Die Liebe zur Null Sieben Gründe für die neue Stabilität bei Werder Bremen

Werder hat den Abstiegskampf noch lange nicht gewonnen. Aber Werder ist mal wenigstens einen Titel los: Als die Schießbude der Liga braucht man die Mannschaft von Alexander Nouri nicht mehr zu bezeichnen.
07.03.2017, 00:00
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Sieben Gründe für die neue Stabilität bei Werder Bremen
Von Olaf Dorow

Werder hat den Abstiegskampf in der Fußball-Bundesliga noch lange nicht gewonnen, auch nicht nach drei Siegen hintereinander. Aber Werder ist inzwischen mal wenigstens einen Titel los. Als die Schießbude der Liga braucht man die Mannschaft von Alexander Nouri nicht mehr zu bezeichnen.

Die Zahlen sehen ganz gut aus. Der Trend, den sie andeuten, erst recht. Zum Trend sagt Werders Sportchef Frank Baumann: „Es hatte sich ja bereits vor der Winterpause angedeutet, dass die ganze Mannschaft sich stabilisiert. Und die Vorbereitung hat sie genutzt, das auszubauen.“ Was die Resultate, die Tore und Gegentore anbelangt, war allerdings zunächst niemand schlechter als Werder in die Rückrunde gestartet. Nach drei Rückrundenspielen hatten alle schon mindestens drei Punkte. Außer Werder. Werder lag bei null. In der Kategorie Gegentore lagen die Bremer schon wieder weit hinten. Nur Darmstadt hatte noch mehr kassiert.

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Doch Werder schaffte mit Verzögerung tatsächlich, an das anzuknüpfen, was sich in der Weihnachtszeit angedeutet hatte: eine Wende zum Besseren. Inzwischen steht die Mannschaft auf Rang neun der Rückrundentabelle. Nur vier Mannschaften haben weniger Gegentore kassiert. Woran lag es? Am Glück? Ja, daran auch. Es finden sich aber noch mehr Gründe für die neue Bremer Stabilität. Viel mehr. Zusammen mit dem Glück kommt man auf sieben.

Grund 1: Der Rückhalt

Werder sucht zur neuen Saison nach einem guten Torwart, hieß es lange. Das hatte eine Menge mit Felix Wiedwald zu tun. Zu groß wirkten dessen Schwankungen und Defizite. Zu selten hielt er mal welche von den ganz schweren Bällen. Zu schlecht sei er als mitspielender Torwart, zu schwach in der Strafraumbeherrschung. Neuerdings heißt es: Vielleicht ist ein guter Torwart schon da. Und auch das hat jede Menge mit Felix Wiedwald zu tun. Er war zuletzt genau der, den man brauchte da hinten am Ende des Platzes: ein sicherer Rückhalt. Einer, der ganz schwer zu haltende Bälle hielt. Wiedwald hat in Mainz und Wolfsburg und auch gegen Darmstadt solche Bälle gehalten – und damit auch seine Mannschaft im Spiel. Wenn es so weitergeht mit ihm, dann wird er noch einer, der gut mitspielt und vorzüglich die Strafraumbeherrschung beherrscht. Auf die Frage, ob Felix Wiedwald derzeit reichlich Argumente für eine Vertragsverlängerung sammeln würde, sagte am Montag Frank Baumann erst mal: „Ja klar.“ Ohne jedoch damit bestätigt zu haben, dass es wirklich bald neuen Vertrag für den Keeper gibt. Dass es so kommt, braucht man inzwischen wohl deutlich weniger auszuschließen als noch vor wenigen Wochen.

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Grund 2: Das Duo

Sie stehen schon lange da im Abwehrzentrum. Sie sind so erfahren. Lange hatte Werder nicht mehr so erfahrene Innenverteidiger wie Lamine Sané und Niklas Moisander. Und doch waren sie irgendwie Anfänger, als sie im Sommer kamen. Sie kamen aus ganz unterschiedlichen Ligen und Spielkulturen. Sie waren neu, sie mussten sich finden, wie man so gerne sagt. Verletzungen erschwerten den Findungsprozess. „Sie konnten sich ja gar nicht einspielen im Sommer, deswegen hat es vielleicht ein bisschen länger gedauert“, sagt Baumann. Mittlerweile wirkt es, als sei dieser Findungsprozess weitgehend abgeschlossen. Die Abstimmung klappt besser. Sané und Moisander sind ein fixes Duo dort im Abwehrzentrum. Sie haben sich, um es neudeutsch zu sagen: eingegroovt. Sie können mittlerweile ein Signal aussenden an die Mitspieler: Ja, wir zwei hier hinten, wir passen auf.

Grund 3: Die Außenposten

Es tut sich etwas da draußen an der Seitenlinie. Rechts wie links. Zum einen wird immer deutlicher, dass die Verpflichtung des Olympia-Zweiten Robert Bauer ein Gewinn war. Der Außenverteidiger, der aus der Verteidigungsfabrik Ingolstadt geholt wurde, wirkte schon bald nach seiner Ankunft in Bremen wie ein Mittel gegen diese eigenartige Bremer Scheu vor Zweikämpfen. Nicht wenige hatten diese Abneigung schon als eine Art chronische Werder-Krankheit betrachtet. Robert Bauer gelingt bei Weitem nicht alles, aber ihm gelingt oft der rechte Zweikampf zur rechten Zeit. Er hinterlässt den Eindruck: Eine Werder-Abwehrreihe mit Bauer ist robuster als eine ohne Bauer. Neuerdings gibt es noch zwei Nebeneffekte des Bauer-Effekts. Der im Konkurrenzkampf zunächst von Bauer verdrängte Theodor Gebre Selassie ist nicht schlechter, sondern besser geworden. Und zweitens: Weil Bauer auch auf links einsetzbar ist, kann Werder es sich leisten, vorerst auf Santiago Garcia zu verzichten. Ein Nachteil war das bislang nicht.

