Werder Bremen Sieben Gründe für Platz zwei

Bremen. Werder ist Tabellenzweiter, und egal, ob die Bremer nun tatsächlich Bayern-Jäger sind oder nicht: Bei Werder hat sich nach der Katastrophensaison 2010/2011 sehr, sehr viel zum Guten verändert. Hier sind sieben Gründe für Platz zwei.
28.09.2011, 05:00
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Sieben Gründe für Platz zwei
Von Marc Hagedorn

Bremen. Claudio Pizarro war vor zwei Wochen im "Aktuellen Sportstudio" zu Gast. Werders Stürmerstar legte einen ausgesprochen sympathischen Auftritt hin, gab sich charmant und plauderte locker-flockig mit dem aus London zugeschalteten Per Mertesacker. Am Ende der Sendung musste der Werder-Torjäger noch an die Torwand. Pizarro stellte sich zunächst ein wenig ungeschickt an, traf aber mit dem dritten Schuss dann doch wenigstens ein Mal. Da der Herausforderer sechs Mal daneben zielte, hatte Pizarro auch dieses Kräftemessen gewonnen.

So ist das mit Werder in dieser Saison: Werder spielt wieder so erfolgreich wie einst, als fast ganz Deutschland den Verein auch wegen Typen wie Pizarro gern hatte. Werder gewinnt zurzeit die meisten Spiele, weil irgendwann doch noch die entscheidenden Treffer gelingen, sei es an der Torwand oder in der Bundesliga. Und: Weil die Konkurrenten sich oft nicht besonders clever anstellen, darf Grün-Weiß am Ende nicht nur im "Aktuellen Sportstudio" jubeln. Werder ist Tabellenzweiter, und egal, ob die Bremer nun tatsächlich Bayern-Jäger sind oder nicht: Bei Werder hat sich nach der Katastrophensaison 2010/2011 sehr, sehr viel zum Guten verändert.

1.Der Frings-Effekt: Torsten Frings sei ja "kein Obermacker" gewesen, sagt Mannschaftskapitän Clemens Fritz. Aber natürlich, führte Trainer Thomas Schaaf in einem Gespräch mit der Zeitung "Die Welt" aus, natürlich habe Frings "eine gewisse Art" gehabt. Schaaf: "Der hat nicht lange gefragt. Wenn ihm was nicht gepasst hat, war er emotional. Ich glaube aber, dass die Spieler das ganz gut werten konnten." Und wenn sie es nicht konnten, dann ist es jetzt auch egal, Frings spielt in Toronto.

In die Hierarchie ist deshalb Bewegung gekommen, noch mehr, als schließlich auch Per Mertesacker noch ging. Werders Mannschaft muss neue Strukturen finden und Konturen gewinnen. Das scheint zu funktionieren: Clemens Fritz, ein integrativer Charakter, ist der ideale Kapitän. Besonders leicht hatten es unter diesen Umständen die Neuzugänge. Andreas Wolf, Lukas Schmitz und Sokratis Papastathopoulos sind sehr selbstbewusste Typen, die den Mannschaftsgedanken über alle anderen Dinge stellen. "Sie leben absolute Professionalität vor", sagt Werder-Boss Klaus Allofs. Wie gut das Miteinander funktioniert, verdeutlicht auch die Tatsache, dass der in der Vorsaison engagierte Mentaltrainer Jörg Löhr seit dem Trainingslager in Donaueschingen nicht mehr mit der Mannschaft arbeiten musste.

2.Der kollektive Formanstieg: Nahezu jeder Spieler macht seinen Job jetzt besser als im Vorjahr. Exemplarisch dafür drei Spieler: Aaron Hunt - einer der lauffreudigsten Mittelfeldspieler der ganzen Liga zurzeit. Marko Marin - hat sein Spiel umgestellt und schickt sich damit an, den nächsten Schritt in seiner Entwicklung zu machen, den sie bei Werder eigentlich schon im vergangenen Jahr erwartet hatten. Schließlich Marko Arnautovic - der personifizierte Wandel auf und neben dem Spielfeld. In seiner ersten Bremer Saison ließ er keine Gelegenheit aus, mit Anlauf in die Fettnäpfchen zu springen. Heute verkneift er sich jede Großmäuligkeit. Das macht ihn für manche Medien vielleicht langweiliger, seiner fußballerischen Sozialisation indes kommt das zugute, zumal er auf dem Platz die Grundlagen des Spiels offenbar endlich verinnerlicht hat. Er rennt vor, er rennt zurück, er dribbelt, er spielt ab - jetzt muss er im Abschluss noch gefährlicher werden.

