Zurückgeblättert: 3. August 2009

„Sieg im Papierkrieg“

Seit 1963 spielt Werder in der Bundesliga, mehr als fünf Jahrzehnte, in denen sich im Fußball, bei Werder und in der Berichterstattung viel verändert hat. Wir zeigen die Originaltexte und Zeitungsseiten.
03.08.2019, 11:54
Lesedauer: 3 Min
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Von (wkf)
„Sieg im Papierkrieg“
Weser-Kurier Archiv

Am 3. August 2009 schrieb der WESER-KURIER:

Am gefährlichsten war Union vor dem Anpfiff. Eine Papierschlange nach der nächsten sauste von der Fantribüne in den Bremer Strafraum, das Fangnetz hinterm Tor hielt die weißen Kassen-Rollen nicht
auf. Werders Keeper Tim Wiese fühlte sich, „als wär’ ich in Argentinien“. Klaus Allofs, Werders Chef, fand das nicht so lustig. „Die Dinger sind wie Steine. Wenn das einer an den Kopf bekommt, hat er ein Loch im Kopf“, schimpfte Allofs. Der Schiedsrichter wird einen Sonderbericht anfertigen, Union Berlin wird wohl bestraft
werden. Ansonsten ist der Zweitligist gestern in der ersten Runde des DFB-Pokals noch vom Pokalverteidiger Werder Bremen bestraft worden.

So sehr wie die Fans Papier durch die Berliner Luft warfen, so sehr enttäuschten die Berliner Spieler. Sie waren nur Papiertiger, die von Werder aufgefressen wurden. Werder siegte 5:0 (3:0). „Wir waren gleich von Anfang an eiskalt“, sagte Werders Kapitän Torsten Frings, und damit war schon mal das erste Lob fällig für den gestrigen Bremer Auftritt. Eiskalt gewesen zu sein, hatte nicht nur die Nerven der Fans geschont. Union schickte nicht nur ein brodelndes, papierbewaffnetes und volles Stadion (19000 Zuschauer) in den Kampf, sondern hatte auch ein Wetter bestellt, das sonst den Feuchtgebieten am Amazonas vorbehalten ist.

So schien es höchst angezeigt, schnell für klare Verhältnisse auf dem Platz zu sorgen, damit aus der Hitze auf Rängen und Platz nicht ein unbeherrschbares Gemisch zusammenwuchs. Werder erledigte das souverän. Marko Marin spielte gleich in der zwölften Minute Boubacar Sanogo den Ball in den Lauf, der Stürmer zielte aus recht spitzem Winkel präzise wie eiskalt. Schon stand es 1:0, schon war die gefühlte Hitze viel geringer
als die tatsächliche. Und die Betriebstemperatur auf den Rängen ging weiter runter: Nach 20 Minuten nutzte, nach einer Ecke von Frings, Naldo die Verwirrung der Union-Verteidiger. Sie bekamen den Ball einfach nicht raus, Naldo bekam ihn rein ins Berliner Tor, gekonnt mit dem Außenrist. Die Verhältnisse klärten sich noch mehr, als kurz darauf Union vorgeführt wurde. Petri Pasanen schickte auf der linken Seite Hugo Almeida auf die Reise. Der zeigte, wie schnell er, auch mit Hilfe einer Gewichtsreduzierung, inzwischen pesen kann. Almeida bediente seinen Sturmpartner Sanogo, der nur noch ins leere Gehäuse zu schießen brauchte, fertig war das Lehrbuch-Tor.

Erledigt waren nun auch die eisernen Unioner, nach dem 3:0 für den überlegenen Gegner blieb den Fans nur noch, sich selbst zu feiern. Das machten sie wirklich sehr ausführlich. Konnten sie auch, denn auf dem Platz passierte jetzt erstmal nicht mehr allzu viel. Werder versuchte sich zwar ein bisschen zu sehr im Verwaltungsfußball, was den Profis eine sanfte Kritik vom Chef einbrachte. „Das hat mir nicht so gefallen“, sagte Trainer Thomas Schaaf, der ansonsten recht zufrieden war. Werder wirkte aber auch in jener Verwaltungsphase als das dominantere Team, obwohl Schaaf die Offensiv-Abteilungn im Mittelfeld tauschte, als wäre es ein weiteres Testspiel. Hunt und Bargfrede kamen für Özil und Marin.

Als genug verwaltet war, zeigte Werder dem Papiertiger nochmal seine scharfen Krallen. Marcelo Moreno, der Neuzugang aus Bolivien, sollte nicht der einzige unzufriedene Angreifer auf diesem gelungenen Betriebsausflug bleiben. Kaum war er eingewechselt, versorgte ihn der beste Vorbereiter des Tages (Almeida) mit einem Kopfball. Frei vorm Tor, ließ sich Moreno das nicht entgehen – 4:0 (87.). Zwei Minuten später schlüpfte Aaron Hunt in die Rolle des Moreno-Versorgers. Der Neue schloss trocken ab, es stand 5:0, und Moreno sagte in die Mikrofone: „Ich bin überglücklich.“ Es war ein guter Tag, um glücklich oder froh zu sein. Rückkehrer Tim Borowski fragte in der Mixed-Zone, gegen die die Amazonas-Gegend als Kühlschrank durchgegangen wäre, die Reporter: „Habt Ihr die Heizung angemacht?“ Borowski hatte gute Laune.

Das hochauflösende PDF der originalen Zeitungsseite von damals gibt es hier (bei iOS den Link länger gedrückt halten).

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