Grund 4: Das Zentrum

Sie hatten sich so auf die Ankunft des Thomas Delaney gefreut. Und tatsächlich: Seit Januar, als der Mann aus Kopenhagen kam, um das defensive Mittelfeld zu verstärken, wirkt Werders defensives Mittelfeld deutlich stärker als vorher. Sollte man schon vom Delaney-Effekt sprechen? Vom Geist des Delaney? Selbst wenn der Vorkämpfer in der Mitte des Platzes nicht dabei ist, hält Werder in der Mitte des Platzes neuerdings mit mehr Schmackes dagegen, als es über weite Teile der Hinrunde der Fall war. Obwohl zuletzt nicht nur Delaney ausfiel, konnte Werder stets zwei Sechser vor die Abwehrreihe stellen, die – zumindest mit Abstrichen – das anspruchsvolle Anspruchsprofil in der Mitte des Platzes mit Leben füllen konnten. Werder kann dort konkurrenzfähiges Personal einsetzen, selbst wenn dort weder Thomas Delaney, Clemens Fritz, Philipp Bargfrede, Florian Grillitsch oder Zlatko Junuzovic spielen. „Dann konnten wir das trotzdem gut auffangen“, sagte Frank Baumann. Dann waren da immer noch die jungen Maximilian Eggestein oder Milos Veljkovic. Beide haben schon gezeigt, dass man auf sie zählen kann.

Grund 5: Die Helfer

Seit jeher werden Trainer nicht müde, auf diese Grundregel beim Verteidigen hinzuweisen: Das Verteidigen fängt bei den Angreifern an. Das gilt heute noch viel mehr, als es früher schon galt. Früher lehrten die Fußballlehrer noch nicht so flächendeckend, dass möglichst viele möglichst schnell hinter den Ball zu kommen haben. Dass sich sofort alles Mögliche zu verschieben hat, wenn man den Ball verliert. Oder dass dem ballführenden Gegenspieler stets nur wenig Zeit und Raum zu lassen ist. In den jüngsten Werder-Spielen konnte man gut beobachten, dass die, die vor allem fürs Verteidigen zuständig sind, unterstützt wurden von denen, die fürs Angreifen zuständig sind. Er wolle ausdrücklich betonen, wie sehr die Stürmer Max Kruse und Serge Gnabry geholfen hätten, sagte zwischen dem Wolfsburg-Spiel und dem Darmstadt-Spiel der Abwehrchef Lamine Sané. Frank Baumann sagte am Montag: „Das Bewusstsein, im offensiven Bereich mitzuarbeiten, war am Anfang der Saison noch nicht so da.“ Jetzt sei es schon viel mehr da. Kruse läuft die Gegner an. Er attackiert die Gegner. Er setzt sie unter Druck. Er ist als Mann ganz vorne eine ­Hilfe für ganz hinten. Würde er darauf verzichten, wäre es für die ganz hinten noch mal deutlich schwieriger, alles sauber zu halten.

Grund 6: Der Planer

Es ist komisch: Der Plan, mit dem Werder zuletzt in die Spiele gegangen ist, ging nur teilweise auf. Trainer Alexander Nouri wird seinen Leuten nicht gesagt haben, dass sie die Wolfsburger so oft schießen lassen sollen. Dass sie den Darmstädtern erst mal den Vortritt lassen sollen. Doch zum einen haben Nouris Leute das in der zweiten Halbzeit gegen Darmstadt auch nicht mehr gemacht, zum anderen steht nach den jüngsten drei Spielen nun mal als Fakt da: Nouri hat seine Leute zu drei Siegen hintereinander geführt. Er hat auf Experimente verzichtet, die etwas zu gewagt wirken und die schließlich doch nur zur Niederlage beitragen. Er hat es geschafft, ein besseres defensives Denken und Handeln in die Mannschaft zu tragen. Seine Mannschaft versteht sich mehr als ein Ensemble, das versucht, gemeinsam zu verteidigen.

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Grund 7: Das Glück

Keine Frage. Die zwei jüngsten Werder-Spiele taugten zur Beweisführung, dass es diesen Fußballgott doch geben muss. Sowohl Wolfsburg als auch Darmstadt durften zu Recht beklagen, dass sie trotz starker und chancenreicher Auftritte gegen Werder nicht einen einzigen Punkt abbekommen haben. Aber soll man das rügen, dass Werder Glück hatte? Wenn es wie den Fußballgott auch diesen Bayern-Dusel gibt, dann wäre es nur konsequent, wenn es auch den Werder-Dusel gibt. Und nun hat ihn Werder halt zweimal in Anspruch genommen. Es gibt schlimmere Vergehen im Fußball. Man sollte nur kein Prinzip daraus machen. Wie man hört, hat Werder das auch nicht vor.

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