3.Schaafs Umstellungen: Im Vorjahr - bedingt durch Verletzungen und Formschwächen - musste Thomas Schaaf wöchentlich umstellen; personell und taktisch. Werder spielte mal mit einer Spitze, mal mit zweien, mal mit Raute, mal mit Doppelsechs. Jetzt hat der Trainer das Personal für die Wiederbelebung des Erfolgsmodells Raute. Der vielleicht wichtigste Schachzug dabei: Fritz spielt nun im Mittelfeld, nachdem er jahrelang rechter Verteidiger war. Fritz vereinigt das Beste aus beiden Rollen in sich: Nach hinten arbeitet er konsequent und zuverlässig, wie er es gewohnt war. Und weil der Weg zum gegnerischen Tor für ihn jetzt nicht mehr so weit ist, bringt er sich beeindruckend ins Offensivspiel ein: ein Saisontor und eine Vorlage stehen als Offensiv-Output schon in seiner Statistik.

4.Das Selbstvertrauen: Werder lag gegen Freiburg, in Hoffenheim und gegen Hertha immer mit 0:1 zurück - und gewann trotzdem alle Spiele. Gegen Hertha fiel das Siegtor sogar erst weit in der Nachspielzeit. "Man kann die Mannschaft nur loben, dass sie nie aufgegeben hat", sagte Schaaf nach dem Hertha-Spiel, "sie hat bis zum Schluss daran geglaubt, das entscheidende Tor zu machen." Welche Eigendynamik diese Mischung aus Teamgeist, Selbstvertrauen, Kampfkraft, Einsatzfreude und Glück entwickeln kann, haben in der vergangenen Saison die Beispiele Hannover 96, SC Freiburg, FSV Mainz 05 und 1. FC Nürnberg eindrucksvoll gezeigt. Werder spielt dabei sehr effektiv und glänzte weder in Hoffenheim, noch in Nürnberg oder jetzt gegen Hertha. Sieben Punkte gab's dafür trotzdem. Ein Spiel wie das am zweiten Spieltag in Leverkusen (0:1), in dem Werder viel zu zögerlich agierte, würde die Mannschaft im Moment wohl nicht verlieren.

5.Die personellen Alternativen: Naldo, Wesley, Marin, Rosenberg - das sind die Namen der Spieler, die am Sonntag beim Anpfiff nicht gespielt haben. Die starke Ersatzbank führt dazu, dass Schaaf bisher in jedem Spiel nachlegen konnte. Der eingewechselte Rosenberg zum Beispiel schoss in Hoffenheim das Siegtor und bereitete den Siegtreffer gegen Hertha vor. Wesley traf nach seiner Einwechselung gegen Freiburg, Marin schlug gegen Hertha die Ecke, an deren Ende Pizarros Kopfballtor stand.

Schaaf kann trotz Verletzungen taktisch aus dem Vollen schöpfen. Das ermöglicht dem Trainer mehr als nur 1:1-Wechsel, also mehr als den Tausch Stürmer gegen Stürmer oder Mittelfeldspieler gegen Mittelfeldspieler. Gegen Hertha etwa nahm Schaaf Linksverteidiger Schmitz raus und brachte Stürmer Rosenberg. Das funktionierte, weil bestimmte Spieler eine gewisse Flexibilität besitzen: Fritz rückte mit dem Tausch vom Mittelfeld nach hinten rechts in die Viererkette, Aleksandar Ignjovski wechselte von rechts rüber nach links.

6.Der Spielplan: Im Weserstadion hatte Werder den HSV (zurzeit Letzter), Freiburg (Vorletzter), Kaiserslautern (15.) und Hertha (12.) zu Gast. Die Spiele gegen Meister Dortmund, Top-Favorit FC Bayern oder gegen Schalke 04 folgen erst noch. Werder hat sich, könnte man sagen, über lösbare Aufgaben die Sicherheit für die großen Herausforderungen geholt.

7.Die Probleme der Gegner: Leverkusen? Nur Elfter mit schon drei Niederlagen. Dortmund? Nur Achter mit schon drei Niederlagen. Hannover 96? Gut, aber dauerbelastet. Kapitän Clemens Fritz hatte schon nach den ersten Spieltagen geunkt: "Ich bin mal gespannt, wie die anderen Klubs die Dreifachbelastung aus Liga, Pokal und internationalem Geschäft wegstecken." Für den Moment lässt sich festhalten: nicht so ohne Weiteres. Über 40 Spiele drohen unmittelbaren Werder-Konkurrenten noch - Reisestrapazen, Sperren, Verletzungsgefahr inklusive. Die Bremer Profis dagegen wissen schon heute, dass sie nur noch 27 Mal spielen müssen. Spielen für das Ziel, im Sommer 2012 wieder international dabei zu sein.

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