspieler bislang nicht, die hohen Erwartungen zu erfüllen. Im Januar soll nun ein neuer Verein gefunden werden, bei dem Lestienne seiner angeschlagenen Karriere eine neue Richtung verleihen kann.

Das strebt auch Sinan Gümüs an: Der 23 Jahre alte Deutsch-Türke aus Pfullendorf, der aus der Jugend des VfB Stuttgart 2014 zu Galatasaray Istanbul wechselte, wollte eigentlich schon im Sommer den Verein verlassen. Damals hatte Benfica Lissabon Interesse angemeldet, auch über ein Interesse des HSV war spekuliert worden. Summen zwischen 3,5 und 10 Millionen standen im Raum. Ein Wechsel kam jedoch nicht zustande. Damit war Gümüs‘ Schicksal besiegelt: Trotz starker Torquoten in den letzten beiden Jahren wurde der Rechtsaußen, der von Galatasaray-Fans wegen seines starken linken Fußes bereits mit Lukas Podolski verglichen wurde, kaum noch berücksichtigt. Der Grund: Gümüs provozierte schon zum Ende der Vorsaison, als er auf einen Torjubel verzichtete. Damit unterstrich der Flügelspieler, der mit einem starken Zug zum Tor, Tempo und einer sauberen Technik punktet, seine Wechselabsichten eine Spur zu plakativ. Dazu holte Galatasaray im Sommer Sofiane Feghouli als neue Stammkraft auf Rechtsaußen von West Ham United. Im Januar dürfte Gümüs einen nächsten Versuch unternehmen, die Süper Lig zu verlassen.

Die günstigen Gelegenheiten

Einen Vorteil hat der Transfer-Winter für Werder: Viele abgebende Vereine haben im Januar letztmalig die Chance, eine Ablöse für ihre Spieler zu sehen. Begabte Fußballer, deren Vertrag im Sommer ausläuft, könnten günstig zu haben sein. Etwa Yannis Salibur: Der 26-Jährige, der in der Bretagne beim unscheinbaren Ligue-1-Klub EA Guingamp unter Vertrag steht, hätte bereits ein Jahr zuvor fast den Verein gewechselt. Hull City war damals bereit, etwa 10,5 Millionen Euro für Salibur zu zahlen, reichte die Unterlagen jedoch zu spät ein. Seitdem dürfte einerseits die Vertragslaufzeit den Preis Saliburs gedrückt haben, andererseits gelangen dem Rechtsaußen mit dem explosiven Antritt in der Hinserie lediglich zwei Treffer. In den Vorjahren war Salibur noch deutlich erfolgreicher (2015/2016: Sieben Tore, sechs Assists, 2016/2017: Acht Tore, sechs Assists).

Die Statistiken im Hintergrund legen allerdings nahe, dass Saliburs Flaute nur vorübergehend sein wird: Der Franzose kommt bei Guingamp am häufigsten zum Abschluss, legt die meisten Schüsse auf, verbucht die meisten erfolgreichen Dribblings und erreicht eine gerade für einen Rechtsaußen ungewöhnlich hohe Passquote von 85 Prozent. Angeblich sollen mit AS Saint-Etienne und dem FC Sevilla bereits zwei Interessenten für Salibur angeklopft haben. Sollte der spanische Top-Klub Ernst machen, besteht für Werder wohl keine Chance – bis dahin bliebe Salibur eine spannende Option.

Auch Takumi Minamino würde in das Profil des Bartels-Vertreters passen. Der 22-jährige Japaner, der wie Dortmunds Shinji Kagawa von Cerezo Osaka nach Europa kam, wird seit Januar 2015 in Salzburg bei RB ausgebildet. Dementsprechend weiß Minamino, wie man aktiv gegen den Ball arbeitet und den schnellsten Weg zum Tor findet. Dabei hilft ihm sein Tempo genau wie sein beidfüßig starker Abschluss. Minamino ist nicht auf die Außenbahn beschränkt, sondern kann auch als zweiter Stürmer auflaufen.

Über kurz oder lang wird es den Japaner, der in dieser Saison auf vier Tore und drei Assists in der Liga kommt, in eine der größeren europäischen Ligen ziehen. Anders als ehemalige Salzburger wie Marcel Sabitzer oder Naby Keita gilt Minamino allerdings „nur“ als gutes Talent, nicht als künftiger Topspieler. Dementsprechend scheint es nicht unmöglich, den Offensivallrounder frühzeitig loszueisen: Minaminos Kontrakt läuft noch bis Saisonende – allerdings soll Salzburg eine Option auf Verlängerung besitzen.

Bei welchem Wechselkandidaten sollte Werder es versuchen?

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