Werder im Abstiegskampf Skripnik: "Warum soll ich Angst haben?"

Viktor Skripnik darf als Werder-Trainer weitermachen - und spricht über seine Situation, die fehlenden Ergebnisse und den Abstiegskampf: "Man merkt, dass jeder Angst hat, ein Tor zu kassieren!“
29.02.2016, 00:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Skripnik:
Von Andreas Lesch

Viktor Skripnik darf als Werder-Trainer weitermachen - und spricht über seine Situation, die fehlenden Ergebnisse und den Abstiegskampf: "Man merkt, dass jeder Angst hat, ein Tor zu kassieren!“

Viktor Skripnik wird gewusst haben, welche Fragen jetzt kommen. Wie nah geht ihm die Debatte um seinen Job, die durch Werders 2:2 am Tag zuvor gegen den Aufsteiger Darmstadt 98 noch lauter geworden ist? Sieht er die Partie am Mittwoch bei Bayer Leverkusen als sein ganz persönliches Endspiel? Wieviel Rückendeckung spürt er von Geschäftsführer Thomas Eichin? Irgendwann im Laufe der Interviewrunde sagt Skripnik: „Bitte reden Sie mit anderen Personen über mich. Ich mach‘ mein Ding.“ Und: „Ich bin schon 20 Jahre bei Werder Bremen unter Vertrag, und ich mache meinen Job, wie ich kann. So ist es.“

Werders Trainer hat offenbar beschlossen, mit einem Tunnelblick durch den Abstiegskampf der Bundesliga zu gehen. Er versucht, alles von sich fernzuhalten, was ihn stört. Er sieht nur noch das, was er sehen will. Er denkt nur noch das, was er denken will. Er sagt nur noch das, was er sagen will. Er hat mit seinem Team nicht mehr so furchtbar viele Chancen, im Kampf um den Klassenerhalt voranzukommen. Aber die will er nutzen, und dafür braucht er die totale Konzentration.

Lesen Sie auch

Verrückt machen lässt Skripnik sich nicht von der Frage, ob er bald entlassen wird. „Ich habe das auch schon beim letzten und vorletzten Spiel gehört oder damals nach fünf Niederlagen in Folge“, sagt er. „Ich bin voll Werderaner, und Werder steht nicht nur hinter mir, sondern auch hinter der Mannschaft und meinem Team. Niemand lässt uns da im Stich.“ Natürlich gebe es Kritiker, aber es gebe „genauso viel Unterstützung und so viele nette Worte. Da kannst du echt begeistert sein.“ Nur führt diese Begeisterung zurzeit nicht zu Siegen. „Echt schade, dass wir nicht liefern können“, sagt Skripnik.

Lesen Sie auch

Im Spiel gegen Darmstadt hat der Trainer keine Aufstellung und keine Taktik gewählt, die auch dem letzten Laien eine Steilvorlage für ätzende Kritik liefert. Er hat die Besten aufgeboten, die Werder zurzeit hat, und diese Besten haben nach eigener Auskunft ihr Bestes gegeben. Für einen Sieg gegen den ärgsten Außenseiter der Liga waren sie trotzdem nicht gut genug. Das zeigt, wie ernst die Lage ist.

Den Bremern gehen im Abstiegskampf allmählich die Lösungen für all ihre Probleme aus. Sie nähern sich der gefährlichen Phase, in der ein negativer Trend sich verselbständigt – und in der man leicht den Eindruck gewinnen kann, jetzt habe sich wirklich die ganze Welt gegen einen verschworen. Am Wochenende hat der Ex-Bremer Sandro Wagner für Darmstadt gegen Werder getroffen, der Ex-Bremer Tobias Kempe hat ein Tor vorbereitet. Beim Tabellenletzten Hannover hat der Ex-Bremer Christian Schulz seinem Trainer Thomas Schaaf den ersten Sieg beschert, und dass auch Schaaf ein Ex-Bremer ist, versteht sich von selbst.

Lesen Sie auch

All die Bremer von früher scheinen also zu funktionieren. Bei den Bremern von heute aber funktioniert immer weniger. Bei ihnen geht die Angst um. „Man merkt, dass jeder Angst hat, ein Tor zu kassieren“, sagt Skripnik. „Keiner wollte einen entscheidenden Fehler machen.“ Er glaubt, dass er dagegen nicht viel machen kann: „Das ist Kopfsache. Aber du kannst das nicht trainieren. Jeder muss damit alleine klarkommen.“ Skripnik hat in den vergangenen Wochen so viel probiert, und so wenig ist ihm gelungen. Er schafft es zu selten, seine Spieler zu einem Team zusammenzubauen, das funktioniert und das all das zeigt, was es kann. Werder hat die schlechteste Heimbilanz der Liga und die meisten Gegentore der Liga. Werder hat immer mehr Bilanzen, die eindeutig Absteiger-Bilanzen sind. Was tun?

„Es ist für uns alle schwierig“, sagt Angreifer Claudio Pizarro. „Ich glaube, es kann nicht noch schlimmer werden.“ Und wenn doch? Die Bremer haben, um einen Impuls zu setzen, jetzt eigentlich nur noch eine Möglichkeit: den Trainerwechsel. Diese Möglichkeit nutzt Eichin zumindest bis zum nächsten Spiel nicht. Pizarro betont, die Mannschaft vertraue dem Trainer: „Wir stehen hinter ihm. Wir versuchen, alles zu geben, damit er in Ruhe arbeiten kann.“ Natürlich weiß Pizarro, dass es mit der Ruhe in Wahrheit längst vorbei ist.

Und Skripnik weiß, dass auch sein ganz persönlicher Abstiegskampf längst begonnen hat. Vor anderthalb Jahren ist er zum Erstligatrainer befördert und als Werders Retter gefeiert worden. Jetzt erlebt er, wie schnell sich die Dinge im Fußball drehen können. Wie ist es mit ihm? Hat er Angst vor dem Abstieg? „Warum soll ich jetzt Angst haben?“, antwortet Skripnik. „Das ist nicht das vorletzte Spiel und nicht das letzte. Wir haben vielleicht keinen Extra-Trumpf mehr, aber es ist noch alles offen.“ Er glaubt wirklich daran, er will daran glauben, unbedingt. „Wir leben nach wie vor“, sagt Skripnik. „Wir haben noch Chancen ohne Ende.“ Auf solche positiven Gedanken will er sich konzentrieren.

Claudio Pizarro, der Mann, der im Fußball schon so viel erlebt hat, glaubt, dass das richtig ist. Er sagt: „Wenn man negativ ist, dann geht alles schief.“

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+